Kolumnist: Redaktion boerse-frankfurt.de

pfp Advisory: "M&A in Zeiten von Corona"




04.06.20 13:14
Redaktion boerse-frankfurt.de

Fondsmanager Frank sieht eine nachhaltige Delle bei Fusionen und Übernahmen – mit Stress für die einen und Chancen für die anderen. 
 


2. Juni 2020. FRANKFURT (pfp Advisory). Wie im allgemeinen Wirtschaftsleben haben die Eindämmungsmaßnahmen auch vieles im Bereich Übernahmen und Fusionen, dem M&A-Markt, eingefroren. Laut Daten von Refinitiv fiel das Volumen bei Mergers und Acquisitions weltweit im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal um 28 Prozent – und in diesem Auftaktquartal war die Weltwirtschaft ja nur phasenweise von Corona überhaupt betroffen. Isoliert für den Monat März sehen die Zahlen noch düsterer aus. War im europäischen m&A-Geschäft im Februar laut Refinitiv sogar noch ein 20-Monats-Hoch erreicht worden, sackte das Transaktionsvolumen im März um 35 Prozent gegenüber dem Vormonat ab.


Für den April und Mai liegen noch keine belastbaren Daten vor. Meine eigenen Eindrücke aus den Gesprächen mit Unternehmensvorständen lassen mich aber vermuten, dass es noch eine ganze Weile haken wird. Ein durchaus übernahmefreudiger CEO eines deutschen IT-Unternehmens kündigte an, dass er in den kommenden Monaten sicherlich keine neuen Deals anpacken werde. Solange er die wichtigsten Personen eines Zielunternehmens nicht persönlich treffen und mit ihnen nicht von Angesicht zu Angesicht verhandeln könne, werde er „definitiv nichts“ übernehmen. „Virtuelles M&A“, womöglich auch noch aus dem Home-Office heraus, sei in der Praxis nicht durchführbar, zumindest nicht bei neuen „Targets“.


Aber auch allgemein verlieren M&A-Aktivitäten in Krisenzeiten für viele Aktiengesellschaften an Bedeutung. Schließlich haben die Firmen im Moment andere Sorgen. Wer seine tägliche Liquidität nur mit Mühe sicherstellen kann, wird schwerlich Gedanken an Übernahmen verschwenden. Und manche Banken, die derartige Akquisitionen in normalen Zeiten gerne finanzieren würden, sind momentan gut damit ausgelastet, sich selbst wetterfest zu machen.


Natürlich können Krisenphasen für finanziell gesunde Unternehmen auch große Chancen eröffnen. In jeder Krise wird die Schlagzahl der Schumperter‘schen Zerstörung kräftig erhöht und branchenweit ordentlich konsolidiert. So manches attraktive Unternehmen wird plötzlich auf dem Wühltisch feilgeboten. Wohl dem, der mit viel Cash an der Seitenlinie steht und sich aussuchen kann, welche der kriselnden Konkurrenten er aufkauft. Quasi über Nacht wurde der M&A-Markt zum Käufermarkt, nachdem dort jahrelang die Verkäufer das Sagen hatten. 


"So manches attraktive Unternehmen wird plötzlich auf dem Wühltisch feilgeboten."


Das gilt übrigens auch für vermeintlich bereits eingetütete Deals. So manche Käufer könnten die aktuelle Krisensituation nutzen und beim Kaufpreis nachverhandeln wollen. Das muss noch nicht einmal ungerechtfertigt sein, hat doch die Corona-Krise den Wert etlicher Zielunternehmens deutlich reduziert. Hat die Verkäuferseite zu knapp kalkuliert und den ursprünglichen Kaufpreis und die erwarteten Cashflows bereits fest eingeplant, kann es schnell gefährlich werden.


Die Neujustierungen in der Krise könnten sicher geglaubte Deals sogar zum Platzen bringen. Erst recht, wenn die Finanzierung aggressiv aufgesetzt war und nach Corona plötzlich wackelt. Nicht immer helfen Bankgarantien oder Versicherungen, wenn Käufer Schwierigkeiten bekommen. War der Deal „nur“ unterzeichnet, aber noch nicht tatsächlich vollzogen (neudeutsch: es lag nur ein Signing vor, aber kein Closing), können die Parteien in der Regel von einem Rücktrittsrecht Gebrauch machen. Und das dürften sie in diesen bewegten Zeiten vermutlich häufiger nutzen als in normalen. 


Solange die Corona-Krise persönliche Kontakte also deutlich erschwert, wird sich der M&A-Markt m. E. nur mit Mühe berappeln. Dafür spricht auch, dass nach den vorherigen beiden Krisen 2000–2002 (New-Economy-Bubble) und 2007–2009 (Finanzkrise) die M&A-Volumina spürbar schrumpften. Gemäß IMAA analysis dauerte es nach dem Gipfel 2000 sieben Jahre, bis das frühere Rekordvolumen wieder erreicht war. Das Peak von 2007 wurde bis heute nicht übertroffen. Deshalb glaube ich im Gegensatz zu zahlreichen M&A-Experten nicht, dass sich die Volumina schnell auf alte Niveaus erholen. So mancher verpasste oder vertagte Deal dürfte nach Corona nicht nachgeholt werden.


von Christoph Frank, 2. Juni 2020, © pfp Advisory


Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 20 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (WKN DWSK62), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds. Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.




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