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Die Zukunft des Energiesektors - Disruption oder Neuausrichtung?




11.05.22 16:11
M&G Investments

London (www.aktiencheck.de) - Die Invasion der Ukraine durch Russland hat neben den katastrophalen humanitären Konsequenzen auch massive Auswirkungen auf die Energiewirtschaft, so Ivan Domjanic, Capital Market Strategist bei M&G Investments.

Denn dadurch sei der Welt ihre Abhängigkeit von fossilen Energieträgern wie Öl und Gas eindrucksvoll vor Augen geführt worden. Der Westen habe mit einer entschlossenen Ankündigung reagiert, sich von russischer Energie und auch von fossilen Brennstoffen allgemein unabhängig zu machen. Das werde zu einem beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien führen. Gleichzeitig dürfe das Angebot von Öl und Gas nicht gefährdet werden.

Anhaltend hohe und steigende Energiekosten würden die Wirtschaft erheblich belasten

Eine plötzlich einsetzende Knappheit von Energierohstoffen habe im Extremfall das Potential, die Weltwirtschaft in eine Rezession zu stürzen. Dabei gehe es nicht nur um die Energiekosten selbst, sondern auch um den kostenseitigen inflationären Druck, den steigende Energiepreise mit sich bringen würden. Denn wie mehr und mehr deutlich werde, würden sich die seit über einem Jahr anziehenden Preise für Öl und Gas langsam aber sicher durch sämtliche Produktionsketten ziehen - von den Herstellungsprozessen energieintensiver Güter bis hin zu den steigenden Transportkosten in einer global vernetzten Welt. Eine auf erneuerbaren Energien basierende Wirtschaft würde die Risiken, die sich aus den massiven Schwankungen der Öl- und Gaspreise ergeben würden, deutlich reduzieren. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Öl - und Gasnachfrage steige vorerst weiter

Die Weltwirtschaft werde sich über die nächsten Jahre wahrscheinlich an volatile und erhöhte Energiepreise gewöhnen müssen. Denn der Ausbau der Erneuerbaren hinke dem zu erwartenden Energiebedarf weit hinterher.

Die wachsende Weltbevölkerung in Kombination mit einer stärker werdenden Mittelschicht in den Schwellenländern werde den Energiehunger zwangsweise weiter nach oben treiben. Gerade in den Schwellenländern sei eine Abkehr von fossilen Energieträgern derzeit noch schwer vorstellbar. Dementsprechend werde die Nachfrage nach Öl und Gas realistischerweise noch für eine ganze Weile bestehen bleiben und für einige Jahre sogar weiter ansteigen, auch wenn die grüne Energiewende gerade an Fahrt aufnehme. Gleichzeitig sei in den letzten Jahren zu wenig investiert worden, um diese zunehmende Nachfrage künftig angemessen und zu erschwinglichen Preisen bedienen zu können.

Traditionelle Energiekonzerne mit wichtiger Rolle bei Energiewende

Die derzeit hohen Öl- und Gaspreise kämen den traditionellen Energiekonzernen zugute: Margen würden steigen und die Cashflows seien stark. Die zuletzt positive Kursentwicklung dieser Unternehmen spiegele die Situation deutlich wider. Gleichzeitig und fast unbemerkt würden solche Unternehmen jedoch auch in erneuerbare Projekte investieren, um sich für die Zukunft nach dem Öl bereitzumachen - ein Trend, der sich in den nächsten Jahren weiter verstärken dürfte. So sei es durchaus wahrscheinlich, dass Energiekonzerne wie Shell oder BP in 20 Jahren völlig anders aufgestellt sein würden als heute.

Auch Energieinfrastrukturunternehmen, die Pipelines und Terminals für Öl und Gas betreiben würden, würden auf absehbare Zeit dringend benötigt. Insbesondere Erdgas (inkl. Flüssiggas), das halb so viel CO2 ausstoße wie die Kohlekraft, werde als Übergangsenergiequelle für viele Jahre eine wichtige Rolle spielen. Zudem seien die Energieinfrastrukturunternehmen prädestiniert dafür, in Zukunft grünen Wasserstoff durch ihre Pipelines fließen zu lassen und in ihren Terminals zu lagern. So könnten sich auch sie in Zukunft neue Wachstumsfelder eröffnen.

Aufgrund des massiven Kapitals der oben genannten traditionellen Energieunternehmen, sowie ihrer jahrzehntelangen Erfahrung mit großen Projekten erscheine es unwahrscheinlich, dass sie nach der Energiewende verschwinden würden. Wahrscheinlicher sei es, dass sie eine wichtige Rolle in der Transformation der Energiewirtschaft spielen würden.

Grüne Energieunternehmen vor langer Phase überdurchschnittlichen Wachstums

Das größte Wachstumspotential finde sich jedoch eindeutig bei den Unternehmen, die auf grüne Energieformen, wie die Solar, Windkraft oder Wasserstoff fokussiert seien oder wichtige Komponenten für diese Bereiche herstellen würden. Auch Firmen, die eine energieeffizientere Wirtschaft ermöglichen würden, seien vielversprechend. Die Tatsache, dass der derzeitige Investitionstrend bei weitem nicht ausreiche, um die im Pariser Klimaabkommen definierten Ziele zu erreichen, spreche hier für positives Überraschungspotential im Hinblick auf das Wachstum dieser Unternehmen. Besonders wenn man bedenke, dass die Phase überdurchschnittlichen Wachstums sehr langfristiger Natur sein dürfte. Diese Tatsache rechtfertige rein theoretisch eine höhere Aktienbewertung dieser Unternehmen.

Hohes Wachstum rechtfertige nicht jede Bewertung

Allerdings gebe es auch hier Grenzen: Jedes Wachstum habe seinen fairen Wert. Dass der begrenzt sei, hätten viele Investoren in den letzten Monaten schmerzhaft zu spüren bekommen. So seien ausgerechnet die Kurse der grünen Energieunternehmen teilweise sehr deutlich eingebrochen. Und das obwohl die Energiewende gerade erst richtig an Fahrt aufnehme. Zum einen lasse sich der Einbruch der Kurse durch die teilweise utopischen Bewertungen einiger Titel erklären, zum anderen sei vielen Investoren offenbar klar geworden, dass es auch in diesem Bereich Konkurrenz gebe und nicht alle zu den großen Gewinnern zählen könnten. So spannend und vielversprechend der Megatrend grüne Energie auch sei - ein kühler Kopf und eine solide Titelselektion, bei der die Bewertungen der Unternehmen nicht vernachlässigt würden, sei gerade hier entscheidend. (11.05.2022/ac/a/m)







 
 
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