Wirtschaftsausblick Österreich: Goldener Herbst oder Wetterumschwung?




14.09.21 15:00
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.aktiencheck.de) - Auf den öffnungsgetriebenen Konjunktur-Sommer sollte eine länger anhaltende und stabile Hochdruckphase folgen, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Delta sei ein Risiko, dürfte aber kein abermaliges Konjunkturtief herbeiführen. Die Analysten würden ihre BIP-Prognose für 2021 auf 4,5% anheben, womit Österreich nur mehr etwas langsamer wachsen würde als die Eurozone. Das Jahr 2021 sei das Jahr der Investitionen, das Wachstum im laufenden Jahr werde ein stark investitionsgetriebenes sein. Die Investitionen seien damit neben dem Arbeitsmarkt die Überraschung des Jahres 2021.

Wie im vorangegangenen Winterhalbjahr (Q4/Q1) sei die Konjunktur auch im zweiten Quartal Spiegelbild des Wechselspiels von Lockdown und Lockerung gewesen. So sei auf den konjunkturellen Temperatursturz im Winter ein umso kräftigeres Frühlingserwachen gefolgt. Denn mit +3,6% p.q. sei der lockerungsgetriebene Konjunktur-Rebound deutlich ausgeprägter gewesen als in der gesamten Eurozone (+2,2% p.q.), was aber eben vor dem Hintergrund des ebenfalls merklich stärkeren Einbruchs der österreichischen Konjunktur im Winterhalbjahr zu sehen sei.

Das deutliche Plus in Q2 sei also ein Aufschwung mit Ansage gewesen. Dabei habe sich im zweiten Quartal ein "Staffelwechsel" vollzogen: Habe im Winterhalbjahr die solide Industrie- und Baukonjunktur ein Gegengewicht zum abermaligen freien Fall der Hotellerie und Gastronomie (Rückgang Tourismus-Wertschöpfung Q3 bis Q1: 83%!) dargestellt, habe die österreichische Industriemotor im Frühjahr angesichts globaler Lieferengpässe in den Leerlauf geschaltet und die Konjunktur nicht weiter angeschoben. Demgegenüber hätten Hotellerie und Gastronomie mit einem Plus von +230% p.q. ein ebenso beachtliches wie erwartbares Lebenszeichen gesendet. Der konjunkturelle Sommer-Aufschwung sei also ein Tourismus-Aufschwung.

Auch wenn im zweiten Quartal bereits ein Großteil des lockerungsgetriebenen Konjunktur-Rebounds verzeichnet worden sei, dürfte sich dieser dennoch in Q3 weiter fortsetzten. Zwar sei die Tourismuswirtschaft (Hotels & Gastronomie) in Q2 wie Phönix aus der Asche aufgestiegen und habe damit auch den Öffnungs-Anstieg des Vorjahres (Q3: +150% p.q.) klar in den Schatten gestellt. Dennoch liege die Wertschöpfung dieser Branche weiterhin um etwa 40% unter dem Niveau des dritten Quartals 2020, obwohl auch im Spätsommer 2020 von Normalbetrieb bekanntlich keine Rede habe sein können.

Sollte in der Hotellerie und Gastronomie in Q3 lediglich das Vorjahresniveau erreicht werden, habe daraus bereits ein Quartalsplus von ca. 75% resultiert. Dabei stünden die Chancen gut, dass der Zuwachs noch größer ausfallen werde. Denn die vorliegenden Indikationen (Juli-Nächtigungszahlen, OeNB-Schätzung für August) würden für das dritte Quartal auf höhere Nächtigungszahlen als im Vorjahr hoffen lassen. Ein abermals deutlicher BIP-Anstieg im dritten Quartal sei somit quasi "unvermeidbar", auch wenn der Großteil des Lockerungs-Rebounds bereits in Q2 passiert sein dürfte und der BIP-Zuwachs folglich etwas geringer ausfallen sollte als zwischen April und Juni. Die Analysten würden mit einem Plus von 2,5% p.q. rechnen.

Die Konjunktur in Q3 sollte dabei abermals maßgeblich von der Tourismuswirtschaft getragen sein. Denn ob die Industrie angesichts der globalen Lieferengpässe nennenswert die Konjunktur stützen werde, sei trotz des erfreulichen Quartalsauftakts (Juli-Industrieproduktion) fraglich.

Dabei habe sich die österreichische Industrie im bisherigen Jahresverlauf recht robust gezeigt. Denn während in Deutschland die Industrie vor dem Hintergrund der globalen Lieferengpässe bereits zu Jahresbeginn den Rückwärtsgang eingelegt habe, sei die österreichische Industrie noch mit hohem Tempo unterwegs gewesen (Produktionsplus Dez.- April: +8%, DE: -2%). Erst im Frühjahr habe der österreichische Industriemotor angesichts des internationalen Gegenwinds in den Leerlauf schalten müssen.

Insbesondere die Automobilwirtschaft (Dez.-Jul.: -13%) laste derzeit auf dem gesamten Industriesektor, während die Metallerzeugung oder der Maschinenbau seit Jahresbeginn zweistellige Zuwachsraten hätten verzeichnen können. Damit habe sich die heimische Industrie zu einem gewissen Grad vom "großen Nachbarn" entkoppelt. Die deutsche Industrie scheine die grassierende (Vor-)Materialknappheit also in stärkerem Maße zu spüren zu bekommen als Österreich und auch die restliche Eurozone. Zumindest würden die deutschen Industrieunternehmen gemäß Umfrage der EU-Kommission die Versorgungslage als nochmals deutlich angespannter einschätzen als die österreichischen Betriebe.

Dennoch dürfte auch hierzulande der Industriesektor in den kommenden Monaten keine große konjunkturelle Stütze sein, wobei die Industrie einen erfreulichen Start ins dritte Quartal geschafft habe. Aber selbst wenn die Industrie den Rückwärtsgang einlegen sollte, wäre dies nicht als Ausdruck schwacher Nachfrage zu sehen. Denn die Auftragsbücher seien bis zuletzt voller und voller geworden. Es gelte also: Aufgeschoben sei nicht aufgehoben.

Bei Linderung der aktuellen Knappheiten (wohl aber erst im Verlauf von 2022) sei daher mit einem Nachholen der Produktion zu rechnen. Die Industrie gleiche daher aktuell einem geschlossenen Staudamm: Auf der einen Seite steige der Wasserpegel (Auftragseingänge), weil auf der anderen Seite weniger bis kaum Wasser abfließe (Produktion). Das heiße aber auch, dass nach Beseitigung oder substanzieller Verringerung der Engpässe mit umso größeren konjunkturellen Impulsen von der Industrie zu rechnen sei.

Welchen Weg die Konjunktur gegen Jahresende einschlage, werde aber ohnedies nicht vom Industriesektor entschieden. Relevant sei vielmehr die Frage, ob es angesichts stark steigender Infektionszahlen zu einem abermaligen Lockdown inkl. Schließung von Hotels und Restaurants in der wichtigen Wintersaison kommen werde. Das Basisszenario der Analysten sehe vor, dass angesichts des seit dem letzten Herbst/Winter erzielten Fortschritts bei Impfungen und Testungen abermalige, vollumfängliche Schließungen von Hotels, Restaurants und anderen kontaktintensiven Dienstleistungen vermieden werden könnten. Mögliche bis wahrscheinliche Einschränkungen für Ungeimpfte sollten die Konjunktur im Winter demgegenüber nicht nennenswert belasten. Unter diesen Voraussetzungen dürfte eine gewisse Normalität im Winter-Tourismus möglich sein, auch wenn Nächtigungszahlen früherer Jahre noch in weiter Ferne seien.

Die Zeit der konjunkturellen Berg- und Talfahrt dürfte damit ab dem vierten Quartal vorbei sein, Lockdown und Lockerung seien dann kaum noch konjunkturbestimmend. Die Konjunktur sollte sich also nach dem erfolgtem Höhengewinn wieder in ebenem Gelände bewegen. Das heiße aber auch: Die Zeit der "schnellen Erfolge" in Form einfach zu erreichender (allein durch Öffnung) und gleichzeitig deutlicher BIP-Anstiege wie in Q2 und wohl auch Q3 sei erstmal vorbei.

Trotzdem würden die Analysten für Q4 und auch danach mit etwa 0,7% p.q. ein höheres konjunkturelles Tempo als nur die "Durchschnittgeschwindigkeit" erwarten. Auch die Vorlaufindikatoren würden nicht auf einen bevorstehenden konjunkturellen Wetterumschwung schließen lassen. Zwar sei nach der deutlichen Stimmungsverbesserung nicht mit weiteren, nennenswerten Zugewinnen zu rechnen. Aber selbst bei stabiler "Flughöhe" oder durchaus für die kommenden Monate erwartbaren leichten Rückgängen würde die Stimmungslage eine fortgesetzt positive Konjunkturdynamik signalisieren.

Rückblickend werde vieles positiver gesehen, und das gelte momentan auch für die österreichische Konjunktur. Denn mit den Anfang September veröffentlichten finalen Zahlen zum BIP in Q2 sei zwar die Schnellschätzung von 4,3% p.q. auf 3,6% nach unten revidiert worden und damit in Richtung der ursprünglichen Schätzung der Analysten. Gleichzeitig sei jedoch gemäß neuesten Zahlen die Rezession im Winterhalbjahr deutlich milder ausgefallen. Zwar ändere das nichts an der konjunkturellen Underperformance Österreichs im Winter 2020/21. Allerdings hätten sich mit der Aufwärtsrevision von Q4 und Q1 die Ausgangsbedingungen für das Gesamtjahr 2021 merklich verbessert.

Zusammen mit dem lockerungsgetriebenen Tourismus-Rebound im zweiten und dritten Quartal sollte das BIP-Wachstum somit den Sprung über die 4% Marke schaffen. Die Analysten würden daher ihre seit April 2020 gültige Prognose für 2021 von 3,5% auf 4,5% anheben, wobei sie bereits in den letzten Monaten immer wieder betont hätten, dass es sich bei ihrer bisherigen Prognose um eine Untergrenze handele.

Auch die meisten anderen Prognosen für das Jahr 2021, die sich aktuell in einer Bandbreite von 3,4% (IHS) und 4,0% (Wifo) bewegen würden, dürften mit den im Herbst anstehenden Prognoseupdates wohl (etwas) nach oben geschraubt werden. Weiterhin sei aber davon auszugehen, dass Österreich im Gesamtjahr 2021 etwas schwächer wachsen werde als die Eurozone (5,0%), da sich der schwache Jahresausklang 2020 (Q4) als schwere Hypothek erweise. Dagegen sei 2022 mit einem etwas höheren konjunkturellen Tempo (4,5%) zu rechnen als in der Währungsunion (4,0%).

Das Wachstum des Jahres 2021 werde dabei ein stark investitionsgetriebenes Wachstum sein, was aus konjunktureller Sicht eine gewisse Überraschung darstelle. Denn angesichts gestiegener Unternehmensverschuldung und dem der Pandemie vorausgegangenen überaus dynamischen Investitionszyklus habe es im Vorjahr nicht unbedingt auf der Hand gelegen, dass sich (Unternehmens-) Investitionen zum maßgeblichen Impulsgeber für die Konjunktur im Jahr 2021 aufschwingen würden. So hätten die Ausrüstungsinvestitionen bereits in Q3 kurzzeitig und in Q1 21 nachhaltig das Vor Corona Niveau übersprungen, worin sich auch die in den letzten Monaten auf ein Allzeithoch emporgeschnellte Kapazitätsauslastung widerspiegele.

Gänzlich anders die Situation vor zwölf Jahren, als mit der Finanzkrise ein langes Siechtum der Investitionen begonnen habe. Die Gründe damals hätten von bestenfalls durchschnittlich ausgelasteten Kapazitäten bis hin zu Standortdiskussionen gereicht. Erst 2015 sei die Trendwende gelungen, als die lange Phase starker Investitionstätigkeit begonnen habe. Corona habe somit eine Unterbrechung, aber keinen Abbruch des Investitionszyklus dargestellt. Auch im europäischen Kontext steche die österreichische Investitionsdynamik der letzten Quartale ins Auge. Der Aufschwung des Jahres 2021 sei hierzulande also in stärkerem Maße investitionsgetrieben als andernorts, was auch vor dem Hintergrund der höheren Kapazitätsauslastung als in der gesamten Eurozone zu sehen sei - Materialengpässe hin oder her.

Zwar sei der private Konsum die maßgebliche Triebkraft der Konjunktur im zweiten und dritten Quartal, worin sich die Öffnungen der Hotellerie und Gastronomie sowie anderer konsumnaher Dienstleistungen widerspiegeln würden. Auf Gesamtjahressicht werde der Konsum aufgrund des deutlichen Rückgangs im ersten Quartal aber nur eine untergeordnete Rolle spielen. Dagegen sollte das erwartete BIP-Wachstum von 4,5% im Jahr 2022 maßgeblich vom privaten Konsum getragen sein.

Auf das Jahr der Investitionen (2021) folge also das Jahr des privaten Konsums, auch wenn sich die positive Investitionsdynamik auch nach 2021 fortsetzten dürfte. Denn der Dreiklang aus rückläufiger Sparquote, moderaten Reallohnzuwächsen und der fortgesetzt guten Arbeitsmarktlage würden ein sehr gutes Umfeld schaffen. Dabei habe bereits eine Normalisierung des laufenden Konsums - die Haushalte würden also wieder ähnlich viel des laufenden Einkommens für den Konsum aufwenden wie vor der Pandemie - einen signifikanten konjunkturellen Impuls zur Folge. "Entsparen" sei daher ein Aufwärtsrisiko für Konjunktur, nicht aber die Voraussetzung für die unterstellte, ohnehin schon dynamische Entwicklung des privaten Konsums und damit letztendlich der Konjunktur insgesamt.

Neben den Investitionen sei der Arbeitsmarkt die zweite Überraschung des Jahres 2021. Denn nur kurz nach den Öffnungen habe sich der Fokus vom befürchteten Anstieg der Arbeitslosigkeit nach Auslaufen der Kurzarbeit auf die ausgeprägte Arbeitskräfteknappheit gerichtet und damit quasi ins komplette Gegenteil verkehrt. So seien im August auf eine offene Stelle weniger als drei arbeitslos gemeldete Personen entfallen - ein historischer Tiefstand. Zwar hätten Beschäftigungsniveau und Arbeitslosenquote (nach nationaler Definition) bereits (fast) das Vor Corona Niveau erreicht und damit früher als das BIP.

Vor dem Hintergrund des skizzierten Arbeitskräftemangels nehme sich die Arbeitslosenquote dennoch erstaunlich hoch aus. Neben einem sektoralen "Mismatch" (Angebot und Nachfrage würden nicht zusammenpassen) sei auch ein verstärktes regionales (zwischen den Bundesländern) Auseinanderklaffen von Arbeitskräfteangebot und Arbeitskräftenachfrage ursächlich dafür. Die Erholung auf dem Arbeitsmarkt werde sich in den kommenden Monaten und 2022 fortsetzen. Angesichts der Schwierigkeit, offene Stellen zu besetzten, allerdings mit angezogener Handbremse.

Österreich sei keine Insel. Externe Faktoren seien somit auch in Österreich für den sich in den letzten Monaten vollzogenen deutlichen Inflationsanstieg verantwortlich. So habe die Inflationsrate in Österreich im August gemäß vorläufiger Veröffentlichung mit 3,1% p.a. die 3% Marke übersprungen. Natürlich seien für den Anstieg wie andernorts Basis- und Öffnungseffekte maßgeblich, die den Höhepunkt der "Teuerungswelle" im vierten Quartal erwarten lassen würden. Spätestens ab dem Frühjahr 2022 sollte sich aber Inflationsdynamik wieder spürbar abschwächen.

Für das Gesamtjahr 2021 würden die Analysten eine Inflationsrate von 2,6% p.a. erwarten, womit sie kurzfristig etwas mehr Teuerungsdruck sehen würden als andere. Allerdings dürfte auch hier und damit ähnlich wie bei der BIP-Prognose für 2021 der Trend nach oben zeigen. 2022 sei mit kontinuierlich zurückgehenden Inflationsraten zu rechnen, weshalb die Analysten im Jahresdurchschnitt einen Rückgang auf 2,0% p.a. erwarten würden. Allerdings gebe es mit der Ende 2021 auslaufenden Senkung des ermäßigten Umsatzsteuersatzes (Hotellerie, Gastronomie, Kultur) sowie der ab 2022 intendierten CO2-Steuer erhebliche Unsicherheitsfaktoren für die Preisentwicklung im kommenden Jahr. Die Inflationsrisiken seien daher nach oben gerichtet. (14.09.2021/ac/a/m)






 
 
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