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Wirtschaft: Neuer Zyklus, neue Chancen - selektives Vorgehen entscheidend




13.10.20 11:16
J.P. Morgan Asset Management

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - Während es bis Anfang des Jahres vor allem um die Frage ging, wie lange der wirtschaftliche Spätzyklus noch andauern könnte, haben sich seitdem ganz neue Dynamiken mit Blick auf Wirtschaft und Kapitalmärkte entfaltet, so die Experten von J.P. Morgan Asset Management.

Dieser neu eingetretene Zyklus bringe nach Ansicht von Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt, auch neue Chancen für Anleger mit sich. Gleichzeitig seien die Risiken jedoch nicht unerheblich. Es gelte aktuell daher ganz besonders, sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen sehr selektiv vorzugehen. Auch das Thema Absicherung von Währungsrisiken rücke wieder stärker in das Blickfeld.

Nach dem coronabedingten Einbruch von Wirtschaft und Kapitalmärkten im Frühjahr hätten sich insbesondere die Aktienmärkte wieder schnell erholen können. Auch auf Seiten der Wirtschaft habe sich die Stimmung inzwischen stark verbessert: Die Einkaufsmanagerindices würden sich deutlich erholt und zum Teil wieder auf Vor-Krisen-Niveau zeigen, und auch die Wachstumsraten der Wirtschaft seien auf einem Level, das es zuletzt während der Großen Depression in den 1930er Jahren gegeben habe.

Nach Ansicht von Tilmann Galler gebe es jedoch zwei wesentliche Dinge bei dieser Entwicklung zu berücksichtigen: "Die Wirtschaft wird sich erst dann vollständig erholen, wenn eine medizinische Lösung gefunden wurde, sei es ein Impfstoff oder ein flächendeckender Schnelltest. Zum anderen ist festzuhalten, dass die Erholung nicht so gut gelaufen wäre, wenn nicht Notenbanken und Politik so schnell und so massiv eingegriffen hätten". Nach Einschätzung des Kapitalmarktexperten bestehe genau darin auch das weitere Risiko: "Wenn die Hilfsmaßnahmen zurückgefahren werden, kann es erneut zu starken Beeinträchtigungen für Wirtschaft und Kapitalmärkte kommen", erkläre Galler.

Aus Sicht von Tilmann Galler dürften die weiteren Entwicklungen in den USA auch Einfluss auf die Märkte weltweit haben. Ein kritischer Moment könnte demnach sein, wenn Republikaner und Demokraten in den USA sich nicht beim Thema Verlängerungsmaßnahmen für Finanzierungshilfen einigen sollten, wodurch das Verbrauchervertrauen gedämpft werden könnte. Grundsätzlich rate der Experte angesichts der US-Wahlen im November jedoch, Ruhe zu bewahren, auch wenn die Marktschwankungen im Zuge der Unsicherheit sicherlich erst einmal hoch bleiben sollten: "Der Ausgang der US-Wahl stellt kein massives Ereignis dar. Es gibt zwar unterschiedliche Herangehensweisen zwischen beiden Parteien mit Blick auf Sektoren wie Infrastruktur, Technologie, Finanzen oder Energie. Doch diese sind nicht so gravierend, als dass es zu größeren Marktbewegungen auf Gesamtindexebene je nach Wahlgewinner kommen sollte." Ein Regierungswechsel könnte sich positiv am ehesten auf Unternehmen und Branchen auswirken, die von dem 2-Billionen-Dollar-Programm in nachhaltige Infrastruktur profitieren könnten - also die Bereiche Energieversorgung, Elektromobilität, Öffentliche Verkehrsmittel, Haus- und Straßenbau.

Die Gefahr, dass man die politische Lage in den USA und die Auswirkungen auf die Märkte jedoch überinterpretiere, sei nach Meinung von Tilmann Galler groß. Kritisch könnte es im Prinzip nur bei einer möglichen Hängepartie nach der Wahl werden, etwa bis ein Sieger zweifelsfrei festgestellt werden könne - wie es im Jahr 2000 bei der Wahl von George W. Bush der Fall gewesen sei, als die Nachauszählung in Florida mehr als einen Monat gedauert habe.

Ein wesentlicher Aspekt bei der Beurteilung der weiteren Marktentwicklungen sei nach Einschätzung von Tilmann Galler die Notenbankpolitik. "Die globale Nachfrageschwäche hat die Inflationsraten weltweit fallen lassen. Solange die Inflationsraten unter den gesteckten Zielen der Notenbanken liegen, haben diese freie Hand für expansive Maßnahmen", erkläre der Experte. Die Leitzinsen würden deshalb die nächsten zwölf Monate auch nicht steigen. Interessant sei die daraus folgende Beobachtung, dass neben einem durchschnittlichen Leitzins von etwa 0 Prozent in den Industrienationen inzwischen auch in den Emerging Markets ein deutlicher Rückgang der Zinsniveaus stattgefunden habe - inzwischen liege der durchschnittliche Leitzins in den Schwellenländern bei nur noch 2,7 Prozent. Die Folgen für die Kapitalmärkte seien nach Feststellung von Tilmann Galler gravierend.

Auf der Aktienseite seien - nicht nur, aber vor allem auch wegen des weiterhin niedrigen Zinsniveaus - die Bewertungen inzwischen wieder deutlich erhöht, wenngleich nicht in allen Segmenten. Vor allem die Bereiche Technologie, E-Mobilität, Gesundheit, Biotech oder Einzelhandel würden zu den Gewinnern der letzten Monate zählen. Die Frage, die sich dabei stelle: Seien Werte aus diesen Bereichen weiterhin Opportunitäten oder seien die Bewertungen bereits übertrieben? "Vielleicht ein bisschen von beidem", stelle Tilmann Galler fest. Blicke man auf die Aktienmärkte seit Jahresbeginn, so werde deutlich, dass die US-Growth-Werte sogar inzwischen ein höheres Niveau als vor der Krise erreicht hätten - während andere Bereiche noch einigen Rückstand zum Vor-Krisen-Niveau hätten. Das könnte bis auf weiteres so bleiben: "Insbesondere zwischen Growth und Value zeigt sich eine große Bewertungsdivergenz. Diese dürfte so lange anhalten, bis die Pandemie als überwunden gilt. Bis dahin ist die Erholung am Aktienmarkt insgesamt als unvollständig anzusehen", sage Galler.

Auf der Anleihenseite seien die Renditen durch die Unterstützungsmaßnahmen wieder zurückgekommen. Doch gerade im Anleihensegment gelte es nach Analyse von Tilmann Galler selektiv vorzugehen: Investment-Grade-Anleihen hätten weiterhin einen wichtigen Platz im Portfolio, auch wenn die Renditen dort inzwischen nicht sehr hoch seien. Deutlich mehr Rendite gebe es immer noch bei den Hochzinsanleihen. Es sei jedoch wichtig, auf Qualität zu achten, da viele Unternehmen und Staaten bei der Finanzierung ihrer Schulden Probleme bekommen könnten, falls die Pandemie in den nächsten zwölf Monaten nicht überwunden werde. Das gelte insbesondere für einige Schwellenländer. Positive Aussichten sehe der Experte bei einigen asiatischen Ländern, die die Krise bislang gut gemeistert hätten und den Industrieländern einige Monate voraus seien.

Mit Blick auf das Thema Währungen sollten Anleger ebenfalls achtsam sein: Seit der Finanzkrise habe der Außenwert des US-Dollars gegenüber anderen Währungen stark zugenommen - gestützt durch die US-Notenbank. Das habe vor allem daran gelegen, weil das Zinsdifferential zwischen dem "Greenback" und dem Rest der Welt enorm angestiegen sei. Nach Beobachtung von Tilmann Galler beginne das Zinsdifferential nun allerdings zu sinken, weil die US-Notenbank die Leitzinsen sukzessive auf 0 Prozent herabgeführt habe. "Der langfristige Ausblick für den US-Dollar ist eher schwächer. Für Anleger, die Chancen auch im Währungssegment nutzen möchten, könnte das Wiederaufnehmen einer Währungs-Hedging-Strategie interessant sein", erkläre Galler. (13.10.2020/ac/a/m)






 
 
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