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Wie wir die Lehman-Pleite hinter uns lassen können




14.09.18 12:10
Jupiter AM

London (www.aktiencheck.de) - Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers haben die unorthodoxen Maßnahmen der Zentralbanken zur Bekämpfung der globalen Finanzkrise ein fragiles Umfeld hinterlassen, so Edward Bonham Carter, Vice Chairman bei Jupiter Asset Management.

Die Perspektiven für eine globale Konjunkturerholung hätten sich verschlechtert. Die Assetpreise hätten zwar Allzeithochs erreicht, aber das Vertrauen sei weiterhin zerbrechlich. Insofern würden sich viele Marktteilnehmer sorgen, dass der nächste globale Schock direkt bevorstehe. Anleger würden nervös reagieren, wie es sich in den Währungskrisen in der Türkei und in Argentinien zuletzt gezeigt habe. Dann würden unrühmliche Jahrestage nach Lehman-Art hinzukommen, die nicht wirklich zur Beruhigung der Nerven beitragen würden. In der Öffentlichkeit dürfte genau so darüber berichtet werden, was noch in Ordnung zu bringen sei, wie über die sehr greifbaren Fortschritte, die seit 2007 und 2008 erzielt worden seien. Nur wenn wir verstehen, wo die Schwachstellen im derzeitigen Wirtschaftssystem liegen, haben wir eine Chance, für den nächsten Abschwung gerüstet zu sein, so die Experten von Jupiter Asset Management. Der zehnte Jahrestag der Lehman-Pleite bietet Anlegern Gelegenheit dazu.

In den letzten zehn Jahren seien die Finanzmärkte und Zentralbanken Hand in Hand gegangen. Es sei mittlerweile eine Verflechtung, mit zunehmendem Zwangscharakter. Die Märkte hätten es zunächst begrüßt, als die Zentralbanken die Zinsen drastisch gesenkt hätten und mit Anleihekaufprogrammen Geld in ein liquiditätsarmes Finanzsystem gepumpt hätten. Das Vertrauen der Marktteilnehmer sei zurückgekehrt und die Märkte hätten sich erholt. Einige seien jedoch der Ansicht, dass diese angeblich vorübergehenden Maßnahmen bereits viel zu lange andauern und viel Schaden anrichten würden.

Das Ausmaß der Zentralbankinterventionen sei so gewaltig gewesen, dass die vier großen Notenbanken - die US Federal Reserve, die People's Bank of China, die Europäische Zentralbank und die Bank of England - nun Vermögenswerte in Höhe von rund 20 Billionen Dollar in ihren aufgeblähten Bilanzen halten würden. Kritiker würden argumentieren, vielleicht nicht ganz unberechtigt, dass dies die Assetpreise zu hoch getrieben habe. Sie würden auch befürchten, dass die Zentralbanken beim Versuch, ihre Bilanzen abzubauen, die Märkte weiter destabilisieren würden. Allzu schnell könnte der Eindruck entstehen, dass die Markterholung der letzten zehn Jahre auf äußerst wackligen Füßen stehe.

Trotz allem sei sowohl den Zentralbanken als auch den Finanzmärkten klar, dass sie sich aus der aktuellen Zwangslage befreien müssten. Die Zentralbanken müssten in der Lage sein, die Zinsen zu erhöhen und ihre Bilanzen abzubauen, sonst würden sie nicht über die nötigen Instrumente verfügen, um mögliche globale Schocks der Zukunft abzuwehren. Man stelle sich einmal vor, die Zinsen wären zu Beginn der globalen Finanzkrise vor zehn Jahren auf dem heutigen Niveau gewesen. Die Finanzmärkte seien sich dessen bewusst, es falle ihnen aber schwer, sich aus der Niedrigzinsphase zu befreien. Sie hätten sich längst daran gewöhnt, dass FED und Co. in schwierigen Zeiten gegensteuern würden. Die Zentralbanken hätten sich in Bezug auf künftige Zinserhöhungen bislang sehr vorsichtig verhalten, denn sie würden befürchten, das moderate Wirtschaftswachstum in vielen Industrieländern abzuwürgen. Die USA seien eine bemerkenswerte Ausnahme, wenngleich noch abzuwarten sei, ob das Wachstumstempo wirklich nachhaltig sei.

Obwohl globale Krisen niemals gleich seien, würden sie alle auf Schwachstellen innerhalb des wirtschaftlichen, politischen und finanziellen Systems zurückgehen. In der aktuellen Erholungsphase sei das Schuldenniveau ein großes Problem, das durch die seit zehn Jahren andauernde Niedrigzinsphase verstärkt worden sei. Laut McKinsey sei die weltweite Gesamtverschuldung (einschließlich der Verschuldung privater Haushalte, Non-Financials und Staaten) seit der globalen Finanzkrise 2008 auf 169 Billionen Dollar gestiegen. 2007 habe sie noch bei 97 Billionen Dollar gelegen.

Die Märkte würden sich vor allem auf die wachsende Unternehmensverschuldung in den Schwellenländern, insbesondere in China konzentrierten. Das Land weise inzwischen eine der höchsten Unternehmensverschuldungsquoten im Verhältnis zum BIP auf. Aus Sicht vieler Anleger sei das der Ursprung allen Übels. Durch den steigenden US-Dollar seien die Schwellenländer von einer Verkaufswelle erfasst worden, da lokale Unternehmen Schwierigkeiten hätten, ihre auf Dollar lautenden Kredite zurückzuzahlen.

Für die Schwellenländer habe sich in den letzten zehn Jahren aber viel verändert. Die dortigen Unternehmen hätten zwar viele Verbindlichkeiten in US-Dollar, aber das Ungleichgewicht zwischen Einnahmen und Fremdfinanzierung sei heute kleiner. Ausnahmen werde es immer geben, aber viele Schwellenländerunternehmen hätten aus früheren Krisen gelernt und würden Kredite nur noch dann in Fremdwährung aufnehmen, wenn sie Umsätze in dieser Währung generieren würden. Das verschaffe ihnen eine natürliche Absicherung.

Zweitens seien die Sektoren in den Schwellenländern heute ganz anders zusammengesetzt. So mache der IT-Sektor einen viel größeren Anteil am gesamten Aktienuniversum aus, während die Rohstoff- und Grundstoffsektoren inzwischen geringere Anteile hätten. Daher könnten Schwellenländer fallende Rohstoffpreise, die in der Regel mit einem globalen Abschwung einhergehen würden, insgesamt besser verkraften. Als letzter Punkt sei zu erwähnen, dass sich das Kapitalmanagement und die Interessenberücksichtigung von Minderheitsaktionären nachweislich verbessert habe. Deutlich mehr Unternehmen würden heute mehr Dividenden ausschütten als noch vor zehn Jahren.

Trotz dieser positiven Entwicklungen hätten Skeptiker einen Punkt, wenn sie auf die Krisen in der Türkei und Argentinien hinweisen würden. Von ihnen gehe die Gefahr einer globalen Ansteckung aus. Immerhin sei das bisher nicht eingetreten. Aufgrund ihres hohen Leistungsbilanzdefizits sei die Türkei schon immer ein Sonderfall gewesen, was ihre Anfälligkeit für externe Krisen angehe.

Ähnliche Fälle - wenn auch von geringerem Ausmaß - seien bereits aufgetreten, ohne dass es zu einer Ansteckung gekommen sei. Was Argentinien anbelange, so sei ein neues Sparprogramm ein Schritt in die richtige Richtung, um das Vertrauen der internationalen Kreditgeber in die Wirtschaft wiederherzustellen. Ja, die Schwellenländer würden unter einer Verkaufswelle leiden, aber nach Erachten der Experten zeichne sich kein apokalyptisches Szenario ab.

Die Krise in der Türkei verweise in Wirklichkeit auf eine anderes Problem, das sich seit der globalen Finanzkrise herauskristallisiere: die Politik als Störfaktor für das globale Wachstum. Das sei zwar nichts völlig Neues, erscheine heute jedoch problematischer denn je. In der Türkei halte ein Mann die Macht fest in seinen Händen: Recep Tayyip Erdogan, ein Demagoge mit wirtschaftlich unorthodoxen Ansichten, der zur aktuellen Krise seines Landes beigetragen habe. In Russland habe die Wirtschaft mit mehreren Herausforderungen zu kämpfen. Die De-facto-Annexion der Krim durch Wladimir Putin, die angebliche Einmischung seines Landes in die US-Wahlen und der Einsatz in Syrien hätten zu einer Reihe internationaler Sanktionen geführt. In Großbritannien habe sich das Wirtschaftswachstum seit dem Brexit abgeschwächt.

Indes hätten die Wahl von Donald Trump und seine America First-Politik einen Handelskrieg nach der Devise "Auge um Auge, Zahn um Zahn" ausgelöst, aus dem das globale Wachstum als größter Verlierer hervorgehen dürfte. Geopolitische Spannungen könnten schnell eskalieren und müssten genau im Auge behalten werden.

Die nächste Wirtschaftskrise vorherzusagen, sei eigentlich immer einer Sisyphusaufgabe. Marktbeobachter würden aber gut daran tun, den weisen, wenn auch möglicherweise apokryphen Sinnspruch von Mark Twain zu berücksichtigen: "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich". Ja, auch in Zukunft werde es globale Schocks geben, aber die Banken würden sie wahrscheinlich nicht ausgelöst haben. Sie hätten ihr Profil in den letzten zehn Jahren größtenteils wieder hergestellt. Aber wir beobachten neue Herausforderungen und Risiken, so die Experten von Jupiter Asset Management. Hierzu würden beispielsweise passive Anlagen und algorithmischer Handel zählen, die gerade einen echten Boom erleben würden. Zum jetzigen Zeitpunkt lasse sich nur erahnen, wie sie sich in Stressphasen verhalten könnten.

Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite würden die Finanzmärkte immer noch lernen, sich in dem neuen Umfeld zurechtzufinden, das die Finanzkrise 2007/2008 geschaffen habe. Das passiere in einer Zeit, in der die Welt laufend weiter an Komplexität gewinne. Die Fähigkeit der Menschen, die Zusammenhänge zwischen Finanz- und Realwirtschaft zu verstehen, habe sich nach Meinung der Experten kaum verbessert. Im Jahr 2008 habe Queen Elizabeth II. die London School of Economics besucht und gefragt, warum niemand in der Lage gewesen sei, die Finanzkrise vorherzusehen. Die Experten von Jupiter Asset Management fürchten, Ihre Majestät wird nach einem erneuten globalen Schock die gleiche Frage stellen. (14.09.2018/ac/a/m)






 
 
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