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Kolumnist: Ralf Flierl

What a difference a year makes…




09.01.20 15:38
Ralf Flierl



 
Bereits sechs Tage nach dem Jahreswechsel sieht die Welt völlig anders aus

Drohnen und Drohungen



Es ist eine Situation, die bei nicht wenigen Beobachtern ein mulmiges Gefühl verursacht. Zuerst liquidieren die USA in einem gezielten Drohnen-Angriff den iranischen General Qasem Soleimani, einen der maßgeblichen Drahtzieher diverser Attacken auf US-Streitkräfte. Bereits wenige Tage später reagiert das Mullah-Regime mit einer Vergeltungsaktion mit enormer Signalwirkung: Mit mehreren direkt aus dem Iran abgeschossenen ballistischen Raketen wurden US-Stellungen wie der Luftwaffenstützpunkt Al Asad im Irak angegriffen. Die ganze Situation wirkt nicht nur auf den ersten Blick beängstigend. Auf der einen Seite Donald Trump, der nicht zu Unrecht als impulsiv und bisweilen aggressiv gilt. Auf der anderen Seite die iranische Führung, die offen gegen amerikanische Ziele vorgeht, ohne sich dafür wie in der Vergangenheit hinter dritten Parteien wie Milizen im Irak zu verstecken. Soweit die aktuelle Nachrichtenlage. Liest man zwischen den Zeilen stellt sich die Lage allerdings etwas differenzierter dar. Entgegen der offiziellen Lesart dürfte Donald Trump alles andere als ein Kriegstreiber sein. Die Tötung von Qasem Soleimani dürfte wohl tatsächlich eine Reaktion auf die anhaltende Aggression und die Attacken der iranischen Revolutionsgarden gewesen sein. Als sich die Gelegenheit bot, Soleimani vom Spielfeld zu nehmen, reagierten die US-Militärs schnell und entschlossen – eine Vorgehensweise, die durchaus zu Trump passt.




Gespielte Eskalation




Danach übte sich dieser in der ihm eigenen scharfen Rhetorik und machte damit den Mullahs klar, wo die Grenzen liegen dürften. So beunruhigend der nächtliche Raketenangriff auf den ersten Blick war, so erstaunlich ist dessen Ergebnis: Nach letzten Informationen gab es dabei keinerlei amerikanische Opfer. Zwar wollte der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, der BILD-Zeitung nicht bestätigen, ob die amerikanische Seite vorab über die Angriffe informiert war. Die Tatsache, dass niemand zu Schaden kam, deutet jedoch darauf hin. Genau hier verläuft offenbar die rote Linie. Wären US-Bürger zu Schaden gekommen, hätten die USA vermutlich eine schnellere Antwort gegeben. Donald Trump reagierte dagegen bislang mit einer für ihn eher ungewohnten Gelassenheit. Auch die Börsen reagierten bislang mehr als besonnen, scheinen also zu ahnen, dass sich die Lage relativ schnell wieder entspannen könnte. Die USA haben angegriffen, die Iraner eine nach außen sichtbare Reaktion gezeigt, die Sache ist damit beendet? Nicht, wenn sich herausstellen sollte, dass das ebenfalls in der Nacht bei Teheran abgestürzte Flugzeug aus der Ukraine abgeschossen wurde und nicht einem technischen Defekt zum Opfer gefallen ist. Bis dafür jedoch die nötigen Fakten auf dem Tisch liegen, dürfte einige Zeit vergehen. Zeit, in der der Konflikt sich weiter beruhigen könnte. All diese Gedanken sind mit Stand von heute Nachmittag! Um 17 Uhr deutscher Zeit möchte Donald Trump ein Statement abgeben – danach könnten die Karten neu gemischt werden.




Am Dekadenwechsel



Unabhängig von den aktuellen Ereignissen rund um den Iran stellt sich zum Jahreswechsel immer auch die Frage, welche Trends des Vorjahres im laufenden Jahr Bestand haben werden und welche mit dem Vorjahr endeten. An einer Jahrzehntgrenze ist diese Frage für Börsianer sogar noch interessanter, da es einige sehr bekannte Fälle gab, bei denen Megatrends tatsächlich mehr oder weniger präzise um den Jahrzentwechsel herum kippten: Gold (1980), Nikkei (1989), NASDAQ (2001). In allen Fällen war dem Stimmungswechsel eine säkulare Hausse bzw. – wie sich in der Rückschau zeigte – eine gigantische Blase vorangegangen. Allerdings galt lange nicht für alles, was da zum Dekadenwechsel abstürzte, die alte Boxerregel „They never come back“. So konnten Gold und NASDAQ nach atemberaubenden Verlusten längst wieder neue Allzeithochs erklimmen. Wollte man das Muster solcher Trendwechsel auf die aktuelle Situation anwenden, müsste man sich bevorzugt ansehen, was im vergangenen Jahrzehnt besonders stark gestiegen ist. In der „Alles-Blase“ wäre dann allerdings auch praktisch alles ein Absturzkandidat. Gegen diese Betrachtungsweise spricht allerdings zweierlei: Zum einen handelt es sich hier nicht um eine „natürliche“ und auf ein Anlagethema begrenzte Entwicklung, sondern um ein allgemeines Phänomen, das durch die Liquiditätsorgien der Notenbanken erzeugt wurde und wird. Der durch diese Politik erzeugte Anlagebedarf wird daher auch über die Jahresgrenze hinaus andauern, sofern die Notenbanken hier keinen fundamentalen Kurswechsel andeuten oder gar vollziehen. Zum anderen hat die Zuspitzung der Situation im Nahen Osten gezeigt, wie robust die Börsen derzeit (noch?) sind. Das wäre für labilere Märkte allemal ein Anlass für größere Abverkäufe gewesen. So blieb es bei einigen wenigen Zittrigen, die sich aus ihren Long-Positionen herausschütteln ließen, während die Karawane ansonsten weitertrottete.



Zu den Märkten



Dennoch werden um den Jahreswechsel herum häufig interessante Impulse gesetzt, die durchaus für einige Monate bestimmend sein könnten. Daher werden alle Arten von „Januareffekten“ von den Marktteilnehmern auch stets mit besonderem Interesse beobachtet. Die Erhöhung der Visibilität im Januar beruht zum einen darauf, dass mit den nun wieder frisch geöffneten Büchern die wirtschaftliche Motivation bei den getätigten Transaktionen erneut in den Vordergrund tritt, während zum anderen jene Dispositionen weggefallen sind, die unter dem Stichwort „window dressing“ lediglich einer Aufhübschung des Jahresausweises dienten. Betrachten wir die prozentualen Veränderungen ausgewählter Anlagen in Heimatwährung seit unserem letzten SIW am 18.12.2019 (vgl. Abb., blaue Senkrechte) ergibt sich folgendes Bild: Den Vogel schoss der Bitcoin mit einem Wertzuwachs von rund 12% ab, dicht gefolgt von Gold (+8,5%) und Silber (+7,6%, vgl. Abb.). Die Aktienmärkte verhielten sich dagegen per Saldo unspektakulär: Der NASDAQ-100 (+3,1%) liegt vor dem S&P 500 (+1,4%) und dem DAX (+/-0,0%). Der US-Dollar schwächte sich gegenüber dem Euro leicht um 0,3% ab. Die Veränderungen bei den Aktien und im Währungsgefüge deuten derzeit nicht auf eine große Krise oder ein Börsenbeben hin. Lediglich die starken Anstiege der Alternativanlagen aus dem Edelmetallbereich und der Aufschwung des Bitcoin können als Indizien für ein gestiegenes Sicherheitsbedürfnis der Anleger gewertet werden. Andererseits sollten solche offensichtlichen Korrelationen wie die zwischen einer aktuellen Krise und gestiegenen Edelmetallpreisen auch nicht überbewertet werden, da sie statistisch weit weniger signifikant sind, als allgemein kolportiert wird. Beschränken wir uns daher nur auf das, was wir sehen: Und da sendet uns der Markt bereits seit Mitte des vergangenen Jahres – und nun mit zunehmender Stärke – das Signal, dass bei den Edelmetallen die Bodenbildung der letzten Jahre überzeugend abgeschlossen wurde. Wenn man die Wahl zwischen einem sehr jungen und einem weit überdehnten Trend (Aktien) hat, dann würden wir den jungen Trend bei den Edelmetallen klar übergewichten, zumal mögliche Verwerfungen und/oder Konjunktursorgen künftig viel eher den alten Aktientrend belasten dürften.



Musterdepot Aktien & Fonds



Vor dem Jahreswechsel haben wir sowohl im Musterdepot als auch im Fondsmusterdepot noch einmal zugegriffen. Mehr dazu erfahren Sie im heutigen Musterdepot. Sie können Sie sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.



 




Smart Investor 1/2020


Titelstory: Kapitalmarktausblick 2020: Risk on, Risk off, Risk on … 

Florida: Sonne, Wasser und Wachstum 

Small-Cap-Konferenzen: Alte Bekannte und neue Entdeckungen 

Markettiming: Börsenerfolge dank Regeln und Sicherheitsnetz 



Fazit

Die Zeit seit dem letzten SIW vom 18.12.2019 war lehrreich. Zum einen war die „stille Zeit“ zwischen den Jahren alles andere als still. Auch ist es nicht das erste Mal, dass in der vermeintlichen Ferienpause weltbewegende Entwicklungen begannen, etwa die Afghanistan-Invasion des Jahres 1979, deren Verwerfungen bis heute fortwirken. Zum anderen haben wenige Tage gezeigt, wie müßig es in der Regel ist, mit Jahresausblicken im Dezember ein ganzes Jahr vorhersehen zu wollen, wo doch die meisten Auguren schon an der nächsten Woche scheitern. Dennoch soll diese Tradition nicht gering geschätzt werden, denn einige Jahresausblicke sind eine echte Quelle für originelle Argumente, pfiffige Ideen und überraschende Zusammenhänge. Besonders lesenswert erscheint uns in dieser Hinsicht die Ausarbeitung aus dem Hause sentix (#unhaltbar, www.sentix.de). Mehr dazu – und auch zu den Jahresausblicken anderer Häuser – finden Sie im nächsten Smart Investor 2/2020. Was auch immer das neue Jahr bringen wird, wir hoffen Sie hatten einen guten Start und bleiben uns weiter gewogen.

Ralph Malisch, Christoph Karl




       

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