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Kolumnist: Ralf Flierl

Weltbörsen klettern in der Steilwand der Angst




13.02.20 14:20
Ralf Flierl



It’s the „Allzeithoch“, Stupid!

Wenn man das Internet durchsucht oder ganz traditionell eine Zeitung aufschlägt, könnte man auf die Idee kommen, dass die Welt kurz vor dem Untergang steht: In China wütet noch immer das Coronavirus, Teile der chinesischen Wirtschaft befinden sich in verlängerten Betriebsferien und die Gefahr einer globalen Rezession wird in düsteren Farben an die Wand gemalt. Die USA werden von einem scheinbar unberechenbaren und ungeliebten Präsidenten geführt, der seiner Wiederwahl ein gutes Stück näher gekommen ist und in Deutschland wütet „Sabine“, während der Stuhl der „ewigen Angela“ sichtbar wackelt. Dennoch, der unbedarfte Beobachter reibt sich die Augen, erreichen die Aktienmärkte nun sogar auch diesseits des Atlantiks neue Allzeithochs, wie unser DAX-Chart in der ersten Abbildung zeigt. Jenseits des Atlantiks gehören solche Börsenrekorde seit Jahren zum Alltag, wie der Chart des S&P 500 in unserer zweiten Abbildung zeigt. Jedes Durchschneiden einer blauen Waagrechten von unten nach oben steht für ein neues Allzeithoch in dem betreffenden Index.




Haut zu Markte getragen



Sind Börsianer also Soziopathen? Sind sie unfähig zu erkennen, was die Spatzen längst von den Dächern pfeifen? Oder sehen sie gar etwas, was die Journalisten und Medienmacher nicht sehen können oder wollen? Warum tragen sie buchstäblich ihre Haut zu Markte, haben also „Skin in the game“, wo andere empfehlen, Lebensmittelvorräte anzulegen und das Türschloss des heimischen Schutzraums zu überprüfen? Ja, Börsen können irren. Und sie irren auch häufig genug. Aber die Stärke der Märkte besteht darin, dass es dort keinerlei Anreiz gibt, um im Irrtum zu verharren. Entsprechend schnell werden Fehler korrigiert. In dieser Hinsicht verhalten sich Märkte grundsätzlich anders als etwa die Politik, wo keineswegs seltener geirrt wird. Weil dies aber öffentlich geschieht, wird es zum Problem und mancher Entscheidungsträger verkauft seine Unfähigkeit zur Kurskorrektur dann sogar noch als eine besondere Form der Kontinuität. Diesen realitätsverweigernden Luxus kann sich nur leisten, solange man sich nur alle vier Jahre zur Wahl stellen muss und nicht dem täglichen Urteil der Märkte ausgesetzt ist.




Ursache und Wirkung



Natürlich urteilen Börsianer in einigen Bereichen routinierter als in anderen. Geht es um Unternehmenszahlen oder Konjunkturmeldungen wird fast schon reflexhaft per Kauf- oder Verkaufsorder abgestimmt und das Preisniveau an die geänderten Zahlen, Erwartungen und Gerüchte angepasst. Auch bei politischen Weichenstellungen weiß man, dass Steuersenkungen und Bürokratieabbau wohlstandsmehrend sind, selbst wenn der Urheber eine verwegene Frisur trägt und Trump heißt. Keine Routine haben die Marktteilnehmer dagegen bei der Einschätzung von Ereignissen, für die keine echten Vergleichsfälle existieren. Der Coronavirus ist zwar ein solcher potenzieller „Game Changer“, auch wenn das Thema aktuell schon wieder vergleichsweise tief gehängt wird. Im Moment scheint die Hoffnung zu überwiegen, dass den Chinesen mittels drakonisch anmutender Maßnahmen eine Eindämmung gelingen könnte. Sollte sich dieser Optimismus allerdings nicht bestätigen, werden die Märkte auch dies wieder rasch einpreisen (s.o.). Aus der aktuellen Kursentwicklung schließen zu wollen, dass das Coronavirus keine Gefahr mehr für Menschen, Wirtschaft und Börsen darstellt, überstrapaziert nach unserer Auffassung die Antizipationsfähigkeit der Märkte und verwechselt streng genommen Ursache und Wirkung.



 
Kurzfristige Schmerzen, langfristige Denke



Benjamin Graham, der Lehrmeister von Warren Buffett, hat in der Vergangenheit gerne auf das Bild des manisch-depressiven „Mr. Market“ zurückgegriffen, um die Psychologie der Börse zu beschreiben. Mal ist dieser hemmungslos optimistisch, mal ist er zutiefst betrübt – und dies obwohl sich die zugrunde liegenden Fakten kaum verändert haben. Zu beobachten war dies auch in den vergangenen Wochen. Erst Ende Januar übermannte die Börsianer die Angst vor einer Corona-Pandemie, doch bereits wenige Tage später machten sich die Märkte auf zu neuen Höchstständen – obwohl aus dem fernen China kaum Zeichen der Entspannung vermeldet wurden. Woher kommt also der Optimismus der Anleger und auf wie dünnem Eis ist dieser gebaut? Denn aus verschiedenen Perspektiven betrachtet sieht die Corona-Gefahr vollkommen unterschiedlich aus. Da sind zum einen die beunruhigenden Bilder aus China, wo Millionenstädte abgeriegelt werden, das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen ist und die wirtschaftliche Aktivität fast eingestellt wurde. Auf der anderen Seite gibt es diverse Indikatoren, die darauf hindeuten, dass das Schlimmste bereits ausgestanden sein könnte.

So geht die Rate der Neuinfektionen nur noch leicht nach oben. Die Zahl der Todesfälle ist dagegen stabil auf niedrigem Niveau von ca. 2%. Gleichzeitig scheinen sich die zuletzt arg gebeutelten Rohstoffpreise langsam zu erholen, was ein Indikator für die Wiederaufnahme der Produktion in der chinesischen Industrie ist. Die sprunghaft angestiegenen Zinssätze am chinesischen Interbankenmarkt sind spürbar zurückgekommen, die wiedereröffneten Börsen des Landes haben sich nach einem Ausverkauf dagegen stabilisiert und sind noch in einer „Findungsphase“ bezüglich der nun für 2020 deutlich veränderten Wachstumsaussichten. Sogar die Aktien der Unternehmen mit Sitz in der am meisten betroffenen Hubei-Region markierten in den letzten Tagen keine neuen Tiefststände mehr. Dabei befindet sich China in einem ersthaften Dilemma: Je intensiver die Eindämmungsmaßnahmen werden (zuletzt u.a. Schließung der Casinos in Macao), desto höher dürften die Chancen sein, Herr über das Virus zu werden. Gleichzeitig bedeutet dies jedoch eine umso heftigere Bremsspur für die chinesische Volkswirtschaft. Gut möglich, dass „Mr. Market“ daher in den letzten Tagen bereits etwas zu euphorisch geworden ist. Schließlich dürfte die Dimension der wirtschaftlichen Schäden erst mit einem guten Stück Abstand seriös zu bewerten sein.




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Tech-dominierte Börsen



Die grassierende Corona-Panik ändert nichts daran, dass wir uns gerade mitten in der Earnings-Season befinden. Insbesondere in den USA haben in den letzten Wochen einige der größten Unternehmen aus dem Tech-Sektor ihre Zahlen vorgelegt. Die Anleger schauten dabei besonders genau hin, schließlich sind positive Überraschungen angesichts der „sportlichen“ Bewertungen fast schon Pflicht. Nachdem die Ergebnisse der Unternehmen im S&P 500 bedingt durch Donald Trumps Steuerreform 2018 um satte 22% zulegen konnten sind diese 2019 stagniert. Die Bewertungen haben gleichzeitig deutlich zugelegt. 2020 müssen die Unternehmen ergebnisseitig also wieder eine gewisse Dynamik zeigen, alleine um das heutige Kursniveau zu rechtfertigen. Kritisch waren die Anleger zunächst bei Alphabet und Facebook – und dies lediglich deswegen, weil ihnen die Aussagen des Managements bezüglich des Umsatzwachstums nicht gefielen. Überzeugen konnten dagegen die weiteren Giganten Amazon und Microsoft, die von der Cloud-Euphorie getragen werden. Die großen Namen dürfen jedoch nicht über das Gesamtbild hinwegtäuschen: Während Tech durch die Bank überzeugte, standen zyklische Industrietitel bislang eher auf der Verliererseite. Von den etwas mehr als 300 Unternehmen des S&P 500, die bislang Zahlen vorgelegt haben, übertrafen immerhin 73% die Ergebnisschätzungen der Analysten, 68% die angesetzten Umsatzschätzungen. Für 2020 wird aktuell mit einer Ergebnissteigerung von 5,5% auf 172 Punkte gerechnet – ein KGV von ca. 19,6.


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Smart Investor 2/2020


Titelstory: Emerging Markets – zwischen Tradition und Moderne

Zyklen: Von der Kunst, die Märkte zu lesen

Cannabisaktien: Ist die Zeit nun reif für den Einstieg?

Schlüsselwährungen: Mehr als ein Bonmot:
„Geld regiert die Welt“



Fazit

Mit neuen Allzeithochs dies und jenseits des Atlantiks lachen die Börsen derzeit Konjunktur- und Viren-Sorgen weg – dies muss nicht so bleiben!

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Ralph Malisch, Christoph Karl




       

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