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Die Welt kann völlig unterschiedlich erscheinen - je nach Blickwinkel




13.05.22 10:10
Weberbank

Berlin (www.aktiencheck.de) - Da sind sie wieder, die Crash Propheten dieser Welt, so Jens Herdack, CEFA, CIIA bei der Weberbank.

Lange Zeit in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, könne man nun den Eindruck gewinnen, dass plötzlich jeder Artikel und jeder Post in den sozialen Medien davon handle, dass der Aktienmarkt nur noch fallen könne. Aber auch wenn diese Auguren das derzeit wieder würden suggerieren wollen, sei an den Kapitalmärkten nicht alles schwarz oder weiß. Es gebe nach wie vor viele Graustufen. Welche Einflüsse derzeit um die Übermacht kämpfen würden und welchen großen Unterschied es mache, ob man von oben auf die Welt schaue oder von unten?

Betrachte man die aktuelle Gemengelage im Detail, würden einem erstaunlich viele Ungereimtheiten auffallen. So sei es nach wie vor so, dass die Aktienmärkte fallen würden, ohne dass die zugrunde liegenden Gewinne der Unternehmen in der Breite zurückgegangen seien. Im Gegenteil habe die jüngste Berichtssaison starke Gewinnmeldungen der Unternehmen gebracht, und auch die Gewinnaussichten seien von den Analysten weiter nach oben korrigiert worden. Eine solche Situation sei insbesondere deswegen spannend, weil sie aufzeige, dass eine der beiden Bewegungsrichtungen womöglich in die falsche Richtung führe.

Von oben betrachtet, würden die Aktienkurse wegen der anhaltenden Diskussion um weitere Zinserhöhungen der Notenbanken nach unten getrieben. Das liege insbesondere daran, dass der aktuelle Wert einer Aktie aus den zukünftigen Einnahmen des Unternehmens abgeleitet werde. Erhöhe man den Zins in der Berechnung des vermeintlich fairen Wertes einer Aktie, so sinke der heutige Wert der zukünftigen Erträge. Mathematisch gebe es dazu noch den Effekt, dass insbesondere die fairen Werte von Aktien mit starkem Gewinnwachstum am meisten leiden und dementsprechend im Moment an den Börsen am stärksten abgestraft würden.

Schaue man sich aber mal von unten herauf die jüngst veröffentlichten Quartalsberichte der Unternehmen sowohl in den USA als auch in Europa an, dann sehe man, dass die Unternehmen ihre Gewinne deutlich hätten steigern können. Darüber hinaus gebe eine Mehrzahl der Unternehmen an, dass sie damit rechnen würden, ihre Margen weiter ausbauen bzw. auf den aktuell hohen Niveaus halten zu können. Wenn Kurse fallen und Gewinne steigen würden, dann bedeute das aber nichts anderes, als dass die Aktienbewertung deutlich günstiger werde.

Auf der anderen Seite der Überlegungen stünden die Notenbanken. "Never fight the FED!" sei eine viel zitierte Börsenweisheit in diesem Zusammenhang (FED = US-Notenbank). Was nichts anderes heißen solle, als dass die Notenbanden durch ihre Liquiditätsbereitstellung Märkte deutlich antreiben könnten. Unterstelle man nun, dass die Notenbanken ihre Liquidität einschränken würden, so müsste das im Umkehrschluss eigentlich auch dazu führen, dass die Aktienmärkte fallen würden. So sei die allgemeine Lesart, die die aktuelle Marktreaktion dominiere.

Für Investoren gelte es herauszufinden, welcher Einfluss sich stärker durchsetzen werde, der Liquiditätsentzug der Notenbanken oder die Margen- und Gewinnstärke der Unternehmen. Viele Produkte seien derzeit nur zu erhöhten Preisen zu bekommen, müssten von vielen Verbrauchern und Unternehmen aber trotzdem gekauft werden. Auch eher freiwillige Anschaffungen würden vor dem Hintergrund einer allgegenwärtigen Berichterstattung über Geldentwertung bereitwillig zu hohen Preisen getätigt.

Wo man vor zwei Jahren noch deutliche Rabatte beim Autokauf bekommen habe, finde man heute fast ausschließlich die Originalpreise. In der Chip-Industrie gebe es weiter extreme Knappheit, und auch die globalen Lieferketten seien durch die Corona-Null-Toleranzpolitik Chinas immer noch deutlich gestört, sodass die Preise für Vorprodukte hoch bleiben würden. Dieser Effekt ziehe sich im Moment durch die Unternehmen bis zum Konsumenten. Dementsprechend bleibe die Inflation erhöht. Die Analysten würden allerdings glauben, dass man nun einen Hochpunkt der Inflation erreicht haben könnte. Was jedoch unklar bleibe: ob jetzt nachgelagert eine Lohn-/Preisspirale einsetze und die weiter sehr stark gestörten Lieferketten zu erneut steigenden Preisen führen würden.

Der Investor stehe vor einem Dilemma. Durch die restriktivere Notenbankpolitik müssten nicht nur Aktien-, sondern auch Renteninvestoren deutliche Kursverluste hinnehmen. Der Diversifikationseffekt eines gemischten Aktien/Renten-Portfolios greife nicht. Sollte man deshalb nun alles in Kasse umschichten? Die Analysten würden glauben: nein. Wichtig sei es, in angespannten Marktphasen nicht in Panik zu verfallen. Objektiv gesehen hätten die Börsen schon deutlich korrigiert, und fundamental biete sich wie beschrieben von Unternehmensseite ein gar nicht so schlechtes Bild.

Anleiheinvestoren sollten ihre Portfolios zwar weiter defensiv positionieren. Mit zunehmenden Renditeniveaus würden sich aber auch mal wieder Chancen ergeben, einzelne Anleihen mit längeren Laufzeiten beizumischen. Aktieninvestoren könnten sich über die Auswahl von margenstarken Unternehmen sicherer aufstellen. Auch die Beimischung von sogenannten Value-Unternehmen, also solchen mit günstiger Bewertung, helfe, die aktuellen Kursverluste abzupuffern. Ein vollständiger Rückzug aus dem Markt, wenn die Kurse bereits gefallen seien, erscheine langfristig hingegen kein guter Rat zu sein. (13.05.2022/ac/a/m)






 
 
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