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Kolumnist: Sven Weisenhaus

Was die Inflation mit Ihrem Geld macht und was Sie dagegen tun können




09.11.21 09:47
Sven Weisenhaus

Sehr verehrte Leserinnen und Leser,


über Inflation ist in diesem Jahr schon viel geschrieben worden, auch von uns bei Stockstreet. Und neben der Frage, wie stark die Inflation aktuell noch steigen wird, treibt Anleger, Ökonomen und Zentralbanker vor allem die Sorge um, wie lange sie noch anhalten wird. Daher bin ich der Sache mal auf den Grund gegangen – und stelle Ihnen die Ergebnisse meiner Recherchen und Analysen nun vor.


Welche Inflation hätten Sie denn gern?


Warum habe ich Inflation in Anführungsstriche gesetzt? Weil Inflation nicht gleich Inflation ist. Dieser wichtige Punkt wird bei den meisten Diskussionen darüber vergessen. Sven Weisenhaus hat hier z.B.  mehrfach darauf verwiesen, dass bei weiter steigenden Rohstoffpreisen eine Stagflation möglich ist – also eine wirtschaftliche Stagnation, die durch eine Inflation verschärft wird, die wiederum durch externe Effekte verursacht wurde (und von den Zentralbanken nicht verhindert oder beseitigt werden kann).


Dann gibt es die klassische Inflation durch eine Lohn-Preis-Spirale, bei der die steigenden Preise als Grund für höhere Lohnforderungen genommen werden, während die Unternehmen (weitere) Preissteigerungen mit den höheren Löhnen begründen.


Und derzeit erleben wir einen positiven Nachfrageschock bei gleichzeitigem negativen Angebotsschock (um mal etwas Ökonomen-Kauderwelsch einzustreuen) – also eine plötzlich erhöhte Nachfrage (als Nachholeffekt nach den Einschränkungen durch die Pandemie, der vor allem in den USA durch zusätzliche pauschale Mittel für die Bürger noch angeheizt wurde) bei reduziertem Angebot (weil die Unternehmen in der Pandemie ihre Kapazitäten gedrosselt haben und die Lieferketten durcheinander geraten sind).


Das macht die Inflation mit Ihrem Geld!


Welche Inflation auch immer kommen und vielleicht sogar bleiben wird – jede vernichtet Ihr Geld. Dazu muss ich nicht viel Worte verlieren, das dürfte allen von Ihnen bewusst sein. Trotzdem ein paar Zahlen, um die Größenordnungen zu veranschaulichen: Eine Inflation von 2 % verringert die Kaufkraft Ihres Kapitals innerhalb von 5 Jahren bereits um 10 %. Wenn die Inflation 5 % beträgt, sind es im gleichen Zeitraum schon 23 %!


Aber wird die Inflation bleiben? Und wenn ja, welche? Die Angebots- und Lieferengpässe werden sich irgendwann auflösen. Allerdings kann das noch dauern. In den vergangenen Wochen habe ich einige Termine wahrgenommen, bei denen die Unternehmen ihre Quartalszahlen präsentierten. Und insbesondere produzierende Betriebe rechnen damit, dass die Probleme noch weit bis ins Jahr 2022 anhalten werden.


Wenn man den einschlägigen Umfragen in den Unternehmen, wie ifo-Geschäftsklima oder den Einkaufsmanager-Indizes glauben kann, dann bedrückt das die Unternehmen sehr. Das ifo-Geschäftsklima ist nicht zuletzt deshalb inzwischen viermal in Folge gefallen, die ZEW-Konjunkturerwartungen bereits fünfmal. Und bereits ein dreimaliger Rückgang des ifo-Geschäftsklimas gilt als konjunktureller Wendepunkt…


Wie aus einem No-Go Alltag wird


Mein Eindruck aus den Präsentationen der Vorstände ist allerdings ein anderer: Ja, die Unternehmen spüren die Lieferprobleme deutlich und sind auch immer wieder mit Preiserhöhungen konfrontiert. Aber ihre Hauptsorge ist, dass sie die Teile überhaupt bekommen – fast schon egal zu welchem Preis!


So versicherte mir die Vorstandschefin eines Elektronikherstellers erst am vergangenen Mittwoch, dass es für sie kein großes Problem sei, dass bestimmte Displays inzwischen so knapp sind, dass sie per teurer Luftfracht geliefert werden müssen, um rechtzeitig da zu sein. Und es schockiert sie zwar, dass die Frachtraten derart angestiegen sind, dass allein diese Luftfrachtkosten den Preis ihres Endprodukts um 50 % (!) erhöhen. Aber sie kann den Preis vielfach an ihre Kunden weitergeben, weil diese ihrerseits unbedingt Teile haben wollen.


Das muss man sich einmal vorstellen: Die Kunden akzeptieren klaglos um 50 % höhere Preise. Und wie ich inzwischen schon mehrfach gehört habe, tun sie das auch längst bei laufenden Aufträgen. Vor allem Letzteres war noch vor Kurzem ein No-Go! (Ein einmal vereinbarter Preis gilt!)


Auch bei der Inflation gilt: Die Gefahr droht von dort, wo niemand hinschaut


Diese und andere anekdotischen Belege offenbaren, dass die Abwehrschwelle gegen höhere Preise in der Wirtschaft massiv gesunken ist. Können Sie sich vorstellen, was das für Konsequenzen für die Inflation haben kann? Ich habe noch nirgendwo gelesen, dass dieses Thema vertieft behandelt wurde. Vielleicht haben das also auch die Zentralbanken noch gar nicht auf dem Schirm…


In der Wirtschaft ist es wie an der Börse: Die Gefahr droht stets von der Seite, wo niemand hinschaut. Die Corona-Pandemie ist das beste Beispiel: Sie hatte zunächst niemand auf dem Schirm. Selbst nach den ersten Ausbrüchen herrschte noch Business as usual. Als die Welle um die Welt schwappte, herrschte plötzlich Panik, und alle wollten möglichst raus aus ihren Abnahmeverpflichtungen.


Doch plötzlich drehte sich der Wind – die Gegenmaßnahmen wirkten, die Impfstoffe kamen, und auf einmal stieg die Nachfrage wieder. Aber das Angebot hielt nicht mit. Und was kommt als Nächstes? Wo haben Anleger, Ökonomen und Zentralbanker ihren nächsten blinden Fleck?


Die Wirtschaft – ein labiles System?


Als gelernter Ingenieur erinnert mich die aktuelle Situation jedenfalls sehr stark an Ausschläge, die ein anfälliges System erzeugt. Ein plötzlicher (negativer) Impuls bringt das System durcheinander, und statt nach einem kurzen „Schlenker“ wieder in den Normalzustand zurückzukehren, schwingt das System erst eine Weile hin und her. Das ist wie bei der Saite eines Instruments, die Sie kurz anzupfen und die danach noch schwingt, um den gewünschten Ton abzugeben. Im Diagramm sieht das so aus:


Die Wirtschaft - ein labiles System in der Pandemie?


Nun könnte man einfach sagen, dann lassen wir es eben ausschwingen. Ja, vermutlich wird uns auch nichts anderes übrigbleiben. Aber was passiert bis dahin? Ich habe mal versucht, das in dem Diagramm schematisch zu veranschaulichen.


Nach dem ersten Einbruch bewegt sich die Wirtschaft jetzt in die entgegengesetzte Richtung. Den ungefähren Punkt habe ich gelb markiert. Der jüngste Inflationsanstieg scheint kurz vor dem Ende zu stehen. Aber wenn andere Probleme, wie die Lieferengpässe vielleicht noch ein Jahr anhalten – in welches nächste Wellental rutschen wir dann? Und wie viele folgen dann noch?


Was noch alles schiefgehen kann


Und es ist keineswegs sicher, dass dieses Ausschwingen so schön sanft erfolgt, wie hier dargestellt, also wie bei einer schwingenden Saite. Die Technik kennt auch instabile Systeme, die sich hochschaukeln und dadurch am Ende selbst zerstören. Diese Gefahr besteht potenziell auch bei der Wirtschaft. Zwar ist eine komplette Zerstörung sehr unwahrscheinlich, aber größere Schäden sind durchaus möglich.


Denn anders als in der Technik handelt es sich nicht um ein geschlossenes System. Alle möglichen Akteure „fummeln“ daran herum, in der Hoffnung, es zu stabilisieren: Unternehmer und Haushalte, der Staat und nicht zuletzt die Zentralbanken.


Dabei kann einiges schiefgehen – zumindest zeitweise.


Aber vor allem wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Geldanlage – insbesondere in einer anhaltenden Inflation!


Mit besten Grüßen


Ihr Torsten Ewert


(Quelle: www.stockstreet.de)



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