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Kolumnist: Sven Weisenhaus

Verfallstagsnachlese + + + Widerstandsnester




23.08.22 08:52
Sven Weisenhaus

Sehr verehrte Leserinnen und Leser,


bevor ich zu meinem heutigen Thema komme – den weiteren Perspektiven der (US-)Märkte – eine kurze Verfallstagsnachlese.


Nachlese zum August-Verfallstag im DAX


In der Vorwoche hatte ich ein klares Szenario für den Kursverlauf im DAX bis zum Verfallstag favorisiert: Die Stillhalter und Bären werden den Kurs unter 13.900 Punkte halten und versuchen, ihn noch weiter zu drücken – und zwar in Richtung des idealen Abrechnungsniveaus bei 13.500 Punkten.


Und genau so ist es gekommen! Der DAX wurde zum Verfallstermin am Freitag mit 13571,79 Punkten abgerechnet und kam damit dem idealen Wert recht nah.


Allerdings war dieses Szenario nicht einfach zu traden, denn die Bullen griffen die 13.900er Marke mehrfach an und schafften es zeitweise sogar, sie zu überwinden. Selbst ein scheinbar bestätigender Rücksetzer an diese Linie (blau gestrichelt im folgenden Chart) gelang ihnen (siehe grüner Pfeil).



Erst an der letzten Abwärtslinie vom Hoch im Januar scheiterte der DAX endgültig, drehte danach aber sofort dynamisch nach unten. Hier war also schnelles und beherztes Handeln gefragt, was wegen der vorangegangenen mehrfachen Fehlsignale eben nicht leicht war. Immerhin gab es noch eine zweite Chance durch einen Retest des Zwischenhochs von Anfang August bei 13.787 Punkten.


Damit ist wieder einmal eine Verfallstagsprognose von Stockstreet sehr gut aufgegangen!


Die Perspektiven der (US-)Märkte


Aber wie geht es an den Märkten nun weiter? Der DAX ist als Marktindikator derzeit eher ungeeignet, da er durch die Gas-Krise belastet bleibt. Blicken wir also auf die US-Indizes, die ohnehin die Schrittmacher für die Aktienmärkte sind.


Um es vorwegzunehmen: Auch die US-Indizes stehen vor wichtigen Hürden. Und ähnlich wie der DAX wirken dabei derzeit mehrere Widerstände unterschiedlicher Art zusammen. Das dürfte der Hauptgrund für die jüngste Schwäche sein.


Wenn Sie die Börse-Intern schon länger lesen, dann wissen Sie, dass wir immer wieder darauf verweisen, dass die großen Indizes sehr häufig gemeinsam vor markanten Widerständen stehen. Oft sind es runde Marken, die gleichzeitig angelaufen werden.


Widerstandsnester


Diesmal sind es Mehrfachwiderstände, die im Jargon der Chartanalysten neudeutsch Widerstands-Cluster genannt werden. Mir gefällt der Ausdruck Widerstandsnester besser, aber das sind nebensächliche Begrifflichkeiten.


Im DAX-Chart oben können Sie schon sehen, was damit gemeint ist: Der Kurs läuft in eine Zone hinein, in der sich mehrere markante Niveaus ballen bzw. kreuzen. Im Fall des DAX war es neben dem „Verfallstagswiderstand“ bei 13.900 Punkten (der nur bis Freitag wirkte), die Abwärtslinie, aber auch das runde 14.000er Level, das der Kurs jedoch gar nicht erreichte.


Ähnliches beobachten wir derzeit auch bei den US-Indizes, wobei ich hier beispielhaft den Dow Jones herausgreife:



An wichtigen Widerständen (vorerst) gescheitert Hier gibt es sogar noch mehr Widerstände am jüngsten Hoch: Da ist zum einen ein klassischer Widerstand (violette Linie) oberhalb von 34.000 Punkten, die runde 34.000-Punkte-Marke selbst sowie die Abwärtslinie seit dem Januar-Hoch. Hinzu kommen das 61,8%-Fibonacci-Niveau der gesamten Abwärtsbewegung seit Januar (schwarz gestrichelte Linien) und der 200-Tage-Durchschnitt (blaue Kurve).

Kurzzeitig konnte der Dow Jones zwar alle diese Marken überwinden, aber inzwischen fiel er wieder deutlich darunter zurück. Er ist also an diesem Widerstandsnest gescheitert.


Worauf es jetzt ankommt Die spannende Frage ist nun natürlich, wie es weitergehen kann: Ist der aktuelle Rückfall der Beginn einer neuen Abwärtswelle oder nur die fällige Konsolidierung vor einem weiteren Anstieg. Wäre letzteres der Fall, kann man den Bärenmarkt fast schon für beendet erklären.

Die Aktienmärkte befinden sich also in einer entscheidenden Phase – aber leider lassen sie uns über den weiteren Kursverlauf im Ungewissen. Die Aufwärtsbewegung seit dem Juni-Tief kann wellentechnisch sowohl eine Korrektur in der übergeordneten Abwärtsbewegung sein (wonach diese fortgesetzt wird), aber auch der erste Teil eines neuen Aufwärtsimpulses bzw. einer komplett neuen Aufwärtswelle.


Daher müssen wir wie immer auf die Dynamik, das Ausmaß und die Dauer der laufenden Korrektur achten.


Wie weit die aktuelle Korrektur gehen darf


Die aktuelle Abwärtsdynamik erscheint schon beachtlich – allerdings ist dies eher die Regel als die Ausnahme. Wichtiger ist daher, wo der erste Abwärtsschub endet. Idealerweise (aus Sicht der Bullen) geschieht dies bereits an der violetten Linie, die der Kurs heute erreicht hat.


Aber auch, wenn der Kurs zurück bis an die Unterkante des grauen Aufwärtskanals fällt, könnte von dort die Aufwärtsbewegung wieder aufgenommen und z.B. die rote Abwärtslinie gebrochen werden. Dann wäre der Bärenmarkt aus charttechnischer Sicht beendet; wenn danach auch das 61,8%-Niveau überwunden wird, auch aus Sicht der Fibonacci-Theorie.


Selbst wenn der Kurs die gelbe Zone (ein alter Unterstützungsbereich, der bis März 2021 zurückreicht) nochmals (fast) komplett nach unten durchläuft und erst an der gestrichelten violetten bzw. der untersten violetten Linie nach oben dreht, besteht die Chance, dass der Anstieg wieder aufgenommen wird. Allerdings sollte der Rücklauf dorthin erkennbar moderat, also mit wenig Dynamik erfolgen, Sonst steigt die Gefahr, dass dies die erste Welle einer neuen Abwärtsbewegung ist.


Welchen Einfluss das saisonale Muster haben könnte


Aber auch, wenn die Kurse wieder stärker fallen, könnte der Bärenmarkt bald vorbei sein. Dann nämlich, wenn diese Abwärtswelle die (vorläufig) letzte ihrer Art ist. Auch ein solches Szenario (bei dem es jedoch wahrscheinlich zu einem neuen Jahrestief käme), ist theoretisch möglich.


Mit Blick auf den saisonalen Verlauf wäre eine neue Abwärtswelle recht kritisch: Der September, der bald beginnt, ist bekanntlich der statistisch schlechteste Börsenmonat. Dann könnten die Bullen also noch einmal kräftig was auf die Nase kriegen. Trösten mag sie die Aussicht, dass nach einem Abverkauf im September oft die Jahresendrally einsetzt – die dann das Potenzial hat, den Bärenmarkt zu beenden.


Aber wer weiß. Wir haben in diesem Jahr immerhin eine ungewöhnlich starke Sommer-Rally erlebt. Vielleicht geht das Jahr ähnlich ungewöhnlich weiter – indem der schwache September seinem schlechten Ruf mal keine Ehre macht…


Mit besten Grüßen


Ihr Torsten Ewert


(Quelle: www.stockstreet.de)



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