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Kolumnist: Ralf Flierl

„Unentbehrliche“ und Vergessene




05.07.18 15:35
Ralf Flierl


 
Bundesdeutsche Farbenlehre
„Die Mannschaft“ Die Leistungen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Russland wurden aus sportlicher Sicht ja bereits erschöpfend kommentiert. Auch neigen wir als Börsianer nicht zum sogenannten „Monday Morning Coaching“ all jener, die als Meister des Hätte, des Könnte und des Wäre zwar immer alles besser gewusst haben, aber dennoch nie in die Verlegenheit kommen, es tatsächlich besser machen zu müssen. Allerdings ist das Abschneiden von „Die Mannschaft“ – so wurde die deutsche Nationalelf noch bis zur Niederlage bezeichnet – in gewisser Weise symbolisch, wenn nicht symptomatisch für Entwicklungen, die sich auch in anderen Bereichen zeigen: Etwa die zunehmende Distanz zu jenem Land, dessen Bürger man zu vertreten vorgibt – egal ob sportlich oder politisch. Am Augenfälligsten war im WM-Vorfeld der „Erdogan-Skandal“. Dabei ließen sich bekanntlich die Spieler Özil und Gündogan für den Wahlkampf eines nicht ganz lupenreinen türkischen Demokraten instrumentalisieren, wobei zumindest dieser anschließend auch punkten konnte. Die sichtbare Entfremdung geht jedoch weiter zurück. So wurde schon vor Jahren eine Szene von der CDU-Wahlparty nach der Bundestagswahl 2013 viral, als Bundeskanzlerin Merkel dem damaligen CDU-Generalsekretär Gröhe vor laufender Kamera mit tadelnder Miene die Deutschlandfahne entwand und zur Seite legte.
„Das Land“ Was die Jüngeren möglicherweise nicht wissen, die Farbenkombination Schwarz-Rot-Gold ist nicht ganz so „Nazi“, wie uns das die Linke heute einreden will. Tatsächlich handelt es sich um die Farben der bürgerlichen Revolution des Jahres 1848 und auch um die der friedlichen, antisozialistischen Revolution von 1989. Es waren auch die Farben der Weimarer Republik, wo sie allerdings schon einmal mit Füßen getreten wurden. Und genau da – bitte aufpassen, liebe Kinder – kommen die echten Nationalsozialisten ins Spiel, die Schwarz-Rot-Gold im Jahre 1933 durch die Hakenkreuzfahne ersetzten. Nicht umsonst wurde die Farbenkombination nach dem Ende dieser Diktatur zur Flagge der Bundesrepublik und sogar zu der des sozialistischen „Musterländles“ DDR, das sich als Diktatur ebenfalls durch diese Farben zu legitimieren versuchte, dort allerdings verunziert mit Hammer, Zirkel und Ähren. Dass die Verwendung der eigenen Landesfarben inzwischen zu einer „nationalistischen“ Marotte der größten Oppositionspartei umgedeutet wird, ist einigermaßen skandalös, und es führt bewusst in die Irre. Denn Schwarz-Rot-Gold symbolisiert zwar die Nation – nicht Nationalismus –, aber eben auch eine Tradition bürgerlicher Revolution und bürgerlichen Freiheitswillens. Die Vitalität dieser Ideen ist für die blutleeren, von oben verordneten Retortenprodukte wie das blaue EU-Sternenbanner, den Euro und letztlich die Union selbst allerdings tatsächlich eine Bedrohung.
„Das Auto“ Man kann „Die Mannschaft“ aber nicht nur als Abkehr von der Nation interpretieren: Der Begriff spiegelt auch jene Abgehobenheit wider, die sich gelegentlich in höheren Konzernetagen ausbreitet. Die Assoziation mit der VW-Marketinginitiative „Das Auto“ drängt sich geradezu auf. Tatsächlich wurde auch „Die Mannschaft“ massiv von einem Autokonzern gesponsert, der noch halblustig weiter twittern ließ, als diese längst von allen guten Sternen verlassen war. Wie es mit „Das Auto“ weiterlief konnte dann den Schlagzeilen zu Diesel-Skandal & Co. entnommen werden. Einen kleinen Unterschied gab es aber dennoch: Während man sich an der Spitze der betroffenen Unternehmen dann letztlich doch zu Rücktritten und der Übernahme von Verantwortung durchringen konnte bzw. gleich verhaftet wurde, halten sich die Crash-Piloten aus Politik und Fußballverband weiter für unentbehrlich, wie so viele, die inzwischen – das wusste schon Georges Clemenceau – auf den Friedhöfen dieser Welt ruhen.

„Der Markt“ Die Situation an den Aktienmärkten hat sich weiter deutlich eingetrübt. Mehrfach gerieten zuletzt die Kurse an den tonangebenden US-Börsen zum Schlusshandel noch einmal unter Druck. Das war auch vor dem heutigen Unabhängigkeitstag der Fall. Die Psychologie dahinter ist schnell erklärt: Kurz vor Schluss wird der Handel meist etwas emotionaler, weil man dann bis zum nächsten Handelstag erst einmal nichts mehr an seiner Position verändern kann. Vor Feiertagen und vor Wochenenden verstärkt sich dieser Effekt tendenziell. Insofern ist der schlussnahe Handel ein ganz gutes Indiz dafür, wer einen stärkeren Handelsdruck verspürt: Die, die noch eine Aktie haben wollen, oder diejenigen, die sie loswerden wollen? Offenbar gehen die Marktteilnehmer derzeit vermehrt davon aus, dass sie nicht viel verpassen, falls sie nicht im Markt sind.

Etwas anders sah es in den letzten Handelstagen bei den Edelmetallen aus – wir kommen zu den Vergessenen. Seit Jahren ist diese Anlageklasse aus der Mode gekommen. Betrachtet man die Charts von Gold und Silber, dann waren hier vor allem ausgedehnte Abwärts- bzw. Seitwärtstrends zu beobachten. Das Ganze ist nach unserer Einschätzung Teil eines Bereinigungsprozesses der vorangegangenen Kursexzesse bis zum Jahr 2011, die man in dieser Eindeutigkeit jedoch erst mit einem gewissen Abstand als solche erkennt. Typisch für die aktuelle Bodenbildung sind immer wieder Tests nach oben bzw. nach unten, die aber zunächst nicht zu neuen oder gar zu ausgeprägten Trends führen. Aktuell sehen wir beim Silber einen Test der Unterseite dieser Bodenbildung/Seitwärtsformation (vgl. Abb. oben). Im Gegensatz zu Tests der Oberseite, weisen die durch grüne Kreise markierten Punkte ein gutes Chance-/Risiko-Verhältnis auf, da man hier mit einem relativ engen Stopp-Loss einsteigen kann. Die erste Voraussetzung ist allerdings, dass sich an einem solchen möglichen unteren Wendepunkt tatsächlich eine Gegenreaktion zeigt. Das war gestern der Fall.

Nun werden Sie zu Recht einwenden, dass das vielleicht noch ein bisschen dünn ist, um eine Trendwende auszurufen. Wir wollen Ihnen daher weitere Indizien für eine mögliche Trendwende bei den Edelmetallen mit auf den Weg geben: Der Index de ungehebelten Goldminen hat vor wenigen Tagen zum vierten Mal auf der wichtigen Unterstützung bei knapp 170 Punkten aufgesetzt (vgl. Abbildung unten, oberer Teil). Unmittelbar danach stieg er dynamisch an (grüne Markierung). Setzt man das Kursverhalten der Goldminen ins Verhältnis zu den Standardaktien des S&P 500, dann sehen wir im unteren Teil der Abbildung eine positive Divergenz. Das letzte relative Tief der Goldminen lag bereits höher als die zuvor erreichten relativen Tiefs (grüne Markierungen). Dies ist ein Zeichen für eine sich aufbauende Stärke dieses Sektors, die natürlich auch vor dem Hintergrund der jüngsten Schwächeneigung bei den Technologie- und Standardwerten zu sehen ist.

Ein letztes Indiz ist das aktuelle Sentiment: Selbst viele langjährige Edelmetallbullen gehen von einer Fortsetzung des Abwärtstrends aus. Auch die Fundamentaldaten sollen gegen Edelmetallanlagen sprechen. Schließlich waren die Verkäufe im physischen Edelmetallhandel in diesem Jahr im zweistelligen Prozentbereich rückläufig. Stattdessen wurde von Kunden vermehrt Altgold angedient. Nach unserer langjährigen Erfahrung in diesem Bereich können wir nicht anders, als in diesen Aussagen ein paar ziemlich starke Argumente für eine Anlage im Edelmetallbereich zu sehen.

Nur am Rande sei bemerkt, dass nun auch der zuletzt stark vernachlässigte Bitcoin wieder erste Lebenszeichen von sich gibt. So vorsichtig man mit Parallelen zum Gold sein muss, weist auch der Bitcoin einige Aspekte eines alternativen Investments auf. Und für solche Investments kommt regelmäßig dann Interesse auf, wenn gegenüber traditionellen Anlagen Zurückhaltung aufkommt.

Musterdepot Aktien & Fonds Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage geht es um weitere Verkäufe. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die letzten Wochentransaktionen verschaffen.
Fazit

Heute hat es mit dem SIW etwas länger gedauert. Der Grund: Wir waren auf einer Vortragsveranstaltung mit Dr. Markus Krall und führten mit ihm ein vertieftes Interview zu seinen brisanten Prognosen zur Eurozone. Seien Sie versichert, es hat sich gelohnt. Mehr dazu demnächst in der Printausgabe des Smart Investor.

Ralph Malisch, Ralf Flierl


       

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