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Kolumnist: Ralf Flierl

"Uncharted Territory“




23.04.20 07:50
Ralf Flierl


 

Wenn Märkte Neuland betreten
Mehr als Preise und Kosten



Falls es diese Tage ausnahmsweise einmal nicht direkt um Corona geht, dann geht es indirekt darum. Denn auch die Kapriolen am US-Ölmarkt vom Montag sind eine Corona-Folge bzw. eine Folge der von den Regierungen weltweit deutlich eingeschränkten Wirtschaftstätigkeit. Der Zusammenhang zwischen Ölnachfrage und Konjunktur ist immer noch vergleichsweise direkt. Dazu kommen die anhaltenden Streitigkeiten zwischen der OPEC+ und den USA. Den Platzhirschen unter den Anbietern – besonders Saudi-Arabien und Russland – sind die Newcomer aus der US-Fracking-Industrie ein Dorn im Auge. Es wurde daher schon gemunkelt, dass der Streit zwischen der OPEC und Russland (OPEC+) nur ein Vorwand sei, um die amerikanischen Fracker in die Knie zu zwingen. Rein wirtschaftlich betrachtet, ist die Überlegung schon richtig, dass die teuersten Produzenten – und das sind in diesem Fall mit weitem Abstand die Amerikaner – bei einem Preiskampf als erstes aus dem Rennen fallen. Andererseits ist die Ölproduktion kein Geschäft wie jedes andere. Wenn man bedenkt, dass um diesen Energieträger sogar Kriege geführt wurden, ist eine vorübergehende (?) Stützung der heimischen Fracking-Industrie – auf welche Art auch immer – ein eher moderater Preis für die USA. Dies ganz besonders, da mit dem Hinweis auf die Corona-Krise ohnehin jede noch so weit hergeholte Maßnahme erst einmal durchgewinkt werden kann. Denn der eigentliche Wert der Fracker besteht nicht darin, dass sie preiswert Öl anbieten können, sondern darin, dass sie überhaupt Öl anbieten können und damit die USA aus ihrer Abhängigkeit von Ölimporten befreit haben.




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Wo blieb der Deal?



Zum vergangenen Wochenende sah es dann kurzzeitig so aus, als würde an der Preisfront wieder etwas Ruhe einkehren. Donald Trump hatte einen „phantastischen Deal“ mit Russland und Saudi-Arabien in Aussicht gestellt und der Ölmarkt zog im späten Freitagshandel auch leicht an. Nichts deutete also darauf hin, dass schon am Montag ein regelrechter Sturm losbrechen werde, der den Preis des nächstliegenden WTI-Future-Kontraktes unaufhörlich in die Tiefe trieb. Nicht einmal bei einem Wert von null war die Bewegung zu Ende – zwischenzeitlich stand sogar ein Minus von rund 40 USD/Barrel auf der Uhr! Auch wenn das Volumen in diesem Kontrakt nicht mehr sehr bedeutsam war, ist dies ein einmaliger Vorgang, der in die Börsengeschichte eingehen wird.


Spezielle Situation



Ehrlicherweise dürfte es im Vorfeld kaum jemand für möglich gehalten haben, dass so etwas einmal passieren könnte – auch wir nicht. Ein Minuspreis für eine an sich begehrte Ware geht zunächst einmal auch gegen jede Intuition und ist wahrhaft „uncharted territory“ bzw. Neuland. Wie also war das möglich? Wichtig zu wissen ist in diesem Zusammenhang, dass nicht „das Öl“ generell weit unter der Nulllinie notiert hat, sondern lediglich ein spezifischer Kontrakt. Man durfte also nicht erwarten, dass man am Abend des Tages zur Tankstelle fährt, und dort neben einem vollen Tank auch noch einen Scheck erhält, weil erstens Benzin und Diesel kein Rohöl sind und zweitens der wesentliche Preisbestandteil bei diesen Produkten nicht der Wareneinsatz sondern die Steuer ist. Dieser spezifische Kontrakt der Sorte WTI lief am Dienstag aus, und genau das war das Problem. Denn aus Futures-Kontrakten sind Verkäufer und Käufer gleichermaßen verpflichtet. Der Verkäufer muss liefern, der Käufer muss nicht nur bezahlen, sondern die Ware auch abnehmen. Angesichts überquellender Öllager waren Lagerkapazitäten zum Stichtag nur zu astronomischen Preisen zu bekommen, wodurch das Eigentum an diesem Öl zu diesem Zeitpunkt teuer wurde.


Grenzen der Analyse



In normalen Zeiten ist dieser Eigentumsübergang unproblematisch. Und das ist auch schon die erste Lehre: In völlig unscheinbaren Passagen von Verträgen, die zudem seit Jahren und Jahrzehnten routiniert abgewickelt werden, können erhebliche Risiken schlummern, die für die Betroffenen wie aus heiterem Himmel schlagend werden. Von einer allgemeineren Natur sind die Schlussfolgerungen für die Analyse von Preisreihen, denen wir uns im neuen Smart Investor 5/2020 in der Rubrik Charttechnik gewidmet haben, der zum Wochenende erscheint. Weder mit fundamentaler noch mit technischer Analyse hätte man im Vorfeld die Heftigkeit dieser Bewegung auch nur ansatzweise prognostizieren können. Während schon vor dem Preissturz Rohöl manchem als fundamental preiswert galt, konnten die Techniker immerhin schon einen bestehenden Abwärtstrend identifizieren. Was daraus allerdings in kürzester Zeit durch einen höchstdynamischen Prozess für Preise und Minuspreise würden, hätten wohl nicht einmal die erfahrensten Analysten geahnt. Das einzige Hilfsmittel, das Anlegern in einem prinzipiell unsicheren Umfeld wie der Prognose künftiger Preise zur Verfügung steht, um allzu großes Ungemach zu vermeiden, sind Stopp-Loss-Marken, die ohne Zeitverzug beachtet werden. Das ist zwar kein Analyseverfahren im engeren Sinne – abgesehen davon, dass die Wahl des richtigen Stopp-Loss-Niveaus eine Wissenschaft für sich ist –, aber es ist eine Notbremse, die die Anleger zumindest soweit aus dem Markt bringt, dass sie die Entwicklung wieder etwas objektiver von außen betrachten können.


Der neue Smart Investor 5/2020



Da wir es gerade schon erwähnt haben. Gestern ging der neue Smart Investor 5/2020 in Druck und wir haben in diesem Heft wieder zahlreiche Informationen für Sie zusammengetragen, die Sie anderswo nicht finden werden. Nicht nur linke Politiker und Kirchenfürsten bringen schon wieder das Thema Vermögensabgabe ins Spiel, so als hätten wir letztes Jahr nicht schon einmal eine Enteignungsdiskussion gehabt. Diesmal soll die Corona-Krise der Anlass sein, um den Menschen in die Tasche zu greifen. Das ist allerdings nicht ausschließlich die Idee von Spinnern, auch die wissenschaftlichen Dienste des Bundestages haben sich brandaktuell bereits mit einer „Vermögensabgabe“, so unserer Titelgeschichte, befasst. Die Maßnahmen gegen Corona, oder auch nur im Windschatten von Corona, beschäftigen uns unter anderem auch aus philosophischer Sicht: Wir sprachen mit Professor Daniel von Wachter über Rationalität in Zeiten der Krise. Während die Kanzlerin „Öffnungsdiskussionsorgien“ geißelt, sind wir der Meinung, dass der Dialog gut und wichtig ist, vorzugsweise, nachdem nachgedacht wurde. Und natürlich kommt auch das Thema Aktien nicht zu kurz: Diesmal stellen wir Ihnen einige „Corona-Aktien“ vor, die garantiert nichts mit Medizin zu tun haben.








Zu den Märkten



In den letzten beiden Ausgaben haben wir an dieser Stelle auf die bearishe Keilformation hingewiesen, die sich beim deutschen Leitindex DAX ausgebildet hatte (vgl. Abb.). Dieser Keil war allerdings so steil, dass deutsche Standardtitel Woche für Woche ordentliche Gewinne einfuhren, solange sie sich innerhalb dieses Aufwärtskeils befanden. Dennoch ist die Standarderwartung dieser Formation klar negativ. Mit dem gestrigen kräftigen Kursrückgang erfolgte der erwartete Durchbruch nach unten (rote Markierung). Nach einer kurzen Orientierungsphase sind nun weitere Kursabschläge zu erwarten. Im Unterschied zu einem charttechnischen Dreieck steigen bei einem Aufwärtskeil übrigens beide Begrenzungslinien an, die obere allerdings flacher. Entsprechend engt sich der Spielraum innerhalb des Keils im Zeitablauf immer weiter ein und ein Verlassen dieses Keils wird unausweichlich. Je dynamischer dieses Verlassen in Form eines echten Ausbruchs und nicht nur als ein bloßes „Herauswachsen“ am Ende des Keils erfolgt, desto eher hat es eine Aussage. Wie man anhand der eingezeichneten höheren Hochs und höheren Tiefs erkennt, ist im Moment auch noch die Interpretation als neuer Aufwärtstrend möglich, aber nach unserer Auffassung zunächst einmal noch die unwahrscheinlichere Alternative. Die flache obere Begrenzung zeigt vor allem, dass es derzeit an echter Aufwärtsdynamik fehlt, und die Bewegung seit Mitte März primär als technische Reaktion auf den vorangegangenen Kurszusammenbruch aufgefasst werden kann.


Veranstaltungshinweis



Veranstaltungen und Seminare haben in Zeiten des Shutdowns Seltenheitswert. Umso mehr ist zu begrüßen, dass das Hamburger Institut für Austrian Asset Management (IfAAM) an seinen Planungen für die 10. Hamburger Mark Banco Tagung am 6. Juni 2020 in Lübeck festhält. Dennoch steht auch diese Jubiläumsveranstaltung unter dem Einfluss der Corona-Krise: „Weltfinanzsystem unter Quarantäne“ lautet das Motto unter dem bekannte Referenten wie Professor Thorsten Polleit, Martin Siegel, Dimitri Speck, Thomas Bachheimer und viele andere eine Bewertung der Lage vornehmen werden. Einen Höhepunkt bildet die Verleihung der Roland-Baader-Medaille an den Bestsellerautor Dr. Markus Krall. Nähere Informationen zur Veranstaltung finden Sie unter https://www.ifaam-institut.de/veranstaltungen. Smart Investor-Leser erhalten einen Preisnachlass von 10 EUR.


Musterdepot Aktien & Fonds



In unserem Fondsmusterdepot berichten wir heute über die Ausführung eines Verkaufs zur Liquiditätsbeschaffung. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.





Smart Investor 4/2020


Titelstory: Kernschmelze

Corona-Aktien: An vorderster Front
gegen die Seuche

Venezuela: Über eine tote Idee,
die nicht sterben will

Metalle: Physische Power
in wackligen Zeiten



Fazit

In einer Zeit, die nicht gerade arm an ungewöhnlichen Kursbewegungen ist, stürzte der WTI-Future für texanisches Leichtöl in dieser Woche sogar bis weit unter null ab. Wir bleiben bei unserer insgesamt vorsichtigen Haltung.

Ralf Flierl, Ralph Malisch


       

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