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Kolumnist: Ralf Flierl

Technik, Technik, Technik




06.06.19 13:57
Ralf Flierl


Stolpern die Tech-Giganten über ihren eigenen Erfolg?



Das große Tech-Beben



Untersuchungen des US-Justizministeriums über die Marktmacht von Alphabet* und Apple* sowie eine Überwachung der US-Federal Trade Commission über die Praktiken von Facebook* und Amazon haben in dieser Woche zu einem „schwarzen Montag“ für die Aktien der großen US-Tech-Konzerne geführt. Nun ist es seit langem bekannt, dass vor allem unter den potentiellen demokratischen Präsidentschaftskandidaten die Marktmacht der Konzerne zunehmend kritisch gesehen wird. Auch Donald Trump gilt nicht gerade als Freund des Silicon Valley – insbesondere Amazon-Chef Jeff Bezos gilt als sein Intimfeind. Die offensichtliche Bedrohung durch Regulierung hat die Investoren dennoch kalt erwischt. Doch hat sich die Welt für Google, Facebook & Co seit dieser Woche wirklich grundlegend verändert? In einem Punkt auf jeden Fall: Nun ist also auch die US-Regierung alarmiert und wird das weitere Verhalten der Konzerne im Auge behalten. Eine vergleichbare Situation hatten die Unternehmen allerdings bereits im Ausland. Alphabet bekam beispielsweise im letzten Jahr von der EU-Kommission eine Strafe von 4,3 Mrd. EUR für den Bruch von EU-Wettbewerbsregeln aufgebrummt. Den Regierungen wird der Erfolg der Tech-Titanen langsam unheimlich, auch zukünftig dürfte dieses Damoklesschwert über den Unternehmen hängen.


Am eigenen Erfolg scheitern?



Es ist jedoch völlig klar, dass es ausschließlich selbst geschaffene Monopole sind, die nun in die Diskussion geraten. Während Fusionen von Kartellbehörden mit Leichtigkeit untersagt werden können, wenn sie zu einer zu großen Konzentration führen, stellt sich die Ausgangslage hier anders dar. Ein vergleichbarer Fall dürfte daher Microsoft sein, das in den 90er Jahren für die Verbindung seines Betriebssystems mit seinem Browser in die Kritik geriet. Oder aber Standard Oil, das Öl-Imperium von John D. Rockefeller, der 1890 mit der freiwilligen Aufteilung seines Imperiums der politisch geforderten Zerschlagung zuvorkam. Gemein ist diesen beiden Beispielen jeweils, dass sie den Erfolg der Unternehmen nicht bremsen konnten. Eine ähnliche Ausgangslage dürften heute auch Alphabet & Co haben. Am Horizont ist sogar zu erkennen, dass die Unternehmen sich untereinander die größte Konkurrenz machen könnten. So versuchen Google und Facebook immer mehr zu Shopping-Portalen zu werden, Amazon dagegen versucht dem Suchmaschinen-Giganten vermehrt dieses Geschäft abzugraben. Der Staat sollte sich also genau überlegen, ob er dem Wettbewerb wirklich einen Gefallen tut, wenn er die Tech-Giganten zerschlägt.


Kalte Handelskrieger



Auch in der letzten Woche zeichnete sich keine Beruhigung des laufenden Handelskrieges zwischen den USA und China ab. Am Wochenende legte die chinesische Regierung ein Papier vor, das die angeblich durch die amerikanische Seite verbreiteten Fehlinformationen widerlegen soll. So hätte für die chinesische Delegation der Grundsatz „Nichts ist vereinbart, bevor alles vereinbart ist“ gegolten. Von einer Rücknahme bereits gegebener Versprechen könne daher nicht die Rede sein. China sei an Gesprächen auf Augenhöhe interessiert, die zum gegenseitigen Vorteil seien und auf Vertrauen basieren. Die Fronten sind also verhärtet – und könnten dies auch noch eine Weile bleiben. So erklärte Prof. Dr. Xuewu Gu vom Lehrstuhl für Internationale Beziehungen der Universität Bonn gestern auf der Münchener Value Intelligence-Konferenz, dass der chinesische Präsident Xi seiner Meinung nach nicht kapitulieren könne. Er könne aber auch keinerlei Interesse an einer weiteren Eskalation des Handelskrieges haben. Sollte Gu recht haben, könnte Donald Trump als erster „zermürbt“ sein. Denn er hat 2020 eine Wahl zu gewinnen – und diese würde mit Sicherheit verloren gehen, sollte der selbsternannte Erneuerer der amerikanischen Wirtschaft mit seinen Zöllen eine Rezession oder eine stärkere wirtschaftliche Abkühlung hervorrufen.


Zu den Märkten



Nach den starken Abverkäufen der Vortage kam es gestern zu einer nicht minder eindrucksvollen Erholungsbewegung, die sich auch heute fortsetzte. Im Tagesverlauf konnte der DAX sogar die wichtige Marke von 12.000 Punkten zurückerobern. Relativ klar ist, was die Bewegung ausgelöst hat: Viele Titel waren im Zuge der Abwärtsbewegung der letzten Wochen stark überverkauft. Es fehlte also nur noch der sprichwörtliche Funke für eine heftige Gegenreaktion. Schon am Montag zeichnete sich ab, dass die noch zu Beginn der Sitzung erreichten neuen Tiefs nicht nachhaltig sein würden, als der Index praktisch exakt auf der 200-Tage-Linie (vgl. Abb., grüne Linie) drehte. Als sich dieser Eindruck im Verlauf des Tages verdichtete, kamen die Leerverkäufer zunehmend unter Druck ihre Positionen einzudecken. Am Dienstag wurde daraus dann eine geradezu klassische Bärenmarktrally. Auffällig ist dieser Effekt vor allem bei den Aktien, die zuvor besonders stark gefallen waren. Im Index wurden dabei auch gleich die beiden Abwärts-Gaps (siehe Abb.) abgearbeitet bzw. geschlossen, so dass von diesen keine weitere Anziehungskraft auf die Kurse mehr ausgeht. Wer eine eher fundamentale Erklärung bevorzugt, konnte auch aus den Äußerungen von Fed-Chef Jerome Powell Honig saugen: Dieser hatte nämlich gestern angekündigt, auf den Handelskonflikt „angemessen“ reagieren zu wollen, was dann von den US-Anlegern prompt als eine Bereitschaft der Fed zu Zinssenkungen interpretiert wurde und den US-Börsen noch zusätzlichen Auftrieb gab.

Was ändert sich durch die Kursbewegung der letzten Tage aus charttechnischer Sicht? Wie beschrieben muss die Vehemenz, mit der die Kurse gedreht haben, kein Hinweis auf einen Trendwechsel sein. Tatsächlich sind solche praktisch ansatzlosen und sehr starken Rallys sogar ziemlich typisch für Bärenmärkte, in denen es phasenweise immer wieder zu solchen Shorteindeckungen kommt. Die Stunde der Wahrheit schlägt jedoch erst, sobald dieses erste Momentum verpufft ist. Das könnte schon im Bereich der oberen Begrenzung der provisorisch eingezeichneten Flagge (vgl. Abb., rote Linien) der Fall sein. Diese Flagge könnte sich sogar als der Beginn eines, bislang jedoch wenig dynamischen Abwärtstrends erweisen. Im Moment wurde die obere Begrenzung jedoch noch nicht getestet, so dass wir die Entscheidung Flagge (=Bestätigung des Aufwärtstrends) oder neuer Abwärtstrend derzeit noch nicht treffen können. Eine Rückkehr in den vergleichsweise steilen Aufwärtstrend (vgl. Abb., blaue Linien) wird allerdings mit jedem verstrichenen Tag unwahrscheinlicher. Summa summarum würden wir unsere Arbeitshypothese als einen anhaltenden Seitwärtstrend unter erheblichen Schwankungen und temporären Rückschlagsgefahren charakterisieren.


Smart Investor Online

Ausnahmsweise mal nicht mit Markttechnik, sondern mit Computertechnik mussten wir uns über das Wochenende beschäftigen. Unsere Website ist auf einen neuen Server umgezogen und etliche Prozesse wurden auf den aktuellen Stand der Technik gebracht. Dabei kam es leider zu Zugriffsproblemen auf unser E-Paper, die Apps sowie die PDF-Dateien. Inzwischen sind diese Funktionen wieder verfügbar. Über die nächsten Tage werden wir noch einige Verbesserungen an Optik und Struktur der Benutzerführung vornehmen, um Ihnen auch künftig wieder ein „smartes“ Leseerlebnis bieten zu können. Für die Umstände und die phasenweise Nicht-Erreichbarkeit unserer Inhalte dürfen wir uns in aller Form entschuldigen und hoffen auf Ihr Verständnis.


Musterdepot Aktien & Fonds

Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ geht es heute um Nachkäufe bei zwei Highflyern sowie den Verkauf eines Flops aus unserem Depot. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.


Smart Investor 6/2019:



Titelstory: Eigentum – Gut für alle!


Healthcare: Gesundheit in kleinen Dosen
 


Beteiligungsgesellschaften: Tops, Flops und das gesunde Mittelmaß
 


SoftBank Group: Zwischen Genie und Wahnsinn
Fazit

Ohne Technik geht es nicht – ob bei den großen US-Tech-Unternehmen, der technischen Analyse und leider manchmal auch bei nicht bei „technischen Pannen“.

Christoph Karl, Ralph Malisch


       

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