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Südafrika: Im Würgegriff von steigenden US-Zinsen und Rezession




11.09.18 10:20
Helaba

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - Mit einem überraschend schwachen Wirtschaftswachstum von -0,7% gg. Vq ist Südafrika im zweiten Quartal in die "technische Rezession" gerutscht, so die Analysten der Helaba.

Gleichzeitig trübe sich allgemein das Umfeld für Schwellenländer aufgrund der steigenden Zinsen in den USA ein, was an den Abwertungen der Währungen erkennbar sei. Vor diesem Hintergrund habe der neue Präsident Cyril Ramaphosa alle Hände voll zu tun.

Der Produktionseinbruch in der Landwirtschaft habe in den ersten beiden Quartalen 2018 für negatives Wachstum gesorgt, womit Südafrika gerade die erste Rezession seit 2009 erlebe. Auf das ganze Jahr hochgerechnet, sollte aufgrund des Endes der schweren Dürre zur Jahresmitte hin dennoch ein Wachstum von 1,5% erreicht werden. Dies reiche aber bei weitem nicht aus, um die enormen sozialen Probleme wirksam zu reduzieren. In Pro-Kopf-Werten ausgedrückt werde es dieses Jahr faktisch kein Wachstum geben. Die südafrikanische Gesellschaft sei eine der ungleichsten der Welt. Zum Teil sei das noch ein Relikt aus Apartheid-Zeiten. Noch immer gebe es ein starkes Wohlstandsgefälle zwischen schwarzen und weißen Südafrikanern. Etwa ein Viertel der Bevölkerung lebe unterhalb der nationalen Armutsgrenze, die Arbeitslosenquote belaufe sich auf über 28%.

Die schlechten Wachstumszahlen kämen für Südafrika zur Unzeit, da sich der Währungsverfall einiger großer Schwellenländer auch auf Südafrika auswirke. Im Zeitraum von Ende 2017 bis Anfang 2018 habe der Südafrikanische Rand gegenüber dem US-Dollar zunächst noch an Wert gewonnen, was an dem Wechsel im Präsidentenamt sowie einer leichten Erholung der Rohstoffpreise gelegen habe. Seit Juni setze jedoch der Einbruch der türkischen und argentinischen Währung zunehmend auch andere Schwellenländerwährungen unter Druck. Diesem Umfeld habe sich auch der Südafrikanische Rand nicht entziehen können, der seit Jahresbeginn etwa 20% an Wert verloren habe.

Grundsätzlich sei Südafrika weniger anfällig für außenwirtschaftliche Schocks als die Türkei oder Argentinien. Der gut entwickelte inländische Kapitalmarkt sorge dafür, dass Unternehmen und Staat die Möglichkeit hätten, Kredite in inländischer Währung aufzunehmen. Dennoch sei die Auslandsverschuldung in den letzten Jahren auf ca. 50% des BIP gestiegen, was der höchste Wert unter den BRICS-Ländern (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) sei. Das gleiche Bild ergebe sich unter Berücksichtigung der Währungsreserven: Zwar würden diese die Importe von ca. sechs Monaten finanzieren, was doppelt so hoch sei, wie die vom IWF empfohlene Untergrenze von drei Importmonaten. Sollte sich eine handfeste Schwellenländerkrise entwickeln, dürfte aber auch das zu wenig sein. Südafrikas Auslandsverschuldung liege bei etwa 340% der Währungsreserven, der mit Abstand höchste Wert unter den BRICS-Staaten. Bei der Türkei und Argentinien belaufe sich diese Quote sogar auf 420%.

Während andere Schwellenländer wie Mexiko oder Indonesien zuletzt die Zinsen angehoben hätten, um dem Abwertungsdruck entgegenzuwirken und die Türkei mittlerweile Zinserhöhungen in Aussicht stelle, habe die Südafrikanische Zentralbank bisher keine Reaktion gezeigt. Im Gegenteil: Im März habe sie ihren Leitzins sogar um 25 Basispunkte auf 6,5% gesenkt. Damit solle das schwache Wirtschaftswachstum sowie die Kreditvergabe der Banken gestärkt werden. Die Zentralbank habe sich dies erlauben können, da keine Inflationsgefahr drohe. Mit etwa 5% liege der Preisanstieg innerhalb des Zielkorridors von 3% bis 6%. Gleichwohl müssten die Währungshüter darauf achten, dass die Zinsdifferenz zwischen Südafrika und den USA nicht zu gering werde. Denn zur Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits sei das Land auf Kapitalzuflüsse angewiesen und müsse daher für Investoren attraktiv bleiben. Dementsprechend werde für 2019 mit leichten Zinserhöhungen gerechnet.

Grundsätzlich habe sich das Wirtschaftsklima mit dem Wechsel im Präsidentenamt im Februar 2018 verbessert. Nach zahlreichen Korruptionsskandalen sei Jacob Zuma als Präsident unhaltbar geworden. Der neue Präsident Ramaphosa verfüge mit seiner Erfahrung in Gewerkschaften und als Geschäftsmann über die richtigen Voraussetzungen, um die Bedürfnisse der verschiedenen wirtschaftspolitischen Akteure zusammenzubringen. Die neue Ausrichtung der Wirtschaftspolitik komme auch durch personelle Entscheidungen zum Ausdruck. Der bei Investoren angesehene Nhlanhla Nene sei von Ramaphosa unmittelbar nach seinem Amtsantritt erneut zum Finanzminister berufen worden. 2015 habe dessen Absetzung noch den Wechselkurs des Rand sowie den Aktienindex der Johannesburger Börse fallen lassen. Allerdings könne der Präsident nicht alle Personalentscheidungen seines Vorgängers ändern, da er auf die verschiedenen Strömungen innerhalb seiner Partei Rücksicht nehmen müsse.

Der Wechsel im Finanzministerium rücke die Konsolidierung wieder in den Fokus. Sei der Staatshaushalt nach der Jahrtausendwende stets weitgehend ausgeglichen bzw. nur moderat im Defizit gewesen, so seien mit der Machtübernahme Jacob Zumas 2009 die Haushaltsdefizite buchstäblich in die Höhe geschnellt. In den neun Jahren seiner Amtszeit habe das jährliche Defizit im Durchschnitt zwischen 4% und 5% des BIP gelegen. In diesem Zeitraum sei die Staatsverschuldung von 30% des BIP auf fast 55% gestiegen. Der von Finanzminister Nene vorgelegte Haushalt für das Fiskaljahr 2018/19 sehe einen Rückgang des Haushaltsdefizits auf 3,6% des BIP vor. Die Ratingagentur Moody‘s habe vor diesem Hintergrund den Ausblick des Baa3-Ratings im März 2018 von negativ auf stabil angehoben. Damit werde Südafrika von den drei führenden Agenturen mit einem Investment-Grade-Rating bewertet. Teil der Konsolidierungsmaßnahmen seien allerdings Steuererhöhungen (u.a. Mehrwertsteuer), die sich negativ auf das Wachstum auswirken dürften.

Innenpolitisch müsse der neue Präsident einen Balanceakt zwischen dem Zentrum und dem linken Flügel des "African National Congress" (ANC) ausführen. Gerne würde Ramaphosa seine Reformagenda entschlossen vorantreiben, doch er müsse auf unterschiedliche Interessengruppen Rücksicht nehmen, um den Zusammenhalt der Partei nicht zu gefährden. Dabei werde der ANC von der linksgerichteten Gruppe der "Economic Freedom Fighters" (EFF) bei der Landreform unter Druck gesetzt. Im Februar habe das Parlament mit 241 zu 83 Stimmen für den Antrag der EFF gestimmt, der eine entschädigungslose Enteignung von Landbesitzern ermöglichen solle. Ramaphosa habe sich anschließend gezwungen gesehen, eine Verfassungsänderung prüfen zu lassen. Der Ausgang sei derzeit noch offen. Klar aber sei, dass eine derartige Gesetzesänderung der Rechtssicherheit im Land und somit dem Investorenvertrauen schweren Schaden zufügen würde. Ohnehin würden bereits viele Unternehmen mit den Vorschriften zur "Black Economic Empowerment" hadern, welche die Stellung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit in der Wirtschaft stärken sollten.

2019 stünden in Südafrika die Parlamentswahlen an. Bei den Kommunalwahlen 2016 habe der regierende ANC noch enttäuscht und mit 54% der Stimmen das schlechteste Resultat in seiner Geschichte erzielt. Bei nationalen Parlamentswahlen habe er aber in der Vergangenheit immer über den Ergebnissen der Kommunalwahlen gelegen. Im Parlament verfüge der ANC zurzeit über die absolute Mehrheit von 249 der 400 Sitze. Spannend bleibe, ob es den Linkspopulisten gelinge, die Regierung wie bei der Landreform weiter vor sich herzutreiben. Bei den letzten Parlamentswahlen 2014 hätten die EFF im Parlament 25 Sitze erhalten. Ob der ANC seine absolute Mehrheit werde verteidigen können, hänge nicht zuletzt vom Erfolg Ramaphosas bei der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage ab. (11.09.2018/ac/a/m)






 
 
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