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Kolumnist: DONNER & REUSCHEL AG

Die Strategie der Notenbanken heißt Fehlervermeidung




31.08.21 10:30
DONNER & REUSCHEL AG

Sehr geehrte Damen und Herren,


seit Monaten befindet sich die Weltwirtschaft in einem außergewöhnlich dynamischen Aufschwung – mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten für die meisten Volkswirtschaften. Vor allem in den USA wurde ein Konjunkturfeuerwerk gezündet, das durch diverse Beschleuniger in Form riesiger Fiskalpakete zusätzlich angeheizt wurde. Auch am US-Arbeitsmarkt setzt sich die Erholung langsam fort. Wenn Anfang September die Arbeitslosenunterstützung für viele Menschen ausläuft bzw. reduziert wird, dürfte immerhin ein Teil der derzeit etwa zehn Millionen offenen Stellen einfacher besetzt werden können.


Bestehende Arbeitsverhältnisse werden vonseiten der Arbeitnehmer aktuell jedoch verstärkt gekündigt, um durch einen Jobwechsel einen höheren Lohn zu vereinbaren. Als Folge der weltweit hohen Wachstumsdynamik und aufgrund weiterhin bestehender Restriktionen explodieren überall die Produktionskosten. Seit Monaten berichten Unternehmen von historisch beispiellosen Engpässen bei der Lieferung von Vorprodukten, Rohstoffen und bei Transportkapazitäten sowie resultierend steigenden Einkaufspreisen. Die Margen der Unternehmen bleiben davon bisher allerdings weitgehend verschont, da sie in der Lage sind die Kosten an die Endverbraucher weiterzureichen.


Auch deshalb steigen weltweit die Inflationsraten deutlich an, vor allem in den USA. Dass die US-Notenbank Fed sich in dieser Situation nicht in der Lage sieht, die Reduktion der Wertpapierkaufvolumina anzukündigen, muss nachdenklich stimmen. Von einer politisch unabhängigen Notenbank könnte man das in dieser Situation erwarten, auch wenn die Zielsetzung der Fed offiziell nicht nur die Preisstabilität, sondern auch eine möglichst hohe Beschäftigung ist. Es handelt sich ja nicht um einen restriktiven geldpolitischen Kurs, sondern nur um eine etwas weniger expansive Gangart, die das Ausmaß der Nebenwirkungen jahrelanger ultra-expansiver Geldpolitik, unter anderem Preisblasen in nahezu allen Anlageklassen, etwas mildern könnte. Von Zinserhöhungen ist noch lange keine Rede, denn dafür müssten die Wertpapierkäufe nach sukzessiver Reduktion zunächst komplett ausgesetzt werden.


Im historischen Kontext wären Zinserhöhungen angesichts des aktuellen wirtschaftlichen Umfelds sogar nachvollziehbar und selbst ein Leitzins von bspw. einem Prozent noch nicht sonderlich restriktiv. Die viel beachtete Rede von Fed-Präsident Powell auf dem Economic Symposium in Jackson Hole zeigt, wie schwierig dieses Wendemanöver wird, denn Kapitalmärkte, Unternehmen und viele Staaten sind abhängig von Niedrigzinsen und mittlerweile wohl auch von Wertpapierkäufen der Notenbanken. Die Entwöhnung wird schmerzlich und darf nicht schlagartig erfolgen, will man das Überleben des Patienten nicht gefährden. „Normalerweise“ lassen sich Aktienmärkte vom Beginn eines Zinserhöhungszyklus kaum negativ beeindrucken. Viel stärker wiegt die Gewissheit, dass die Wirtschaft brummt und die Unternehmensgewinne sprudeln. Erst wenn sich ein Zinserhöhungszyklus dem Ende zuneigt und die gestiegenen Zinsen die Wirtschaft merklich abbremsen wäre die Zeit für größere Korrekturen an den Aktienbörsen.


Aus heutiger Sicht ist davon auszugehen, dass spätestens im September oder November im Rahmen der turnusmäßigen Sitzungen des entscheidenden FOMC-Komitees eine Tapering-Ankündigung mit Start Ende 2021 oder im ersten Quartal 2022 erfolgen wird, je nachdem wie sich bis dahin die Indikatoren für die wirtschaftliche Dynamik entwickeln. Eine erste Zinserhöhung wäre dann Ende 2022 denkbar, wenn sich nicht bis dahin der aktuelle Konjunkturboom zu stark abgeschwächt hat. In dieser Woche richtet sich der Fokus zunächst auf die ISM-Einkaufsmanagerindizes und den US-Arbeitsmarktbericht, die wichtige Indizien über die aktuelle Wirtschaftsdynamik geben und sicher auch von der Fed genauestens analysiert werden.


Ihr Carsten Mumm


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Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel


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