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Kolumnist: Sven Weisenhaus

Starkes US-Wachstum zieht Aktienmärkte nach oben




27.10.21 10:22
Sven Weisenhaus

Es ist eine verzwickte Situation, in der sich die Anleger derzeit befinden. Einerseits zeigen die Frühindikatoren unter den Konjunkturdaten an, dass die wirtschaftlichen Probleme durch die gestörten Lieferketten noch nicht gelöst sind und sich die Aussichten für die deutsche und auch die europäische Wirtschaft sogar weiter eintrüben. Andererseits befinden sich die Aktienkurse aber derzeit wieder auf dem Weg nach oben.


Torsten Ewert hat dies vorgestern damit begründet, dass „die Investoren nach dem 3. Quartal jedes Jahres ihre Blicke nicht nur drei oder sechs Monate nach vorne richten, sondern auf das gesamte folgende Jahr, also fast 15 Monate“. Und man geht davon aus, dass die aktuellen Probleme im kommenden Jahr gelöst sind. Ich zähle mich durchaus dazu, denn auch ich gehe davon aus, dass der aktuelle Flaschenhals auf absehbare Zeit überwunden sein wird.


Die Börse – ein Tummelplatz für sehr verschiedene Individuen


Es gilt dabei lediglich zu beachten, dass es nicht „DIE Investoren“ gibt. Es gibt auch nicht DIE Anleger oder DIE Trader. Denn diese Formulierung, die auch ich durchaus gerne verwende, suggeriert, dass es sich jeweils um eine homogene Gruppe handelt, die einheitlich agiert. Das ist aber leider keineswegs der Fall. Stattdessen haben wir es an der Börse mit sehr vielen Einzelentscheidungen zu tun, bei denen Investoren, Anleger und Trader aus sehr unterschiedlichen Perspektiven auf den Markt blicken, mit unterschiedlichen Zielen, Vorstellungen und Meinungen.


Derzeit scheint der Mehrzahl der Investoren, Anleger und Trader zu der Erkenntnis gekommen zu sein, dass die Aktienmärkte in 15 Monaten höher stehen als aktuell. Denn aktuell sind die kaufwilligen Anleger offensichtlich bereit, zu aktuellen Kursen in den Markt zu gehen, was die Kurse weiter nach oben treibt.


Doch die Stimmung kann sich sehr schnell wieder drehen. Und sicherlich werden einige Anleger nicht schon ganze 15 Monate in die Zukunft blicken. Denn wie Torsten Ewert vorgestern auch schrieb, richten viele Investoren gewöhnlich ihren Blick „nur“ drei oder sechs Monate nach vorne. Womöglich gehen daher aktuell auch einige Marktteilnehmer davon aus, dass es zwischenzeitlich noch einmal zu fallenden Kursen kommt. Und warum sollten eher kurzfristig orientierter Trader dann jetzt bereits auf steigende Kurse setzen, wenn bei einem späteren Einstieg womöglich höhere Renditen erzielt werden können?!


Der Ausblick für die kommenden 6 Monate bleibt getrübt


Diese kurzfristig orientierten Anleger werden daher womöglich auch kritisch zur Kenntnis genommen haben, dass der ifo-Geschäftsklimaindex im Oktober zum vierten Mal in Folge gesunken ist, wie das ifo-Institut gestern zu seiner Umfrage unter 9.000 Führungskräften mitteilte. Wobei angesichts der Einkaufsmanagerdaten, die bereits in der vergangenen Woche veröffentlicht wurden, dies keine große Überraschung mehr war. Doch die Führungskräfte beurteilten nicht nur ihre aktuelle Lage (siehe blaue Linie im folgenden Chart), sondern auch die Geschäftsaussichten für die kommenden sechs Monate skeptischer als zuletzt (grüne Linie).


ifo-Geschäftsklimaindex


So wird die deutsche Wirtschaft laut den aktuellen mehrheitlichen Erwartungen im vierten Quartal 2021 wohl nur noch geringfügig wachsen. Viele sehen bereits eine Phase der Stagflation. Und vor diesem Hintergrund könnte ich mir durchaus auch noch einmal einen niedrigeren DAX-Stand vorstellen.


Starkes US-Wachstum zieht Aktienmärkte nach oben


Doch als Leitbörsen der Welt gelten die US-Börsen. Und wenn es dort aufwärts geht, zieht dies regelmäßig auch den DAX mit nach oben. Dabei gibt es gute Gründe, warum die Aktienindizes in den USA derzeit steigen. Denn neben der starken Berichtssaison (siehe auch „Steigende Gewinnerwartungen, steigende Aktienkurse“) hat sich laut den jüngsten Einkaufsmanagerindizes (PMI) von IHS Markit das Wachstum der US-Wirtschaft trotz Lieferengpässen sogar bereits wieder beschleunigt. Der Composite-PMI legte nach zuvor 4 Monatsrückgängen in Folge von zuletzt „nur noch“ 55,0 Punkten im September auf 57,3 Zähler im Oktober recht deutlich zu.


IHS Markit Gesamt-Einkaufsmanagerindex USA


Angesichts dieser (auch relativen) Stärke der US-Wirtschaft verwundert es nicht allzu sehr, dass die US-Aktienindizes im August Hochs und nach relativ moderaten Korrekturen im September Tiefs markiert und somit nur relativ kurz zurückgesetzt haben.


Unterschiedliche fundamentale Entwicklungen sind eingepreist


Es ist also die Frage, ob die Wachstumsabschwächung insbesondere der deutschen und europäischen Wirtschaft mit den Kursverlusten der jüngsten Vergangenheit bereits vollständig verarbeitet wurde und die Börse seitdem bereits die Zukunft spielt, oder ob der DAX der Wirtschaft zu weit vorausgelaufen ist, weil ihn die US-Börsen mit nach oben gezogen haben. Ist letzteres der Fall, könnte es noch einmal zu Rücksetzern kommen, mit denen erst dann die fundamentalen Entwicklungen ausreichend eingepreist werden.


Schaut man allerdings auf die fundamentale Bewertung, dann sind europäische Werte, zum Beispiel gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), bereits wesentlich günstiger bewertet als die US-Indizes. Den fundamentalen Entwicklungen wurde also bereits Rechnung getragen. Dazu noch einmal die Grafik aus der Börse-Intern vom 19. Oktober:


S&P 500 - Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV)
(Quelle: Berenberg Bank)


Das KGV des S&P 500 liegt demnach bei 21,9, das des Stoxx 600 bei 16,6. Doch beide Aktienmärkte, europäische und US-amerikanische, sind historisch damit immer noch relativ hoch bewertet.


DAX stößt mit einer reifen Aufwärtsbewegung auf Widerstand


Ich kann Ihnen daher die Frage leider auch nicht beantworten, ob es in Kürze noch einmal zu stärkeren Rücksetzern kommt. Deshalb schaue ich auf den Kursverlauf, da dieser mir Anhaltspunkte dafür liefert, wie es in Zukunft weitergehen könnte.


Und im DAX hat sich die aktuelle Aufwärtsbewegung inzwischen 5-gliedrig entwickelt (siehe blaue Ziffern im folgenden Chart). Dabei hat der deutsche Leitindex seine mögliche Seitwärtsrange nach oben verlassen (gelbes Rechteck), die Mittellinie bei 15.785 Punkten erreicht und sich damit auch dem horizontalen Widerstand bei 15.800 Punkten angenähert (roter Pfeil).


DAX - Target-Trend-Analyse


Dadurch stößt der DAX nun mit einer reifen Aufwärtsbewegung auf Widerstand. Gut möglich daher, dass der aktuelle Aufwärtstrend bald zu Ende geht und sich eine (ABC-)Korrektur anschließt. Vom Ausmaß dieser Gegenbewegung wird man dann wieder auf die Verfassung des Marktes schließen können. Fällt sie kurz aus, spricht dies für eine Stärke der Bullen, anderenfalls für eine Rückkehr der Bären. Noch ist die aktuelle Aufwärtsbewegung aber intakt. Und daher gilt es zunächst zu beobachten, wo diese tatsächlich endet und in eine (ABC-)Korrektur mündet.


Fazit


Langfristig sind die Aussichten für die Wirtschaft positiv, weil sich die aktuellen Probleme nach derzeitiger mehrheitlicher Marktmeinung irgendwann auflösen werden und es dann zu Nachholeffekten kommen kann. Das ist übergeordnet betrachtet positiv für den Aktienmarkt. Kurzfristig scheinen sich die Probleme aber eher noch zu verschärfen, was zu Rückschlägen an den Aktienmärkten führen kann, wenn sich die Stimmung der Anleger eintrübt.


Ich wünsche Ihnen viel Erfolg an der Börse
Ihr
Sven Weisenhaus


(Quelle: www.stockstreet.de)



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