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Kolumnist: Sven Weisenhaus

Sind höhere Ölpreise ein Problem für Wirtschaft und Aktienmarkt?




15.10.21 08:29
Sven Weisenhaus

Nach Ansicht der Internationalen Energieagentur (IEA) könnte eine globale Energiekrise die Inflation weiter anheizen und die weltweite Erholung von der Corona-Pandemie verlangsamen. Durch steigende Energiepreise steige auch der Inflationsdruck und zusammen mit Stromausfällen könnte es zu einer Verlangsamung der wirtschaftlichen Erholung kommen, so die IEA.


Das ist nun allerdings keine bahnbrechende Erkenntnis. Zugleich liefert die IEA allerdings gute Gründe für die steigenden Ölpreise: „Rekordpreise für Kohle und Gas sowie wiederkehrende Ausfälle veranlassen den Stromsektor und energieintensive Industrien, sich dem Öl zuzuwenden, um Lichter brennen zu lassen und den Betrieb am Laufen zu halten“, schrieb die Agentur in ihrem monatlichen Bericht. Auch auf diesen Zusammenhang könnte man durchaus auch noch als Laie kommen.


Aufhorchen lässt daher eher die Einschätzung der IEA, dass die Ölnachfrage durch die aktuellen Entwicklungen um eine halbe Million Barrel pro Tag (bpd) ansteigen könnte. Infolge dessen würde sich die weltweite Ölnachfrage im nächsten Jahr auf das Niveau vor der Pandemie erholen, so die Erwartung der IEA. Und sie kommt daher zu dem Ergebnis, dass die großen Ölförderländer der OPEC+ mit der Rohöl-Förderung im vierten Quartal 2021 etwa 700.000 Barrel pro Tag unter der erwarteten Nachfrage bleiben werde. Und damit haben wir einen konkreten Grund für die steigenden Ölpreise.


OPEC+ wird die Angebots- bzw. Nachfragelücke nicht schließen


Eigentlich hatte ich erwartet, dass die OPEC+ in einem solchen Fall einfach mehr Öl fördern würde, um die Ölpreise auf einem Niveau von etwa 60 bis 65 Dollar einzupendeln (siehe auch Börse-Intern vom 20. August), also in etwa in der Mitte der im folgenden Chart markierten Spannen (gelbe Rechtecke).


Ölpreis der Sorte West Texas Intermediate (WTI)


Doch am Montag vergangener Woche hieß es von Seiten der OPEC+ nach einem Online-Treffen der Ölminister der beteiligten Staaten, man werde die geplante Ausweitung der Förderquoten trotz des bestehenden Preisdrucks nicht beschleunigen. Stattdessen werden die Quoten wie vereinbart im November um 400.000 Barrel pro Tag angehoben. Auch für Dezember ist eine solche Erhöhung vorgesehen.


„Wir werden die Situation beobachten, wie wir wissen, sinkt die Nachfrage normalerweise im vierten Quartal“, sagte der stellvertretende russische Premierminister Alexander Nowak. Zudem sagte ein Insider, man habe Angst vor einer erneuten Corona-Welle im Herbst, weshalb niemand größere Schritte unternehmen wolle.


Ölförderstaaten können mit den aktuellen Preisen sehr gut leben


Die OPEC+ rechnet also gleich in zweifacher Hinsicht mit einer möglicherweise sinkenden Nachfrage und möchte daher das Angebot nicht stärker erhöhen, um nicht in einen Angebotsüberhang zu geraten, der dann auch wieder die Preise zu weit fallen lassen könnte. Schließlich können diverse OPEC+-Staaten mit Ölpreisen von 80 Dollar besser leben als mit Preisen von 50 oder gar nur 40 Dollar. Denn die Einnahmen aus den Öl-Exporten werden benötigt, um den Staatshaushalt zu finanzieren.


Ölpreise sollten nicht zu stark steigen


Je höher also die Ölpreise, desto höher die Gewinnmarge und umso mehr Spielräume hat man bei den Staatsausgaben. Allerdings dürfen die Ölpreise auch nicht zu weit steigen, weil dies die Wirtschaft belasten würde. Das könnte die Nachfrage nach Öl bremsen und somit zu sinkenden Umsätzen und Gewinnen führen. Im Interesse der OPEC+ liegt also ein möglichst ausgewogener Ölpreis. Und daher gehe ich davon aus, dass die Notierungen auch bald wieder nachgeben.


Jetzt erst in der Welle 5?


Das ließe sich auch charttechnisch begründen, wenn man zum Beispiel die Elliott-Wellen etwas anders zählt als im Chart oben:


Ölpreis der Sorte West Texas Intermediate (WTI)


Hiernach befindet sich der Aufwärtstrend erst jetzt in der Welle 5 und somit der finalen Welle des aktuellen Aufwärtstrends. Und vielleicht läuft diese sogar noch bis auf rund 90 Dollar, wo die Preise dann an das nachhaltige Trendhoch von 2018 gelangen.


Fazit


Wenn die OPEC+ mit ihrer Erwartung richtig liegt, dass die Nachfrage nach Öl zum Jahresende hin abnimmt, dann könnte durch die Förderanhebungen im November und Dezember um jeweils 400.000 Barrel pro Tag die Angebotslücke geschlossen werden und die Ölpreise könnten wieder sinken. Sollte die IEA hingegen richtig liegen mit ihrer Erwartung eines Nachfrageüberhangs im vierten Quartal 2021 von etwa 700.000 Barrel pro Tag, dürften die Ölpreise hoch bleiben.


Die Frage nach dem Huhn und dem Ei


Vergleicht man allerdings die Entwicklung der Ölpreise mit der des DAX (siehe folgender Chart), dann waren steigende Ölpreise selten ein Grund für fallende Kurse am Aktienmarkt. Stattdessen waren fallende Ölpreise eher ein Signal für eine schwächere Nachfrage durch eine geringere Wirtschaftsaktivität, die dann auch die Aktienmärkte belastet hat (rote Rechtecke).


Ölpreis der Sorte Brent vs. DAX


Und hier stellt sich dann die Frage: Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Waren also die jeweils gestiegenen Ölpreise der Grund dafür, dass die Wirtschaft Probleme bekommen hat und damit ihre Aktivität zurückgefahren hat, was dann zu fallenden Ölpreisen und Aktienkursen geführt hat? Oder hat zuerst die Wirtschaftsaktivität abgenommen, was dann zu einer geringeren Nachfrage nach Öl (und fallenden Aktienkursen) geführt hat? Diese Frage(n) kann auch ich Ihnen leider nicht beantworten. Jedenfalls sollte man stets die Ölpreise im Blick behalten.


Ich wünsche Ihnen viel Erfolg an der Börse
Ihr
Sven Weisenhaus


(Quelle: www.stockstreet.de)



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