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Kolumnist: Klaus Singer

Schlechte Marktbreite im S&P 500




29.05.17 07:18
Klaus Singer

Der S&P 500 hat neue Allzeithochs markiert und notiert über dem
psychologisch wichtigen Pegel bei 2400. Der Nasdaq-Index zeigt relative
Stärke. Das zusammen wird von bullischen Beobachtern als gutes Zeichen
dafür genommen, dass Aktien noch weiteres Aufwärtspotenzial haben.
Aktuelle Makro-Daten zeigen zwar einen gewissen Dynamikverlust im
Hausbausektor. Über alles befindet sich die US-Wirtschaft jedoch in
keiner schlechten Verfassung. Das BIP für Q1 ist in der zweiten
Schätzung von +0,7% auf +1,2% aufgestuft worden. Das liegt zwar immer
noch deutlich unter dem BIP-Wachstum von 2,1% des vierten Quartals 2016.
Aber die geschäftlichen Investitionen in Anlagen wurden aufwärts
revidiert und tragen jetzt fast 1,9% zum Wachstum bei. Zudem sind die
Lagerbewegungen von der Berechnung des BIP ausschließenden „real final
sales of domestic product“ um annualisiert 2,2% angestiegen – nach +1,2%
in Q4/2016.


Damit erscheint die Verfassung der US-Wirtschaft keineswegs so, dass in
2017 mit einer Rezession zu rechnen ist. Insbesondere die sich belebende
Investitionstätigkeit lässt erwarten, dass die Wirtschaftsleistung
künftig eher wächst.


Auch diesseits des Atlantiks steigen Wirtschaftsleistung und Stimmung
an. Der ifo-Index erreicht den höchsten Stand seit Beginn seiner
Erhebung im Jahre 1991. Auch die Erwartungen steigen, liegen aber noch
unter dem jüngsten Hoch aus Ende 2013.


Der Rekordlauf des ifo Index wird von einigen Beobachtern als
Warnzeichen für eine baldige Korrektur im DAX genommen. Das traf in der
Vergangenheit durchaus zu. Allerdings ist die Zahl der Ereignisse
gering. Und so sollte man ein solches Zeichen zwar beachten, aber in
seiner Relevanz auch nicht überbewerten.


Der S&P 500 konnte in dieser Woche auch den hier diskutierten Pegel von
2411 überwinden. Das mag mit dem Schlussstand vom Freitag bei knapp 2416
noch nicht sonderlich signifikant sein, zumal gleichzeitig der VIX
wieder Werte unter zehn zeigt und kurzfristig erneut überverkauft ist.


Ein schon länger bestehendes Problem mit der Aufwärtsbewegung bei Aktien
lässt sich mit dem Begriff der Marktbreite umschreiben. Die Marktbreite
kann unterschiedlich analysiert werden.


Bespoke Investments weist darauf hin, dass die fünf größten Aktien im
S&P 500, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft und Alphabet, einen
bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des S&P 500 haben. Seit
Jahresbeginn ist der Aktienindex um fast 8% angestiegen. Rechnet man
aber den Einfluss der größten Aktien heraus, bleiben lediglich +4,6%
übrig. Zu Jahresbeginn trugen die fünf größten Aktien 11,6% zur
Marktkapitalisierung des Index bei, aktuell sind es 13,7%. Fast die
Hälfte der Indexgewinne seit Jahresbeginn wird mit weniger als 15% der
Marktkapitalisierung erzielt – das zeigt nicht gerade eine breit
angelegte Rally (siehe Chart!).


Marktbreite in Zusammenhang mit längerfristigen Trends zu erfassen, ist
andere Möglichkeit. Der folgende Chart zeigt den prozentualen Anteil der
Aktien, die über ihrer SMA200 (SMA – einfacher gleitender Mittelwert)
notieren. Die Schwelle von 40% hat sich als brauchbarer Warnpegel
erwiesen. Notiert der Anteil der in diesem Sinne trendstarken Aktien
darunter, gilt die Marktbreite als schwach. Dann steigt die
Wahrscheinlichkeit, dass der Gesamtmarkt abgewürgt wird und die
Schwerkraft zuschlägt. Im laufenden Bull-Run war das zwei Mal der Fall,
Ende 2011/Anfang 2012, sowie Ende 2015/Anfang 2016. Wie der Chart zeigt,
bewegt sich dieser eher nachlaufende Marktbreiten-Indikator aktuell in
einem für die Bullen “komfortablen” Bereich (siehe Chart!).


Wenn von Marktbreite die Rede ist, kommt auch das „Hindenburg-Omen“ ins
Spiel. Stabile Marktbedingungen haben einen gewissen Grad von
Uniformität, so dass dann eine bedeutende Anzahl von Aktien entweder
neue 52-Wochenhochs oder entsprechende Tiefs produzieren dürfte. Tritt
aber beides zugleich auf, deutet das auf kommenden Trendwechsel hin. Als
Schwelle wird ein Anteilswert um 2,8% vorgeschlagen. Als zweites
Kriterium gilt, dass der zu analysierende Index höher stehen sollte als
z.B. 50 Handelstage zuvor; bisweilen wird auch gefordert, dass ein
längerfristiger Durchschnitt, etwa die SMA50, steigen sollte. Beachtet
wird beim Hindenburg-Omen die Häufung solcher Ereignisse in einem
kürzeren Zeitfenster. Der folgende Chart zeigt das aktuelle Ergebnis
(siehe Chart!).


Im Artikel „Does the Stock Market Have a Case of Bad Breadth?“ wird das
Auftreten des Hindenburg-Omens auch in Zusammenhang mit früheren
Marktphasen gezeigt und seine Marktrelevanz für die Warnung vor
sigifikanten Markt-Topps nachgewiesen.


Der Verfasser dieses Artikels analysiert sodann, von welchen Sektoren
die Schwäche nach Hindenbrug-Omen gegenwärtig stammt. Die drei Sektoren
mit den stärksten langfristigen Aufwärtstrends (nach SMA200) sind
Finanz-, Technologie- und Industriewerte. Das Hindenburg-Omen wird
demnach nicht von den wichtigsten zyklischen Sektoren erzeugt, so der
Verfasser. Daher sei das Omen aktuell weniger relevant (siehe Chart!).


In der mittelfristigen Betrachtung sieht das jedoch anders aus. Hier
zeigen Finanzaktien deutliche Schwäche: Nur 21% dieser Gruppe zeigen
eine steigende SMA50, 35% notieren darüber. Wenn der Anteil von Aktien
über einer SMA größer ist als der Anteil mit steigender SMA, weist das
eher auf ein lokales Maximum hin. Damit liegt mittelfristig, auf Basis
der SMA50, für diesen mit 17% Gewicht im S&P 1500 bedeutenden Sektor
Trendschwäche vor. Industriewerte (11% Gewicht) befinden sich demnach im
Durchschnittsbereich und liefern keine besonderen Impulse für den
Gesamtmarkt.


Eine andere Sichtweise auf die Marktbreite ist die Gegenüberstellung der
Kursperformance von Aktien mit hoher (LargeCap) und solchen mit
niedriger Marktkapitalisierung (SmallCap). Wenn große Marktteilnehmer
annehmen, der Gesamtmarkt notiert nahe eines lokalen Maximums, werden
sie von illiquiden SmallCaps in liquidere LargeCaps umschichten, um sich
im Falles eines Falles kursschonender vom Markt zurückziehen zu können.
Umgekehrt ist relative Stärke der viel zahlreicheren SmallCaps ein
Hinweis auf eine stabile Marktentwicklung mit breitem Fundament. Der
folgende Chart zeigt die Marktbreite anhand der Kursentwicklung zweier
ETFs auf US-LargeCaps und –SmallCaps (siehe Chart!).


Wenn die rote Kurve steigt, zeigt das relative Stärke von SmallCaps. Die
Richtung des blauen Volatilitäts-Bandes wird in der türkisen Signalkurve
abgebildet. Ein Ausschlag nach oben zeigt übergeordnet relative Stärke
von SmallCaps, nach unten herrscht dementsprechend relative Stärke von
LargeCaps. Dies ist aktuell seit Mitte März der Fall und die Auswertung
liefert momentan keine Hinweise auf eine kurz bevorstehende Wende. Die
kurzfristige Entwicklung (rote Linie) ist jetzt nahe der Tiefpunkte aus
Mitte Februar 2016 und Mitte 2012. Beide waren in der Entwicklung der
Aktienkurse, wie auch im makroökonomischen Umfeld, wichtige Zeitpunkte.


Damit entwickelt sich die Marktbreite aus vielerlei Sichtweisen
tatsächlich im übergeordneten Bild seit November vergangenen Jahres in
eine ungünstige Richtung. Der Aufschwung bei Aktien wird von immer
weniger Aktien getragen, zu einem bedeutenden Teil in den USA eben von
den eingangs erwähnten fünf großen Technologie-Werten. Die Entwicklung
steuert auf einen wichtigen Punkt zu, die Marktbreite ist jetzt nahezu
so „schmal“ wie an markanten Zeitpunkten in den zurückliegenden mehr als
sechs Jahren.


Ein anderes Maß für Marktbreite, der TRIN-Index, setzt das tägliche, auf
steigende und sinkende Aktien entfallende Durchschnittsvolumen ins
Verhältnis. Hier zeigt sich, dass Mitte April ein Hoch erreicht wurde,
sowie vor wenigen Tagen ein Tief (ein Hoch im TRIN entspricht
schlechter, ein Tief guter Marktbreite). Seitdem wird die so gemessene
Marktbreite wieder deutlich schlechter. Zudem befindet sich die
Volumenverteilung im S&P 500 zwar in Akkumulation – allerdings mit
geringer Dynamik und sinkendem durchschnittlichen Handelsvolumen.


Alles in allem läuft der Motor hinter der Kursentwicklung damit nicht
rund. Wenn ein Motor stottert, sinkt die Geschwindigkeit. Und wenn diese
zu sehr sinkt, besteht die Gefahr, dass die Schwerkraft zuschlägt und
das Flugzeug abstürzt oder zumindest zu einer Notlandung gezwungen ist.


Es sei denn, es gelingt, den Motor wieder rund lauf zu lassen. Was ist
dazu aktuell erforderlich?


Die Teilnehmer an den Finanzmärkten spekulierten ab Februar 2016 auf
Preissteigerungen und griffen bei „Sachwerten“, also auch Aktien, zu. Im
zweiten Quartal 2016 war die Bodenbildung bei der Inflationsentwickung
nach dem von der Fed besonders beachteten PCE-Price-Indicator (PCEPILFE
– Kernrate) abgeschlossen, die Preisentwicklung lief bis zum
Jahreswechsel weiter hoch. Seitdem stagniert sie. Üblicherweise laufen
steigende Zinsen und Preise zusammen, das gilt besonders (wieder), seit
die Fed mit einer gewissen Normalisierung der Zinspolitik begonnen hat:
Zum Jahreswechsel markierte die Rendite der zehnjährigen US-TNotes bei
2,6% ein Hoch, das in der ersten Märzhälfte noch einmal erreicht wurde.
Mitte April und Mitte Mai wurden jeweils Jahrestiefs bei 2,2% erreicht,
aktuell liegt die Rendite etwas darüber bei 2,25%.


Was gebraucht wird, damit der Kursmotor wieder rund läuft? Die zweite
Runde bei der Inflation würde wieder mehr “Treibstoff” (=Kursphantasie)
liefern! Vorsichtige Anzeichen gibt es von der Renditeentwicklung, aber
auch der Goldpreis konnte zuletzt wieder zulegen und behauptet sich über
dem Pegel von rund 1250 Dollar. Die Ölpreise konnten in den
zurückliegenden Tagen deutlich steigen, Öl Brent versuchte zuletzt den
Ausbruch über den wichtigen Pegel bei 53 Dollar. Der misslang zwar, aber
eine Tageskerze mit langem unteren Docht unterhalb dieser Schwelle zeigt
Kaufdruck an. Auch Kupfer konnte sich von der Untergrenze einer
Seitwärtsrange absetzen und notiert jetzt in deren Mitte. Nicht zuletzt
hat das am gestrigen Freitag aufwärts revidierte US-BIP-Wachstum für Q1
den Inflationserwartungen wieder neues Leben eingehaucht.


Damit mehren sich Anzeichen darauf, dass es bei den Preisen demnächst
einen zweiten Schub geben könnte. Davon dürften Aktien als „Sachwerte“
und über die Inflationsillusion zunächst noch weiter profitieren. Dann
müsste sich allerdings auch die Marktbreite wieder verbessern, sonst
bliebe das Fundament des Bull-Runs schwach.


Der S&P 500 hat ein neues Allzeithoch markiert und einen wichtigen Pegel
überschritten. Allerdings läuft der Kursmotor aus Sicht der Marktbreite
nicht rund. Dies dürfte die Rallye abwürgen, bzw. zumindest ernsthaft
unterbrechen – es sei denn der Motor wird mit neuen Treibstoff versorgt.
Der könnte aus einer neuen Runde Inflations-Phantasie bezogen werden.


Erwähnte Charts, weiterführende Verweise und Quellenangaben können hier
eingesehen werden:
http://www.timepatternanalysis.de/Blog/2017/05/27/schlechte-marktbreite-im-sp-500/





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