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Saudi-Arabien vs. Russland: Radikaler Neubeginn für die Ölmärkte?




23.03.20 11:35
BNP Paribas Asset Management

Paris (www.aktiencheck.de) - Der Ölpreis hatte zuletzt deutlich nachgegeben: Brent-Öl, der wichtigste Referenzpreis am Markt, ist erstmals seit 2016 unter 30 Dollar pro Fass gefallen, so Mark Lewis, Leiter für Nachhaltigkeitsforschung bei BNP Paribas Asset Management.

Grund dafür sei die sinkende Nachfrage angesichts der Corona-Pandemie. Dazu komme der Streit zwischen den Produktionsländern Saudi-Arabien und Russland über eine Drosselung der Förderung zur Preisstabilisierung: Saudi-Arabien habe eine Steigerung seiner Ölproduktion angekündigt und so einen Preiskampf mit Russland gestartet.

"So weit, so einfach: Der saudische Schachzug war ein Machtspiel, der darauf abzielt, die Vormachtstellung des Königreichs gegenüber den anderen Anwärtern auf den Titel als größten Ölproduzenten der Welt zu behaupten", erkläre Mark Lewis. Und frage weiter: "Aber was ist, wenn an der Sache mehr dran ist? Was, wenn dies ein radikaler Neubeginn in der Geschichte der Ölmärkte ist?"

Wer auf den billigsten und reichlich sprudelnden Ölvorräten der Welt sitze, habe doch ein Interesse daran, in den nächsten Jahrzehnten so viel wie möglich davon zu verkaufen, während das globale Energiesystem von Kohlenwasserstoffen Abstand nehme, oder?

Es könnte daher auch eine radikale Neubewertung hinter dem dramatischen Schritt Saudi-Arabiens stehen. Wenn nämlich Saudi-Arabien Ländern wie China und Indien langfristige Kaufverträge für große Mengen Öl zu einem Festpreis von 40 bis 50 Dollar pro Barrel anbiete, wäre dies eine Win-Win-Strategie, sowohl für das Königreich als auch für die größten Importländer. Saudi-Arabien bekäme langfristige Planbarkeit und einen Preis, der immer noch enorme Gewinne abwerfe. Und China und Indien würden langfristige Versorgungssicherheit zu erschwinglichen, stabilen Preisen erhalten.

Gehe man von erforderlichen Investitionen von geschätzt 25 bis 30 Milliarden Dollar pro einer Million Barrel pro Tag zusätzlicher Kapazität aus, würde es Saudi-Arabien im nächsten Jahrzehnt etwa 200 Milliarden Dollar kosten, 7,5 Millionen Barrel pro Tag zusätzlich zu fördern. Das erhöhe sein Potenzial auf 20 Millionen Barrel pro Tag. (Das Königreich produziere derzeit etwa 10 Millionen Barrel pro Tag, habe aber noch etwa 2,5 Millionen freie Kapazitäten.)

200 Milliarden Dollar seien, selbst für Saudi-Arabien, eine Menge Geld. Aber: Unter der Annahme, dass die operativen Förderkosten 10 Dollar pro Barrel betragen und dass eine Hälfte der künftigen Produktion weiter zu Marktpreisen verkauft werde, während die andere Hälfte zu einem Festpreis von 45 Dollar pro Barrel an asiatische Importeure gehe, betrage der jährliche Betriebsgewinn allein aus diesen 10 Millionen Barrel pro Tag 130 Milliarden Dollar im Jahr - oder 2,6 Trilliarden Dollar über 20 Jahre.

Mit anderen Worten: Die Vorabinvestitionen dieser hypothetischen Zusatzproduktion wären in nur 18 Monaten gedeckt. Gleichzeitig ermögliche dieses Szenario dem Königreich, die Preisflexibilität für die anderen 10 Millionen Barrel zu erhalten und so von eventuellen Preisspitzen zu profitieren.

Die Geschwindigkeit, mit der die Regeln des Energiemarktes derzeit umgeschrieben würden, bedeute, dass der größte Ölproduzent der Welt jeden Anreiz habe, ein solches Szenario durchzuspielen. Die aktuelle Volatilität auf den Ölmärkten ändere nichts an dem grundlegenden Punkt: Von nun an werde Öl zunehmend mit den erneuerbaren Energien konkurrieren und von allen Ölproduzenten der Welt sei Saudi-Arabien bei weitem am besten positioniert, um auf diese Herausforderung zu reagieren.

Kurz gesagt, so dramatisch wie die Ereignisse der letzten Zeit auch gewesen seien, in dieser Ära der Umwälzungen in der Energieversorgung seien sie womöglich nur ein Vorgeschmack, verglichen mit dem, was mit dem Ende des Ölzeitalters in Sicht komme. (23.03.2020/ac/a/m)






 
 
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