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Kolumnist: Klaus Singer

S&P 500 – Bulle oder Bär?




02.04.18 13:49
Klaus Singer

Der S&P 500 hat das erste Quartal mit einem Verlust von lediglich 1,2%
beschlossen. Das hört sich wenig an, verbirgt aber, welche großen
Bewegungen zwischendrin stattfanden. Der Index notiert mit aktuell 2641
8,1% unter dem am 26. Januar erreichten Allzeithoch und 0,8% über dem
Tief vom 8. Februar.
Mittlerweile ist nicht wenig charttechnisches Porzellan zerschlagen
worden. Bis zum 21. März konnte man das Kursgeschehen noch als
Konsolidierung in einem Dreieck einstufen. Dieses wurde am 22. März mit
einem Gap-down aufgelöst. Der Index fing sich erst wieder im Bereich des
am 8. Februar auf Schlusskurs-Basis markierten Jahrestiefs.



Zugunsten der Bullen lässt sich damit ein Doppelboden mit einem
zeitlichen Abstand von sieben Wochen feststellen. Zudem bot die EMA200
Support und das 38er Retracement des Aufwärtsimpulses seit der Wahl von
Trump zum US-Präsident wurde respektiert. So weit, so gut.



Für die Bären spricht, dass sich die EMA50 nun nach unten neigt, was
mittelfristige Schwäche in einem Aufwärtstrend signalisiert. Sie liegt
mit 2671 aktuell noch komfortabel über der EMA200 (2600), ein Schnitt
der beiden Linien würde deutliche längerfristige bullische Schwäche
aufzeigen (siehe Chart!).



Zudem gibt es zwei wichtige Trendlinien, die zur Bewährungsprobe der
Bullen werden. Da ist zunächst die magentafarbene Obergrenze eines
Aufwärtskanals aus den Anfangstagen des gegenwärtigen Bull-Runs. Sie
wurde am zurückliegenden Donnerstag intraday erreicht (2659), der S&P
500 schloss deutlich darunter. Dann liegt bei rund 2685 die Untergrenze
des seit Trump etablierten Aufwärtskanals (dunkelgrün).



Kurzfristig könnte die leicht überverkaufte Situation den Bullen
Rückenwind geben. Dafür spricht auch die technische Situation im VIX.
Die Chancen stehen gut, dass der Angstmesser an Wallstreet zunächst
weiter abwärts läuft, was üblicherweise für steigende Aktienkurse
spricht. Weitere kurzfristig bullische Anzeichen: Die
Advance-Decline-Linie zeigt eine aufwärts gerichtete Tendenz. Und die
Auswertung des Put/Call-Verhältnisses ist so bärisch wie zuletzt Anfang
November 2016, dem Zeitpunkt der Wahl Trumps. Das ist im Kontra-Sinn ein
Hinweis auf eine anstehende Gegenbewegung.



Andererseits befindet sich die Volumenverteilung im S&P 500 in
Distribution, eine Trendwende in Richtung Akkumulation ist kurzfristig
unwahrscheinlich. Das spricht nicht zwingend für sinkende Kurse, zeigt
aber auch keine starke bullische Überzeugung der Akteure.



Die technische Unsicherheit würde in Zeiten niedriger Bewertung eher auf
bullische Stärke hinweisen. Mit einem KGV nach Shiller (CAPE) von knapp
32 liegt es jedoch erheblich über historischen Maßstäben. Demzufolge ist
der Risikoappetit natürlich nicht gerade überbordend. Allerdings darf
nicht vergessen werden, dass sich die großen Akteure im Laufe des nun
schon überdurchschnittlich lange andauernden Bull-Runs mit
Aktienmaterial voll geladen haben. Wenn diese die Lage nun so
einschätzen, dass kursmäßig übergeordnet nicht mehr viel geht, dann muss
dieses unter die Leute gebracht werden. Und das geht natürlich besser,
wenn die Kursentwicklung insgesamt einen „vertrauenserweckenden“
Eindruck macht. Also liegt es nahe, in bestimmten Situationen Kurspflege
zu betreiben und „Schnäppchenjäger“ auf den Plan zu rufen.



Damit sind wir bei der mittelfristig entscheidenden Frage angekommen:
Hat die im November 2016 gestartete Phase des „spekulativen Exzesses“
nach Dow-Theorie ihren Zenith erreicht? In dieser werden Kurse v.a. von
Hoffnungen und Erwartungen getrieben. Eines der großen Themen war und
ist Inflation. Eine mäßige, stabile Preissteigerungstendenz wird meist
als Beleg für ein solides Wirtschaftswachstum genommen. Auf den ersten,
von August 2016 bis Februar 2017 gehenden Inflationsschub (CPI) folgte
ab Juli 2017 der zweite, gegenwärtig noch anhaltende.



Es gibt realwirtschaftlich zwei wesentliche Signale hinsichtlich der
weiteren Preisentwicklung. Die Ölpreise dürften nach einem deutlichen
Anstieg seit Mitte 2016 zunächst ihre Höchstwerte mit rund 70 bzw. 65
Dollar gesehen haben. Auch der Preis für Kupfer zeigt Schwäche, er läuft
auf den mittelfristig bedeutenden Pegel von 6500 zu. Wird der gebrochen,
ist mit weiteren deutlichen Abgaben zu rechnen. Beide Rohstoffe warnen
somit vor künftiger, mit einigen Monaten Verzögerung aufkommender
Schwäche in der Entwicklung der Verbraucherpreise. Sinkende Ölpreise
verbessern zwar die Kaufkraft der Verbraucher, gleichzeitig belasten sie
jedoch die Gewinnentwicklung im Energiesektor. Da dieser einen
bedeutenden Beitrag zur Gesamtentwicklung beisteuert, treibt das dann
das durchschnittliche KGV hoch.



Die Zinsen zeigen sich gegenwärtig wackelig. Die Renditen für
zehnjährige US-TNotes hatten am 21. Februar den Pegel von drei Prozent
touchiert und bewegen sich seitdem abwärts. Die EMA50 läuft nicht mehr
aufwärts. Auf Tagessicht ist die Technik überverkauft, auf Wochensicht
überkauft. Das lässt kurzfristig ein volatiles Szenario erwarten.



Übergeordnet besteht hinsichtlich der Entwicklung dieser
Referenz-Rendite die Wahl zwischen Teufel und Belzebub. Steigen die
Zinsen über drei Prozent, würde das wohl weiteren Aufwärtsdruck auslösen
und Kredite verteuern, damit auch die Neuverschuldung des
US-Staatshaushalts. Nicht unwahrscheinlich, dass China zum Auftrieb der
Renditen beiträgt (siehe u.a. hier: „Handelskrieg – hat China
angefangen?“). Sinken die Zinsen, könnte Flucht in den vermeintlich
sicheren Hafen der Staatsanleihen dahinter stecken. Dann kommt es früher
oder später zu “Treibstoffmangel” für Aktien.



Ich favorisiere das Szenario übergeordnet bis in das Spätjahr steigender
Zinsen. John Mauldin zeigt in „Springtime Chart Fling“ auf, dass
signifikante lokale Maxima der Renditeentwicklung stets mit größeren
Krisen korrespondierten (siehe Chart!). Und er fragt, welches Label
dieser Ausbruch dann wohl bekäme.



Die Entwicklung von Merkmalen der Zinsstruktur zeigt eine steigende
Wahrscheinlichkeit für eine innerhalb der nächsten vier bis sechs
Quartale eintretende Rezession (siehe „Fed: Warnung seitens Zinsstruktur
ignorieren?“!). Das entsprechende Signal ist noch nicht signifikant, der
Trend in diese Richtung jedoch seit längerem etabliert; setzt er sich so
fort, dürfte innerhalb der nachsten zwei Monate ein “offzielles” Signal
generiert werden.



Wie geht es kurzfristig weiter? Auf Monatssicht favorisiere ich einen
positiv verlaufenden Test des 50er Retracements des Aufwärtsimpulses
seit November 2016 (rund 2480) (siehe „S&P 500 – Zug verpasst“!). Dabei
ist es gut möglich, dass die bullische Attitüde vom Quartalsende
kurzfristig zunächst noch Bestand hat.



Die Antwort auf die Frage “Bulle oder Bär”, bzw. ob die im November 2016
gestartete Phase des „spekulativen Exzesses“ nach Dow-Theorie ihren
Zenith erreicht hat, lautet aus meiner Sicht wie folgt: Wir befinden uns
übergeordnet wahrscheinlich in einer Topp-Bildungs-Phase, die bis weit
in die zweite Jahreshälfte gehen dürfte. Nicht ausgeschlossen, dass
dabei noch neue Allzeithochs markiert werden, in jedem Fall ist mit
erhöhter Volatilität zu rechnen.



Erwähnte Charts, weiterführende Verweise und Quellenangaben können hier
eingesehen werden:
http://www.timepatternanalysis.de/Blog/2018/04/01/sp-500-bulle-oder-bar/





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