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Kolumnist: Sven Weisenhaus

Neue Rekorde am Aktienmarkt trotz anhaltend hoher Inflation




12.08.21 09:33
Sven Weisenhaus

Die Inflationsdaten aus den USA waren gestern eindeutig das wichtigste Ereignis für die Märkte. Denn man erhoffte sich neue Hinweise auf die Geldpolitik der US-Notenbank sowie Impuls für die Aktienmärkte, die schon seit Tagen unter Bewegungsarmut leiden.


US-Inflation gibt nur in der Kernrate wie erwartet leicht nach


Erwartet wurde im Durchschnitt ein leichter Rückgang der Teuerung von +5,4 % im Juni auf +5,3 % im Juli bei der Jahresrate. Auch bei der Kernrate wurde eine leichte Entspannung erwartet – auf einen Juni-Wert von +4,5 % sollte eine Abnahme auf +4,3 % folgen. Bei Letzteren lagen die Analysten richtig, die Gesamtteuerung blieb aber unverändert auf dem höheren Juni-Wert.


Inflation der USA (jährlich)


Kurioserweise kam es nach Veröffentlichung der Daten zu einem Kursanstieg an den Aktienmärkten. Und diesen kann ich mir aktuell eigentlich nur damit erklären, dass derzeit sowieso alles ein Kaufgrund für Anleger ist. Denn da die Inflation etwas höher ausgefallen ist als vom Markt erwartet, wären eigentlich eher fallende Aktienkurse zu erwarten gewesen, weil eine anhaltend hohe Inflation dazu führen wird, dass die US-Notenbank tendenziell früher den Fuß vom geldpolitischen Gaspedal nehmen wird. Und das ist eigentlich bearish zu werten.


Neue Belastungen für die globalen Lieferketten


Zumal es derzeit weitere preistreibende Faktoren gibt, die gegen das Mantra der Notenbanken einer nur vorübergehend höheren Inflation sprechen. So hat in China erneut ein Containerhafen seinen Betrieb einstellen müssen, nachdem bei einem Mitarbeiter eine Corona-Infektion festgestellt wurde. Und dies dürfte zu neuen Störungen in den ohnehin schon global angespannten Lieferketten führen. Zumal es sich im aktuellen Fall um den nach Shanghai zweitgrößten Containerhafen handelt.


Im Mai und Juni hatte die Corona-bedingte zeitweise Schließung des chinesischen Handelshafens Yantian der deutschen Wirtschaft zufolge schon gravierendere Folgen für die globalen Lieferketten als zuvor die Schiffshavarie im Suezkanal.


USA fordern sinkende Ölpreise


Kein Wunder also, dass die US-Regierung jüngst für eine steigende Öl-Produktion der OPEC+ geworben hat. Denn durch ein steigendes Angebot könnten die bereits etwas zurückgekommenen Ölpreise weiter sinken, was sich dämpfend auf die Inflation und stärkend auf die Wirtschaft auswirken könnte. Was die Märkte schließlich überhaupt nicht gebrauchen können, ist eine stockende Konjunkturerholung bei gleichzeitig stark steigenden Preisen, was mithin zu einer sogenannten Stagflation führen könnte, also einer stagnierenden Wirtschaft bei hoher Inflation.


Corona-Zahlen steigen in den USA weiter


Und neben gestörten Lieferketten könnte auch das aktuell wieder verstärkt grassierende Corona-Virus die Wirtschaft belasten. So füllen sich laut Reuters-Informationen in den USA derzeit wieder die Krankhäuser mit Corona-Patienten. Am vergangenen Wochenende war demnach die Zahl der Einweisungen im Wochenvergleich um 40 % bzw. auf den höchsten Stand seit sechs Monaten geklettert. Und alleine am Samstag verzeichnete die US-Gesundheitsbehörde laut Reuters rund 256.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden. Zur Erinnerung: Am Donnerstag vergangener Woche hatte ich noch von einem Anstieg auf 105.867 Neuinfektionen berichtet.


Neue Rekordstände an den Aktienmärkten


Vor diesem Hintergrund erscheint der aktuelle Anstieg der Aktienmärkte wieder deutlich übertrieben. Hohe Energiepreise, hohe Transportkosten, Lieferengpässe und ein sich entladender Konsumstau, der durch Rückkehrer in den US-Arbeitsmarkt und höhere Löhne befeuert wird, halten die Inflation oben. Zugleich wird die Konjunkturerholung durch die vielen neuen Stellen in den USA und höhere Löhne am Laufen gehalten. Letzteres ist auch ein Grund für steigende Aktienkurse. Doch die Aufwärtstrends sind schon sehr reif. Und irgendwann werden die Anleger realisieren, dass die US-Notenbank angesichts einer starken Erholung am Aktienmarkt und einer anhaltend hohen Inflation bald ihre Unterstützung reduziert.


Bei Besitzern von Technologieaktien scheint sich diese Erkenntnis bereits durchzusetzen. Denn der Nasdaq 100 war gestern erneut deutlich schwächer als der Dow Jones. Er notiert sogar im Minus und so niedrig wie seit Dienstag vergangener Woche nicht mehr. Von einer Kauflaune ist hier also schon nichts mehr viel zu spüren. Stattdessen herrscht eher bereits Verkaufsbereitschaft.


Wie nachhaltig ist das neue Rekordhoch im DAX?


Auch der bullishe Ausbruch im DAX auf ein neues Rekordhoch im gestrigen Handel wirkt nicht sehr solide, obwohl dieser, wie vorgestern noch geschrieben, mit einer impulsiven Aufwärtsbewegung erfolgte. 15.887,16 Punkte lautet nun die neue Bestmarke. Doch von diesem Tageshoch kamen die Kurse sehr schnell wieder zurück (siehe gelbe Ellipse im folgenden Chart).


DAX - kurzfristige Chartanalyse


Ich traue dem Braten daher nicht. Und ich plädiere weiterhin für nachgezogene Stopps bei noch bestehenden Long-Positionen. So könnte man diese nun zumindest teilweise beenden, wenn sich der aktuelle Ausbruch im DAX als Bullenfalle entpuppt. Das ist im Grunde schon der Fall, weil der DAX bereits bis unter das bisherige Rekordhoch von 15.810,68 Punkten vom 14. Juli zurückgefallen ist.



Ich wünsche Ihnen viel Erfolg an der Börse
Ihr
Sven Weisenhaus


(Quelle: www.stockstreet.de)



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