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Marktteilnehmer und Märkte - völlig losgelöst




02.09.22 12:51
Euroswitch

Frankfurt am Main (www.aktiencheck.de) - Viele Nachrichten, wenig Erkenntnisse - so lässt sich der Börsenmonat August zusammenfassen, so Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement Euroswitch.

Zahlreiche Kapitalmärkte hätten sich gemessen an vorherrschenden optimistischen Erwartungen enttäuscht gezeigt und die im Juli erzielten Gewinne teilweise wieder abgegeben. "Die Kursschwankungen der letzten beiden Monate sind vermutlich exemplarisch für den weiteren Jahresverlauf, da die politischen wie konjunkturellen Prognosen und die potenziellen Reaktionen der Marktteilnehmer zu unsicher sind und bleiben", befürchte Thomas Böckelmann.

Zahlen und die Erwartungen an ihre Entwicklung würden weitgehend das Kapitalmarktgeschehen bestimmen. "In vielen Bereichen erscheinen die Zahlen völlig losgelöst von der Realität", so Finanzexperte Böckelmann. So könnten +8% gestiegene Umsätze und Gewinne inflationsbereinigt eine Stagnation oder sogar Schrumpfung bedeuten. Andererseits könnten sinkende Umsätze und Gewinne einem erfolgreichen Anpassungsprozess geschuldet sein, dem bald eine langfristig positive Entwicklung folge.

"Im Aggregat aller volkswirtschaftlichen Akteure - von privaten Haushalten über Unternehmen bis zu Staaten - bedeuten daher aktuell Zahlen allein wenig, sie sind vielmehr durch hohe Schwankungen und Interpretationsbedarf gekennzeichnet. Denn jeder reagiert anders auf Inflation - der eine zieht Konsum oder Investitionen vor, der andere stellt diese zurück, ein Unternehmen gibt Preiserhöhungen weiter, das andere nicht", so der Fondsmanager.

Fakt sei lediglich, dass langfristige strukturelle Faktoren wie Unterinvestitionen in Energie, Rohstoffe und Infrastruktur und aktuelle politische wie post-pandemische Faktoren von Sanktionen bis hin zu Lieferkettenstörungen sich gegenseitig verstärken würden und damit eine hartnäckige angebotsbedingte Inflation begünstigt hätten. "Dieser kann man zwar nur begrenzt mit Zinserhöhungen begegnen - dennoch bleiben sie erste Wahl der Notenbanken im Kampf um das Vertrauen der Marktteilnehmer, nachhaltig für Preisstabilität zu sorgen", wisse Böckelmann.

Die Äußerung "until the job is done" des FED-Präsidenten Jerome Powell während des jüngsten internationalen Notenbanktreffens in Jackson Hole habe daher viele Marktteilnehmer verschreckt. Deren Hoffnung sei bereits groß gewesen, dass die Notenbank angesichts erster Abschwächungssignale bei Inflation wie Wirtschaftswachstum von aggressiven Zinserhöhungen Abstand nehmen würde. In den Augen des Experten werde jetzt die Gefahr eines geldpolitischen Fehlers - dass die Notenbanken zu lang zu restriktiv agieren und damit unvermeidlich eine Rezession erzeugen würden - höher eingestuft.

Mehr als bei den Notenbanken liege der Ball nun im Spielfeld der Politik. Fiskalpolitik könne gegen eine angebotsbedingte Inflation viel mehr bewirken, wenn sie schnell und zielgerichtet erfolge. Böckelmann warne: "Allerdings agieren auch hier viele Verantwortliche völlig losgelöst von der Realität und ihren Anforderungen. Ewige Lagerdebatten, teils ideologisch und moralisierend geführt, stehen pragmatischen Ansätzen im Weg. Gerade in Deutschland und Europa wird viel über Zeitenwende geredet, aber Impulse schmerzlich vermisst. Die Ausgangslage für die Politik vor allem im heterogenen Europa ist zugegeben alles andere als einfach. Daher zielt der naive politische Reflex zunächst auf Reglementierung der Märkte sowie mehr Schulden und - besser noch - deren Vergemeinschaftung."

Laut Böckelmann würden die Märkte aktuell ihre wichtigsten volkswirtschaftlichen Funktionen erfüllen - einerseits als Signalgeber für Fehlentwicklungen, andererseits in ihrer Lenkungsfunktion für Investitionen: "Dies zu kritisieren oder gar eingreifen zu wollen, erscheint kurzfristig gedacht und sogar verantwortungslos. Vielmehr sollte man gemeinsam mit den Märkten und wirtschaftlichen Akteuren an pragmatischen Lösungen zur Aufhebung der inflationsverursachenden Engpässe arbeiten." Der Fondsmanager befürchte, dass der aktuell zu erlebende Vertrauensverlust zwischen Politik, Märkten und Wirtschaft die nächste große Herausforderung darstellen werde.

Die schon spürbare Konjunkturabschwächung werde die Inflation wieder eindämmen. "Fraglich bleibt, ob wir gegebenenfalls langfristig einen höheren Inflationssockel akzeptieren müssen. Im jetzigen Umfeld, in dem von Rezession bis hin zu moderatem Wachstum viele Szenarien gleich wahrscheinlich sind, halten wir daher an unseren in den meisten Strategien ausgewogenen und qualitätsorientierten Investitionen fest", so Böckelmann abschließend. (02.09.2022/ac/a/m)







 
 
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