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Kolumnist: Redaktion boerse-frankfurt.de

Marktstimmung: "Im Zweifel pessimistisch"




09.07.20 09:00
Redaktion boerse-frankfurt.de

Pessimistische Anleger, steigende Aktienpreise – dieser Gegensatz bringt den Markt in eine eher komfortable Ausgangsposition für die kommenden Tage.


Zusammenfassung

Die Krise dauert an und die Aktienmärkte haussieren. Eine Situation, die Anleger wie Kommentatoren verwundert. Die mittelfristig orientierten hiesigen Investoren jedenfalls bleiben passiv. Bei den Profis haben sich die Positionierungen überhaupt nicht verändert und von den Privaten sind lediglich 4 Prozent von der neutralen auf die Long-Seite gewechselt. Beide Sentiment-Indizes stehen mit -29 bzw. -14 Punkten weiter im pessimistischen Bereich.


Für Joachim Goldberg steht dahinter Misstrauen gegenüber den hohen Aktienpreisen und fehlende Kaufgelegenheit, mit der er erst unter 12.000 Punkten rechnet. Außerdem vermutet der Verhaltensökonom, dass Erwartungen eines Doppel-Tops Kapitulationskäufe verhindern könnte. Steige der DAX aber über das bisherige Hoch bei 12.913 Punkten, dürften viele Bären aufgeben.


8. Juli 2020. FRANKFURT (Börse Frankfurt). EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte sicherlich recht, als sie heute in einem Interview bemerkte, die Finanzmärkte hätten sich „enorm“ beruhigt. Dennoch hat der DAX seit unserer vergangenen Stimmungserhebung immerhin ein Band von etwas mehr als 6 Prozent abgebildet, wobei man bei den Akteuren ein gewisses Unbehagen feststellen konnte. Denn vielerorts kann man nicht so recht nachvollziehen, was genau sich derzeit an den Märkten abspielt. Da gab es zum einen eine bemerkenswerte Rallye im chinesischen Aktienmarkt, die seit vergangenem Mittwoch, gemessen am Shanghai Composite 300, einen Gewinn von rund 14 Prozent hervorgebracht hat. Eine Aufwärtsbewegung, die nicht nur bei den Börsianern hierzulande ein seltsames Gefühl hinterließ, weil sie von Kommentatoren als „staatlich verordnet“ bezeichnet wurde. Zudem wurden Erinnerungen an den Sommer 2015 wach, als der besagte Index nach einem ebenfalls massiven Kursanstieg innerhalb zweier Monate über 40 Prozent seines Wertes verlor.


Auf der anderen Seite lässt sich feststellen, dass die dramatische Entwicklung der Covid-19-Krise insbesondere in den USA und Australien nach wie vor auch die hiesigen Börsianer in Atem hält. Allerdings schlägt sich diese Entwicklung bislang – obwohl die Corona-Pandemie vielerorts als Extrem-Risiko eingeschätzt wird – kaum in den Aktienkursen nieder.


Unbeeindruckte Bären


Unterdessen hat sich an der pessimistischen Stimmung der von uns wöchentlich befragten mittelfristig orientierten institutionellen Investoren gegenüber der Vorwoche praktisch nichts geändert. Denn unser Börse Frankfurt Sentiment-Index bleibt unbewegt auf einem Stand von -29 Punkten. Dies ist insofern bemerkenswert, als es angesichts der bereits erwähnten Handelsbandbreite von 6 Prozent durchaus Möglichkeiten gegeben hätte, an den Positionierungen etwas zu verändern. Aber der anfängliche Rücksetzer des DAX nach unserer vergangenen Befragung ging offensichtlich nicht tief genug, um die Pessimisten zur Umkehr zu bewegen.


Etwas mehr Aktivität zeigt indes das Panel der Privatanleger. Dessen Börse Frankfurt Sentiment-Index ist immerhin gegenüber der Vorwoche um 4 Punkte auf einen Stand von -14 Punkte gestiegen. Allerdings ließen sich die Pessimisten ähnlich wie bei den institutionellen Pendants nicht beirren. So verdankt sich der Anstieg des Sentiment-Index fast ausschließlich vormals neutral gestimmten Akteuren, die sich nun in einer kleinen Gruppe zu den Optimisten gesellt haben.


Unterm Strich lässt sich aus dem Ergebnis der heutigen Stimmungsumfrage herauslesen, dass die Pessimisten auf ihrem Standpunkt beharren. Zum einen vermutlich, weil viele Investoren der stabilen Situation am Aktienmarkt nicht trauen. Zum anderen ist das Börsenbarometer seit unserer vergangenen Erhebung nicht so deutlich gefallen, als dass sich eine attraktive Rückkauf-Situation für die bearishen Engagements ergeben hätte. Eine solche dürfte vermutlich ohnehin erst unterhalb von 12.000 DAX-Zählern bestehen. Die dann sich einstellende Nachfrage könnte für den Aktienmarkt eine gewisse Stütze bedeuten.


Noch keine Kapitulation


Auf der anderen Seite lässt der 1,9-prozentige Gewinn des Börsenbarometers seit vergangenem Mittwoch (im Punktvergleich) vermuten, dass sich die Pessimisten mit ihren Engagements auch nicht richtig unwohl fühlen. Dies umso mehr, als der Kursaufschwung zu Beginn dieser Woche nicht das bisherige Hoch der Erholungsrallye vom 8. Juni (12.913) überwinden konnte, sondern nicht allzu weit davon entfernt stehen blieb. Die mögliche Spekulation auf ein Doppel-Top dürfte damit bislang Kapitulationskäufe verhindert haben. Sollte der DAX allerdings dieses Niveau deutlich überschreiten, dürfte zumindest ein Teil der bearishen Engagements im Rahmen einer Short-Squeeze zurückgedeckt werden. Auch wenn die Sentiment-Werte im 3- und 6-Monatsvergleich nicht so pessimistisch aussehen, wie sie auf den ersten Blick erscheinen, stellen sie weiterhin für den DAX eine Stütze dar.


8. Juli 2020, © Goldberg & Goldberg für boerse-frankfurt.de




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