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Kolumnist: Redaktion boerse-frankfurt.de

Marktstimmung: "Erstaunlich gelassen"




08.05.19 17:43
Redaktion boerse-frankfurt.de


Sowohl institutionelle und private Anleger haben Gewinne mitgenommen, bzw. sichern sich teilweise ab. Was den Markt in eine komfortable Lage bringt. Zusammenfassung 

Die Skepsis siegt: 9 Prozent der professionellen und 8 Prozent der privaten Anleger haben seit der vorherigen Erhebung vor zwei Wochen ihre Bluechips verkauft. 11 bzw. 12 Prozent sind short gegangen. Der DAX hat in dem Zeitraum 90 Punkte verloren. Angesichts des vorübergehenden Jahreshochs geht Joachim Goldberg neben Absicherungen vor allem von Gewinnmitnahmen aus - eine Entscheidung, die von der aktuellen Nachrichtenlage "komfortabel" bestätigt würde. Beide Sentiment-Indizes stehen jetzt mit -14 Punkten im pessimistischen Bereich. 

Nach Ansicht des Verhaltensökonoms sei der Markt damit nach unten gar nicht so schlecht abgesichert. Weitere Kursrückgänge seien für Gewinnmitnahmen der Bären willkommen. Sollte die Nachrichtenlage drehen, müssten Pessimisten ihre Engagements schnell wieder eindecken. Beide Szenarien seien günstig - "sofern der Markt nicht noch zusätzlich durch ausländische Kapitalabflüsse belastet wird." 8. Mai 2019. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Es ist schon vielsagend, wenn ein Kommentator in einem Tweet den Ausgang des Fußballspiels der Champions League Liverpool gegen Barcelona mit dem jüngsten Einbruch an den Aktienmärkten dies- und jenseits des Atlantiks vergleicht. Dass der FC Liverpool gegen den Favoriten FC Barcelona einen 0:3 Rückstand aus dem Hinspiel aufgeholt und letztlich mit einem 4:0 als Sieger aus den beiden Halbfinalspielen hervorgegangen ist, hatte seines Erachtens einen größeren Wirbel ausgelöst als die Reaktion der Börsenkurse auf den möglicherweise wieder aufflammenden Handelsstreit zwischen China und den USA. Zwar wurde die Drohung Donald Trumps, die Handelszölle auf China-Importe zu erhöhen und auszuweiten, sofern es bis Freitag keine Einigung gebe, vom US-Aktienmarkt mit einem deutlichen Rückgang quittiert, weswegen auch der DAX hierzulande kräftig Federn lassen musste. Aber im größeren Bild war die Reaktion der Aktienkurse - etwa im breit gestreuten US-Index S&P 500 - nach Meinung vieler Kommentatoren ohnehin längst fällig gewesen. Manch einer zeigte sich sogar erstaunt, dass vor allem der Rückgang der US-Werte am gestrigen Dienstag nicht viel stärker ausgefallen war. Natürlich ist die Nachfrage nach Absicherung gegen größere Kursverluste seit Beginn der Woche gestiegen - aber es hätte schlimmer kommen können. Tatsächlich glauben offenbar viele Investoren immer noch, dass die USA und China ihren Handelsstreit nicht zu einem Handelskrieg größeren Ausmaßes, eskalieren lassen werden. 

Vergleichsweise gut vorbereitet gegen fallende Aktienkurse scheinen die von uns wöchentlich befragten mittelfristig orientierten Investoren zu sein. Denn unser Börse Frankfurt Sentiment-Index ist gegenüber der Befragung von vor zwei Wochen (am 1. Mai wurde wegen des Feiertages nicht erhoben) um 20 Punkte auf einen Stand von -14 gefallen. Und weil der DAX im gleichen Zeitraum gerade einmal 0,7 Prozent an Wert verloren hat - nach einem zwischenzeitlichen Ausflug auf ein neues Jahreshoch von 12.435 DAX Zählern -, ist es gut möglich, dass das eine oder andere Engagement sogar profitabel realisiert wurde. Zumindest legt dies die Wanderung von 9 Prozent aller Befragten vom Bullen- direkt ins Bärenlager nahe. 

Kursrückgänge nicht überall unwillkommen


All dies scheint die von uns allwöchentlich befragten institutionellen Investoren mit mittelfristigem Handelshorizont zumindest vordergründig nicht allzu sehr zu scheren. Denn der Börse Frankfurt Sentiment-Index ist gegenüber der Vorwoche gerade einmal um 5 Punkte auf einen Stand von +6 Punkte gestiegen. Diese Zurückhaltung ist insofern nachvollziehbar, als es seit dem Erhebungszeitpunkt in der vergangenen Woche mit einem DAX-Stand von 12.100 Punkten keine günstigeren Einstiegsmöglichkeiten in den Markt gab. Mit anderen Worten: Die Wenigen, die gekauft haben, haben dies vermutlich nur getan, weil sie es tun mussten. 

Widerwille statt Euphorie


Eine beinahe identische Wanderung vom Bullen ins Bärenlager hat es auch bei den Privatanlegern gegeben, deren Börse Frankfurt Sentiment-Index ebenfalls um 20 Punkte auf den Stand von -14 gefallen ist. 

Die jüngste Entwicklung der Sentiment-Indices vermittelt den Eindruck, als ob der sogenannte Stimmungs-Turnaround von "bullish" nach "bearish" vielen Akteuren nicht schwergefallen ist. Dazu hat neben dem Absicherungsgedanken natürlich auch die Tatsache beigetragen, dass man mit den zwischenzeitlichen Jahreshöchstkursen als Verkäufer von Aktien ohnehin in einer psychisch komfortablen Lage war. Wer womöglich zu guten Kursen verkauft hat, fühlt sich durch die Entwicklung der globalen Nachrichtenlage noch zusätzlich in seiner Entscheidung bestätigt. Dies gilt insbesondere für die institutionellen Anleger, die auch schon zuvor mehrheitlich trotz Erreichen neuer Jahreshöchststände im DAX wenig Zeichen von Euphorie zeigten und sich teilweise bereits Wochen zuvor auf eine Abwärtskorrektur eingerichtet hatten. 

Und weil der Börse Frankfurt Sentiment-Index nunmehr auf dem niedrigsten Stand seit dem 24. Oktober 2018 notiert (bei den Privatanlegern muss man sogar bis zum 27. Juni zurückgehen), ist der Markt nach unten gar nicht so schlecht abgesichert. Mit anderen Worten: Für viele Akteure wären weitere Kursrückgänge sogar willkommen, um diese Absicherungen mit Gewinn glattstellen zu können. Sollte es indes (etwa im Handelskonflikt) zu positiven Überraschungen kommen, müssten die Pessimisten von heute, möglicherweise im Rahmen einer Shortsqueeze, ihre Engagements ganz schnell wieder zurückdecken. Beide Szenarien sind aus heutiger Sicht für den DAX nicht wirklich ungünstig - sofern der Markt nicht noch zusätzlich durch ausländische Kapitalabflüsse belastet wird. 

8. Mai 2019, © Goldberg & Goldberg für boerse-frankfurt.de 


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