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Kolumnist: Geldanlage-Report

Die Lust am Untergang und was dahintersteckt!?




02.09.13 18:20
Geldanlage-Report

http://www.geldanlage-report.de


 


Lieber Kapitalanleger,


„Davon geht die Welt nicht unter“, sang Zarah Leander schon vor 70 Jahren. Während ich mit der Musik wenig anfangen kann, ist mir die Grundaussage durchaus sympathisch.


Viel sympathischer jedenfalls als das, was man derzeit nicht nur in Internetforen sondern bereits wieder in Boulevardzeitungen lesen kann.


Da ist von einem baldigen weltweiten Börsenbeben die Rede und von einem möglichen Finanz-Tsunami in Asien („BILD“).


Tatsächlich scheinen die aufkeimenden Ängste, die offensichtlich Viele umtreiben, berechtigt zu sein: Einige Schwellenländer – nicht nur in Asien – taumeln, die Euro-Zone ist noch lange nicht aus dem Gröbsten raus (wer weiß, was da nach der Bundestagswahl ans Tageslicht kommt …). Und dann ist da ja noch der Syrien-Konflikt, von dem derzeit keiner weiß, ob er weiter eskalieren wird. Dennoch:


Geht’s auch etwas kleiner?


Wenn es nach Männern wie Marc Faber, auch bekannt als „Dr. Doom“ (Doktor Untergang), Roland Leuschel, Jim Rogers oder auch Nouriel Roubini geht, dann machen wir uns alle noch viel zu wenig Sorgen. Sie gehören zu der ganz besonderen Spezies der sogenannten „Crash-Propheten“ und finden in diesen Zeiten wieder verstärkt Gehör.


Sollte man sie ernst nehmen? Über die „Apokalyptischen Reiter“ (die musikalisch schon eher meinem Geschmack entsprechen) der Weltbörsen kursiert unter Ökonomen das Bonmot, sie seien wie eine stehengebliebene Uhr – die geht auch zweimal am Tag richtig.


Im Klartext: Richtige Prognosen verdanken sie meist dem Zufall, was ihrer Popularität (und dem eigenen Bankkonto) allerdings nie geschadet hat. Viele halten sie für reine Marketing-Strategen – in eigener Sache. Was die so betitelten jedoch nicht anficht. Sie warnen weiter – aktuell vor einem heißen Herbst.


Der Schweizer Marc Faber, vielleicht der berühmteste (oder besser: berüchtigtste?) der Apokalyptischen Reiter sieht die Kurse weltweit schon purzeln. Ähnlich wie Roland Leuschel, langjähriger Banker und Anlagestratege, inzwischen im Ruhestand, sieht er „ein Parfum von 1987 über das Parkett wehen“.


Hintergrund: Der Schwarze Montag am 19. Oktober 1987 war der erste Börsencrash nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Dow Jones fiel innerhalb eines Tages um 22,6 Prozent.


„Bis zum Schwarzen Montag im Jahre 1987 haben wir ähnlich wie heute eine kraftvolle Rally erlebt. Zugleich stiegen die Gewinne nicht mehr wesentlich – und der Markt war überkauft“, verkündete Faber jetzt im Interview mit CNBC. Ähnliches erleben wir angeblich nun wieder. „Die Marktstärke beruhte auf einer immer kleiner werdenden Zahl von Unternehmen, die Unterstützung fehlt.“


Die Aussichten sind darum auch mehr als düster, so „Dr. Doom“. Aktien in den USA und Europa würden das Jahr „20 Prozent niedriger“ beenden. Vielleicht gehe es auch noch weiter runter. Denn das Ende der lockeren Geldpolitik der US-Notenbank Fed rücke näher.


Darum werden Investoren weiterhin viel Geld aus Ländern wie Brasilien, Indien oder Argentinien abziehen. Und die Krise der Emerging Markets bringe dann auch die Industrieländer unter zunehmenden Druck. Für Faber sind das eigentlich noch gemäßigte Ansichten.


Kürzlich wagte er sogar eine noch viel drastischere Prognose: "Der Dritte Weltkrieg wird in den nächsten fünf Jahren ausbrechen".


Nun ist Faber – zum Glück für uns alle – nicht vor Irrtümern gefeit. Beispiele sind Legion. Anfang 2008 warnte er, dass die Kreditblase in China innerhalb weniger Monate platzen werde. Bis heute tut sie ihm den Gefallen einfach nicht. Auch die von Faber seit Jahren prophezeite Hyperinflation in den USA will und will einfach nicht kommen.


Das US-amerikanische Research-Unternehmen CXO Advisory wollte einmal genauer wissen, was an Vorhersagen von Anlageprofis dran ist. Auch 150 Vorhersagen von Marc Faber zur Entwicklung von US-Aktien waren darunter. Das Ergebnis war ernüchternd: Lediglich in 47 Prozent aller Fälle lag der Schweizer richtig. Da könnte man eigentlich auch eine Münze werfen...


Dass Sie mich bitte nicht missverstehen: Ich will den Mann gar nicht kleinreden. Vielleicht ist der studierte Wirtschaftswissenschaftler, der heute in Thailand lebt, seiner Zeit manchmal einfach nur voraus.


Immerhin kann er auch auf einige eindrucksvolle Volltreffer verweisen: Faber sagte den Börsencrash 1987 voraus, die Asienkrise in den 90ern, das Platzen der Internetblase 2000. Nun haben das zwar auch andere vorausgesehen, doch Faber hat mehr Charisma als sie alle. Für die Medien ist er ein Glücksfall. Ob man aber sein Depot nach seinen Prognosen ausrichten sollte, ist eine andere Frage.


Zurück zu der entscheidenden Frage, die Sie sich vielleicht auch stellen: Haben die Untergangspropheten mit ihrer Skepsis in der aktuellen Situation nicht doch Recht?


Nach meiner Meinung sollte man sich sowohl vor denen hüten, die meinen, die steigenden Börsenkurse seien nur auf Sand gebaut und damit reine Kreationen der Zentralbanken als auch vor denen, die zu optimistisch verkünden, die Märkte würden allein starke Bilanzen und die Aussicht steigender Gewinne widerspiegeln.


Wieder einmal scheint – so profan das klingen mag – die Wahrheit irgendwo in der Mitte zu liegen. Wobei auch objektive Studien eine deutliche Überbewertung des Aktienmarktes zeigen.


Es gibt durchaus Parallelen zu 1987: Der aktuelle Bullenmarkt läuft seit Frühjahr 2009 und damit schon rund 4 ½ Jahre. Damals waren die Aktienkurse in den USA und Deutschland über fünf Jahre ununterbrochen angestiegen.


Auch die Bewertungsniveaus sind inzwischen – wie damals – wieder weit überdurchschnittlich. Viele Blue Chips aus dem MDAX sind auf Basis fundamentaler Bewertungszahlen so teuer wie noch nie (z.B. Fuchs Petrolub und Kuka) - und das zu einem Zeitpunkt, wo die Unternehmensgewinne nahe ihrer zyklischen Hochs angelangt sein könnten.


Auch in den USA sind die Bewertungsniveaus hoch: Das KGV des S&P 500 auf Basis des Gewinns der letzten vier Jahre der darin enthaltenen Unternehmen liegt bei 18,2, was höher ist als 79 Prozent der auf diese Weise ermittelten Werte seit 1871.


Berücksichtigt man die – chronisch zu positiven – Analystenschätzungen und bereinigt sie um diesen Bias ergibt sich beim S&P 500 ein KGV von 13,6 auf Basis der für die kommenden vier Quartale erwarteten Gewinne. Das liegt um 24 Prozent über dem historischen Durchschnitt von 11. Das heißt auch aus dieser Warte sind US-Aktien aktuell zu teuer.


Ein anderer kritischer Punkt: US-Firmen erwirtschaften aktuell im Durchschnitt einen Gewinn von 9,3 Cents für jeden Dollar an Umsatz. Eine Gewinnmarge von 9,3 Prozent ist aber historisch enorm hoch.


Nur einmal, im vierten Quartal 2011, waren die Margen noch etwas höher, nämlich bei 10,0 Prozent. Wie üblich an der Börse tendieren auch Gewinnmargen nach deutlichen Anstiegen dazu, auf ihren langfristigen Durchschnittswert zurückzufallen. Dieser liegt seit 1952 bei 5,9 Prozent.


Im Durchschnitt dauerte es in der Vergangenheit nur 4,8 Jahre bis dieser Durchschnittswert wieder erreicht worden ist. Warum sollte das dieses Mal anders sein? Kommt es tatsächlich so und geht man davon aus, dass das Markt-KGV konstant bleibt, würde der S&P 500 im Sommer 2018 rund 30 Prozent tiefer notieren als aktuell. Keine schönen Aussichten.


Bereits in der Ausgabe vom 23. März bin ich ja auf das KGV10 von Shiller als Gesamtmarkt-Prognose-Tool eingegangen. Dieses ist seither für den S&P 500 noch weiter gestiegen auf 23,6 (von damals 22,3), liegt damit noch weiter über dem historischen Durchschnitt als damals – und kündigt somit für die nächsten Jahre weit unterdurchschnittliche Renditen für Aktien an.


Ein entscheidender Unterschied


Es gibt aber auch einen entscheidenden Unterschied zu 1987: Damals waren die Anleihezinsen eine wirkliche Alternative zum Aktienmarkt.


Heute sind die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen nicht einmal eine Konkurrenz zu den Dividendenrenditen der meisten Blue Chips. Es fehlen für Anleger schlicht die Anlagealternativen zu Aktien.


Wie komplex die Bewertungsmaterie zudem ist, zeigt die Kritik eines anderen renommierten Volkswirtschaftsprofessors, Jeremy Siegel, am KGV10 von Shiller: http://blogs.marketwatch.com/thetell/2013/08/20/jeremy-siegel-takes-another-shot-at-robert-shillers-pe-ratio/


Siegel ist der Ansicht, dass durch Änderungen der Bilanzierungsvorschriften, die Gewinne der Unternehmen aktuell künstlich niedriger sind als zu Beginn der 90er-Jahre und daher die Aussagekraft des KGV10 sehr begrenzt sei.


Unabhängig davon steht für mich außer Frage: Die Aktienbewertungen liegen aktuell weit über dem historischen Durchschnitt. Für die kommenden Jahre sind weit niedrigere Renditen für Anleger zu erwarten. Seien Sie vorsichtig!


Die Bedeutung geopolitischer Krisen für den Aktienmarkt werden überschätzt


Nicht nachvollziehen kann ich dagegen die (gewohnt) düsteren Töne eines Jim Rogers hinsichtlich des Syrien-Konflikts: „Wer weiß, was für unbeabsichtigte Folgen uns drohen“, sagte der Rohstoff-Investor im Interview mit Reuters. Rogers rät, verstärkt auf Gold zu setzen und betont immer wieder, sich keinen Krieg zu wünschen, auch wenn er Assets halte, die in einem solche Falle stark profitieren würden.


Sicher kann derzeit keiner die Folgen einer Eskalation in Syrien seriös einschätzen, auch ich nicht. Aber die Annahme, die Weltwirtschaft würde ins Trudeln geraten, weil die USA das Land – möglicherweise schon in den kommenden Stunden oder Tagen – mit ihren Raketen beschießt, ist irrational.


Eine Studie von David Cutler (Harvard), James Poterba (Massachusetts Institute of Technology; MIT) und Larry Summers (Harvard, MIT, ehemals Chef der Weltbank) aus dem Jahr 1989 weist nach, dass geopolitische Ereignisse nur sehr kurzfristig negative Folgen für die Aktienmärkte haben – und diese sich im Falle kriegerischer Auseinandersetzungen schon im Vorfeld der Krise auf die Kurse auswirken, während nach dem tatsächlichen Ausbruch eher eine Erholung einsetzt.


Die drei Wissenschaftler hatten insgesamt 49 Ereignisse untersucht, beginnend mit dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Dezember 1941.


Auch die Krise der Schwellenländer sehe ich eher als deren Chance. Die aktuelle Schwäche könnte einen schon lange notwendigen Gesundungsprozess in vielen Staaten einleiten. Die Abwertung der Währungen in Ländern mit einem hohen Leistungsbilanzdefizit ist jedenfalls ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wenn auch ein sehr schmerzhafter. Doch nur so kann das Defizit etwas abgeschmolzen werden.


Und trotz aller gegenwärtiger Probleme bin ich sicher, dass die meisten Schwellenländer auch in Zukunft deutlich stärker wachsen als die Volkswirtschaften der Industrieländer. Da muss man kein Prophet sein.


MEIN FAZIT:


Die Argumente der bekannten und unbekannten Schwarzmaler mögen oft berechtigt und sogar manchmal sehr stichhaltig sein. Dass die Kassandren aber auch immer wieder falsch liegen, darf man eben auch nicht vergessen. Besser ist es, man bildet sich ein eigenes Urteil. So schwer das oft auch ist.


Ignorieren sollten Sie – so schlimm sich das anhört - die schlimme Entwicklung in Syrien. Trotzdem macht auf Grund der hohen fundamentalen Bewertungsniveaus ein „Runterfahren“ der Aktienquote im Depot auf ca. 50-60 Prozent Sinn.


Panikverkäufe aufgrund der Aussagen von Crash-Propheten, die sogar über einen baldigen Weltkrieg fabulieren, dagegen nicht.



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