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Ist das "höher, schneller, weiter"-Tempo der Aktienmarkterholung zu sportlich?




01.07.20 11:21
J.P. Morgan Asset Management

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - Statt der Olympioniken, die dieses Jahr coronabedingt pausieren müssen, übernimmt derzeit der Aktienmarkt das Olympia-Motto des "höher, schneller, weiter": Noch nie hat sich ein Aktienmarkt so schnell von einem Abschwung erholt, wie in diesem Jahr, so die Experten von J.P. Morgan Asset Management.

Der NASDAQ erreiche mit einem Indexstand über 10.000 neue Höchststände. Und die Distanz zwischen Marktentwicklung und Konjunktur sei noch nie so weit gewesen. Für Investoren stelle sich daher die Frage: Seien die Aktienmärkte zu schnell zu weit gegangen? Nach Ansicht von Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt, sei es nun besonders wichtig, Chancen und Risiken sehr genau abzuwägen. "Es gilt, im Portfolio die Defensive zu stärken, ohne sich jedoch des weiteren Potentials der Aktienanlage zu berauben", so der Experte.

Für die Aktienmärkte spreche nach Analyse von Tilmann Galler zum einen die geringere Börsenrepräsentanz der besonders stark von der Pandemie betroffenen Branchen wie Gastronomie, Tourismus und Flugverkehr. Ein zweites Argument seien die massiven Hilfsprogramme, die eine negative Kettenreaktion in der Wirtschaft verhindert hätten. "Die weltweiten Zinssenkungen und Kaufprogramme der Zentralbanken haben das Zinsniveau auf neue Tiefstände gedrückt - nun bleiben Anlegern außerhalb der Aktien nicht mehr viele Alternativen", erkläre Galler. Für Aktien spreche zudem, dass zahlreiche Unternehmen wieder zurück zur ihrer alten Ertragsstärke finden dürften, sobald die Krise überwunden sein werde.

Den positiven Aspekten stünden jedoch auch einige Risiken gegenüber. "Die Dynamik der Aktienrallye lässt aktuell auf eine gewisse Sorglosigkeit der Märkte schließen", stelle Tilmann Galler fest. Größere Gefahr drohe etwa durch eine zweite Infektionswelle. Die Erfahrungen aus Asien würden zeigen, dass ein erneutes Ansteigen der Neuinfektionen möglich sei, solange es keinen Impfstoff gebe. Das Risiko dürfte in Europa durch die bevorstehende Urlaubssaison noch steigen. Auch in den USA hätten zahlreiche Bundesstaaten die Maßnahmen gelockert, obwohl die Rate der Neuinfektionen nicht zurückgegangen sei - im Gegenteil, diese würden in einigen Regionen besorgniserregend hochsteigen.

Zwei weitere Risiken würden die Erwartungshaltung der Märkte betreffen. So habe das historische Ausmaß der Rettungsmaßnahmen die Investoren die katastrophalen Konjunkturzahlen der letzten Monate vergessen lassen. "In Zukunft dürfte es Regierungen und Zentralbanken immer schwerer fallen, die Märkte mit neuen Programmen positiv zu überraschen", sage Tilmann Galler.

Auch hinsichtlich der Gewinnentwicklung der Unternehmen würden sich die Märkte optimistisch zeigen. Seien die Gewinnerwartungen für dieses Jahr noch kräftig gekürzt worden, so würden die Marktteilnehmer für das kommende Jahr mit einer kräftigen Erholung rechnen. Am Ende des Jahres 2021 solle die Ertragskraft der Unternehmen des S&P 500 sogar wieder auf dem Stand vor der Corona-Krise sein. "Der Blick in die Markthistorie zeigt jedoch, dass die Unternehmen nach den letzten drei Rezessionen mindestens drei Jahre brauchten, um wieder ihre alte Ertragskraft zu erlangen. Die Erwartungshaltung der Märkte impliziert also nicht nur eine unrealistisch zügige Normalisierung der Wirtschaft, sondern deckt sich auch nicht mit den Erfahrungen der Vergangenheit", führe der Experte aus.

Nach Einschätzung von Tilmann Galler sei es nach Aktien-Kursgewinnen von über 30 Prozent in den letzten drei Monaten nun sinnvoll, die Portfoliostruktur zu überprüfen: "Das olympische Motto des "höher, schneller, weiter" könnte sich angesichts des aktuellen Chance-Risiko-Verhältnisses als zu optimistisch erweisen." Ein Rebalancing der Portfolio-Positionen sei nach einer starken Rally ein probates Mittel, um einerseits die Defensive zu stärken, aber auch einem anderen olympischen Motto treu zu bleiben: "Dabei sein ist alles". Denn aufgrund der Niedrigzinspolitik seien die längerfristigen Perspektiven der Aktienanlagen weiterhin kaum zu schlagen. (01.07.2020/ac/a/m)






 
 
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