Erweiterte Funktionen


Kolumnist: BankM

ICO - technologische Revolution zwischen Spekulationshype und Anarchie




30.05.18 14:28
BankM

Das Acronym ICO steht für Initial Coin Offering. Die über das Internet breit in der Öffentlichkeit angebotenen Coins oder Tokens bewegen sich hierbei noch in einem weitestgehend rechtsfreien Raum. Um Spekulation und Betrug sowie wildesten Phantasien Einhalt zu gebieten, müssen rechtliche Standards entwickelt werden. Gerade mit Blick auf die wachsende Bedeutung der Industrie 4.0 liegt darin eine große Chance für die deutsche Wirtschaft. Von Thomas Stewens

Der ICO ist eine neue Form der Vorfinanzierung von Geschäftsideen durch den Kapitalmarkt. Der Gegenwert des begebenen Token kann dabei durch den Emittenten sehr frei formuliert werden und schafft so erhebliche Freiheitsgrade in der unternehmerischen Gestaltung. Der Token kann beispielsweise eine Währung für den Kauf der späteren Produkte sein (Currency-Token), er kann den Zugang zu einem vom Unternehmen definierten Markt, z.B. eine Art Mitgliedschaft, wie wir sie vom Bertelsmann Buchclub oder auch einem Golfclub her kennen ermöglichen (Utility Token) oder auch eine indirekte Beteiligung am Unternehmen darstellen (Equity-Token).


Aufgrund der hohen Risikoaffinität der ICO-Investoren eignen sich Token ideal für die Wachstumsfinanzierung von jungen Geschäftsmodellen – ein Bereich, der in Deutschland in der klassischen Unternehmensfinanzierung nach wie vor zu kurz kommt. Für die Gründer besteht hierbei der Vorteil, dass auf der Gesellschafterebene keine Verwässerung notwendig ist. ICOs haben aufgrund dieser Eigenschaften das Potential, die Lücke zwischen Gründungsfinanzierung und IPO in Deutschland perspektivisch zu schließen.


Primärmarkt hui, Sekundärmarkt pfui


Der wesentliche Vorteil gegenüber klassischen Finanzierungen oder Wertpapierangeboten ist die Gleichzeitigkeit von Vertragsschluss und Ausführung des Geschäftes. Das Internet wandelt sich so von einer Vermarktungsplattform zu einer originären Transaktionsplattform, was mit Recht als qualitativer Evolutionsschritt bezeichnet werden kann. In diesem System gibt es keinerlei Abwicklungsrisiken mehr. Das hat erhebliche Auswirkungen auf den Aufwand und die Eigenkapitalunterlegung bei entsprechenden Transaktionen seitens der Emissionsbegleiter. Das ganze Emissions-System kann so erheblich effizienter umgesetzt werden. Bei der Fungibilität und der Liquidität im Zweitmarkt ist das Bild heute allerdings noch nicht ganz so positiv. Gerade der Verkauf von virtuellen Assets über oft unregulierte Börsen kann sehr unzuverlässig sein. Dies trifft in besonderem Maße auf Tage mit fallenden Kursen zu.


Spekulationsblase auf technologisch ausgereifter Basis


Technologisch, und auch das ist wesentlich in der Bewertung, sind ICOs zwischenzeitlich ausgereift. Die Token sind sehr effizient und kostengünstig herzustellen und werden dann über sogenannte „smart contracts“ d.h. im Internet programmierte und wirksam geschlossene Verträge an die Investoren veräußert. Dieser Vorgang wird durch die „distributed ledger technology“ auf mehreren Datenbanken im Internet sehr zuverlässig gespeichert. Dieses Emissions-System gilt als sicher und wurde auch in der Praxis hinreichend getestet.


Bis Ende 2017 wurden über ICOs weltweit rund vier Milliarden US-Dollar eingesammelt, davon in Deutschland rund 187 Millionen US-Dollar. In 2018 fand im April der bislang größte ICO der russischen App Telegram mit einem Volumen von 1,7 Milliarden US-Dollar statt. Neu hierbei: Mit einer Mindestinvestmentsumme von 2 Millionen US-Dollar pro Investor richtet sich diese Emission annähernd ausschließlich an institutionelle Investoren. Dieses Beispiel zeigt, dass ICOs nicht nur große Summen spekulativer Gelder bewegen, sondern inzwischen auch im institutionellen Bereich angekommen sind.


Investorenrechte kaum vorhanden


Auch wenn die Eigentumsrechte technologisch sehr zuverlässig gesichert und geregelt sind, muss sich der Investor natürlich fragen, welche Rechte denn da im Internet „verbrieft“ wurden. Denn diese Rechte sind oft sehr dünn und selbst bei einem Totalverlust sind die Eingriffs- oder Mitsprachemöglichkeiten in aller Regel ausgeschlossen. Dazu kommt, dass die Informationspflichten der Emittenten selten über das gesetzlich verankerte Minimum hinausgehen. Hier ist noch sehr viel Arbeit zu leisten, um ein langfristig ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Geldgeber und Unternehmen zu erzeugen.


Verlässliche Regulierung als Auftrag und Chance


Wie kann es mit ICO, Blockchain und Co. in Deutschland weitergehen? Um sich vom Graumarkt hin zu breiten, gesellschaftlich akzeptierten Anwendungen zu entwickeln, sind vor allem regulatorische Fragen zu lösen. Das Fehlen einer verlässlichen Regulierung macht es heute für Banken und konservative Mittelständler annähernd unmöglich, ICOs zur Unternehmensfinanzierung nutzbar zu machen. Gerade mit einem etwas weiteren Blick auf das deutsche Zukunftsthema Industrie 4.0, wäre das aber wichtig. In der Entwicklung des IOT und der „machine to machine communication“ braucht Deutschland dringend auch eine originäre internetbasierte Vertrags- und Bezahlform über smart contracts. Wer will sich eine direkte internetbasierte Kommunikation zwischen Produktionsmaschinen vorstellen, bei der die Bezahlung über Bankkonten und Settlementparteien funktioniert oder die Verträge weiterhin auf Papier geschrieben werden?


Es ist ganz offensichtlich, dass Deutschland im Bereich der smart contracts und der Virtualisierung von Bezahlvorgängen (virtual currencies) ein höchstes Interesse haben müsste, eine internationale Vorreiterrolle zu spielen. Es wird höchste Zeit, dass die junge Industrie, die Emittenten und die technologischen Köpfe gemeinsam einen Regulierungsrahmen schaffen, der Innovation fördert, Transparenz ermöglicht und die Effizienz des Systems erhält. Hier entsteht die historische Chance eine neue Regulierung zu entwickeln, welche die Schwächen der derzeitigen Kapitalmarkt(fehl)regulierung - entstanden aus einer öffentlichkeitswirksamen Fehlinterpretation der Ursachen der Finanzmarktkrise - korrigiert.


Informationsveranstaltung "ICO im Mittelstand"

Genau diese Entwicklung von Standards stand im Mittelpunkt der Informationsveranstaltung „ICOs für den Mittelstand“, die der Interessenverband kapitalmarktorientierter KMU und der Wirtschaftsrat der CDU am 24. Mai 2018 in Frankfurt mit Unterstützung von BankM ausrichteten. Mit namhaften Referenten aus Unternehmen, Universitäten und Aufsichtsbehörden wurden die Möglichkeiten der Entstehung eines neuen Finanzökosystems sowie die aufsichtsrechtlichen und regulatorischen Anforderungen zur Refinanzierung über ICOs diskutiert. Vier Aussagen lassen sich als Quintessenz der vielfältigen Vorträge und Perspektiven ableiten:


1)      Die Technologie wird sich durchsetzen.


2)      Der Anlegerschutz muss deutlich verbessert werden.


3)      Mittelfristig sollte sich ein „prospektbasierter Security Token“ als Mittel der Wahl etablieren.


4)      Eine europäische Initiative zur Harmonisierung marktfähiger Standards ist notwendig.



powered by stock-world.de




 

Finanztrends Video zu


 

Aktien des Tages
  

Jetzt für den kostenfreien Newsletter "Aktien des Tages" anmelden und keinen Artikel unseres exklusiven Labels AC Research mehr verpassen.

Das Abonnement kann jederzeit wieder beendet werden.

RSS Feeds




Bitte warten...