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Kolumnist: Redaktion boerse-frankfurt.de

Hüfners Wochenkommentar: "Wo die monetären Verhältnisse noch nicht so verrückt sind"




11.08.19 10:57
Redaktion boerse-frankfurt.de

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Hüfner hinterfragt die hohen Aktienbewertungen an den hiesigen Börsen angesichts weiterer möglicher Zinssenkungen, sieht es aber nicht sehr kritisch und hat Alternativen.



8. August 2019. MÜNCHEN (Assenagon). Alle klagen über die niedrigen Zinsen, vor allem die Minus­zinsen. Sie stellen die Welt des Sparens auf den Kopf, ma­chen sinnvolle Altersvorsorge unmöglich, verzerren die In­vestitionsrechnung der Unternehmen und führen am Ende zu Fehlinvestitionen. Jetzt setzt die EZB noch einen drauf und plant eine weitere Senkung der Minuszinsen. Viele fra­gen sich, wo das wohl enden wird.


Nur einer hat sich bisher gefreut. Das sind die Besitzer von Aktien und Immobilien. Ihr Vermögen hat sich durch die ul­tralockere Geldpolitik mächtig vergrößert. Seit die EZB in der großen Finanzkrise 2008 mit den Zinssenkungen be­gonnen hat, sind die Aktienkurse in Deutschland um 90 Prozent gestiegen. Bei Immobilien war es in guten Lagen noch we­sentlich mehr.


Aber so ganz ungetrübt ist die Freude auch hier nicht mehr. Die Bewertungen sind aus dem Ruder gelaufen. Die Angst vor einer Blase geht um. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) am deutschen Aktienmarkt bewegte sich lange in der Größenordnung von 12 oder 13. Jetzt liegt es bei 19. Das kann doch nicht mehr vernünftig sein. Sollten sich Anle­ger da nicht auch von der Börse verabschieden? Ähn­liches gilt natürlich für Immobilien.


Ich verstehe das ungute Gefühl, teile es aber nicht. Aus zwei Gründen. Zum einen, weil die hohen Bewertungen eine optische Täuschung sind. Sie beruhen nicht auf Über­treibungen an den Börsen. Sie sind vielmehr durch die Zen­tralbanken mit ihren Minuszinsen gemacht. Solange das so bleibt, müssen wir uns an neue Bewertungsmaßstäbe ge­wöhnen. Zum anderen, weil Anleger durchaus Alternati­ven haben. Es gibt in der Welt immer noch Börsen, bei denen die Verhältnisse noch nicht so verrückt sind.


Asien schlägt Europa ausgerechnet in Sachen Solidität

Schauen wir uns das etwas genauer an. Der Zusammen­hang zwischen Bonds und Aktien ist nicht zufällig. Ratio­nale Anleger vergleichen immer die Renditen aller ihnen zur Verfügung stehenden Anlagen. Sie wählen dabei die Investi­tion, die ihnen den höchsten Ertrag bringen. Wenn das Aktien sind, entscheiden sie sich für sie. Wenn es Bonds sind, dann tun sie ihr Geld dorthin. Im theoretischen Gleichgewicht (das es in der Realität natürlich nie so gibt) unterscheiden sich die Renditen von Bonds und von Aktien nur um die ver­schiedenen Risiken.


Ein Problem ist dabei allerdings, wie man die Rendite misst. Bei Bonds ist das klar. Es ist der langfristige Zins. Bei Aktien ist das nicht so einfach. Hier muss man die Gewinnrendite aus dem KGV ableiten, also dem Verhältnis des Börsenkur­ses zu den Gewinnen. Nimmt man hiervon den Kehrwert, also das Verhältnis von Gewinnen zum Kurs, dann kommt man zu einer Größe, die mit der Bondrendite vergleichbar ist.


Vorteil Aktie: Gewinn- vs. Bondrendite, Deutschland image-2454Quelle: Bloomberg

Die Grafik zeigt die Entwicklung der so ermittelten Gewinn­rendite. Sie lag im Schnitt der letzten 15 Jahre in Deutsch­land trotz aller Kurseinbrüche bei respektablen 6,2 Prozent. Die Bondrendite betrug demgegenüber 2,2 Prozent. Die Gewinnren­dite war also deutlich höher als die Bondrendite. Am aktu­ellen Rand mit dem sehr hohen KGV und den Minuszinsen ist die Differenz sogar noch höher (5,3 Prozent vs. minus 0,3 Prozent). Das ist weit mehr als die unterschiedlichen Risiken zwi­schen Aktien und Bonds. Wenn das kein Anreiz ist, Aktien zu kaufen.


Trotzdem ist manchen noch mulmig zumute. Sie sehen sich nach anderen Märkten um. Eine Möglichkeit sind die viel gepriesenen asiatischen Märkte. Die grundlegenden Zu­sammenhänge zwischen Aktien und Bonds gelten zwar auch hier. Damit die Börsen laufen, muss die Gewinnrendite über der Bondrendite liegen. Sowohl in den USA als auch in Japan und China und den asiatischen Schwellenländern ist das aber der Fall.


Die Zinsen sind auch in Asien niedrig, aber nicht ganz so extrem wie in Deutschland. Selbst Japan hat inzwischen im zehnjährigen Bereich leicht höhere Sätze. Anders als hierzu­lande gibt es dort zudem keine Tendenzen, die Zinsen zur Ankurbelung der Konjunktur und zur Erhöhung der Inflation noch weiter zu senken. In China erscheinen die Zinsen mit 3 Prozent auf einem relativ normalen Niveau. Hier ist aber zu be­denken, dass bei dem sehr viel größeren Wachstum die Zinsen durchaus höher sein könnten. Insgesamt sind die Verhältnisse in Asien jedenfalls auch verrückt, aber nicht ganz so wie in Europa.


Ähnlich bei Aktien. Die KGVs sind sowohl in Japan als auch bei den Schwellenländern niedriger als in Deutschland. Selbst beim Nikkei, wo die KGVs sich früher mal auf astro­nomischen Höhen bewegten, liegen sie heute mit 15 unter dem deutschen Wert. Hongkong hat ein KGV von 11, Korea von 12. Auch China liegt mit einem Wert von 14 auf einem ver­nünftigen Niveau.


Der Abstand von Gewinn- und Bondrenditen als Maß für die Attraktivität der Börsen ist überall sehr groß, in Japan, Hongkong und Korea sogar größer als in Deutschland. Chi­na fällt hier wegen der höheren Zinsen etwas zurück.


 


Für Anleger

Gewöhnen Sie sich an veränderte Bewertungsmaßstäbe an den Börsen. Wenn die Zinsen niedrig bleiben, wofür viel spricht, werden die KGVs in Zukunft höher sein. Das ist kein Zeichen einer Blase an den Börsen, sondern eine Anpas­sung an die verkehrten Verhältnisse bei Bonds. Schau­en Sie sich im Übrigen die asiatischen Märkte an. Dort sind die Zinsen nicht so niedrig und die Gewinnrenditen höher.


von Martin Hüfner
© 8. August 2019, Assenagon


 


Über den Autor

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon. Viele Jahre war er Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG und Senior Economist der Deutschen Bank AG. Er leitete fünf Jahre den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung in Brüssel. Zudem war er über zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender beziehungsweise Vorsitzender des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Bundesverbandes Deutscher Banken und Mitglied des Schattenrates der Europäischen Zentralbank, den das Handelsblatt und das Wallstreet Journal Europe organisieren. Dr. Martin W. Hüfner ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem "Europa - Die Macht von Morgen" (2006), "Comeback für Deutschland" (2007), "Achtung: Geld in Gefahr" (2008) und "Rettet den Euro!" (2011).


Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.




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