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Kolumnist: Redaktion boerse-frankfurt.de

Grüner Fisher: "Transparenz ist Fluch und Segen"




01.07.18 11:28
Redaktion boerse-frankfurt.de

Grüner wagt die steile These, dass gerade die Intransparenz viele Anleger zu Investments in geschlossene Beteiligungen verleitet. So blieben ihnen das Miterleben der Volatilität erspart, auch wenn die Verlustrisiken unterm Strich um ein vielfaches höher sei.

 


Was halten Sie von intransparenten Finanzprodukten? Es erscheint selbstverständlich, diesem Thema mit einer kritischen Grundhaltung entgegenzutreten. Gerade bei der Geldanlage sollte Transparenz ein sehr wichtiges Kriterium sein. Sie wollen stets wissen, wie und wo Ihr Geld investiert ist und wer es letztendlich in den Händen hält. Ein Paradebeispiel für ein Höchstmaß an Transparenz: Aktien. Die Preisbildung und die Entwicklung von Angebot und Nachfrage sind tagtäglich nachvollziehbar, zudem unterliegen börsennotierte Unternehmen umfassenden Reporting-Pflichten.


 


Trotz aller Transparenz: Aktien spielen in den Überlegungen vieler Anleger nur eine untergeordnete Rolle. Als Baustein für die Altersvorsorge oder wichtige Säule für den langfristigen Vermögenszuwachs werden Aktien seit jeher stiefmütterlich behandelt. Warum ist das so?


 


Mangelnde Transparenz


 


Ein Gegenbeispiel zum transparenten Aktienmarkt: Geschlossene Beteiligungen. Sicherlich sollte man nicht die gesamte Industrie über einen Kamm scheren, aber die Zahl der handfesten Skandale in den letzten Jahren ist durchaus sehenswert. Die Pleite der Münchener Beteiligungsgesellschaft P&R 2018 reiht sich in eine Liste empfindlicher Betrugsfälle. Erinnern Sie sich an Phoenix Kapitaldienst? Die Immobilienkönige S&K, den Prokon-Skandal oder die Goettinger Gruppe? Hinter jeder Pleite steckt eine andere Geschichte, aber das Ergebnis ist im Wesentlichen dasselbe: Anleger erleiden herbe, irreparable Verluste. Böse Überraschungen mit sich wiederholenden Ursachen: Man wusste oft nicht genau, wie das Geld investiert wird, wer es in den Händen hält und wie sich die wirtschaftliche Entwicklung über die Laufzeit tatsächlich dargestellt hat. Oft eine undurchsichtige Black-Box.


 


Trotz aller Intransparenz: Geschlossene Beteiligungen und artverwandte Konstrukte sind bei deutschen Anlegern immer noch eine beliebte Anlageform. Es ist bekannt, dass sich in diesem Bereich einige schwarze Schafe tummeln, dennoch gelingt es intransparenten Gesellschaften immer wieder, Anlegergeld in Milliardenhöhe einzusammeln. Kurios.


 


Angst vor Wertschwankungen


 


Die Antwort auf die Frage nach dem "warum" ist erschreckend einfach. Viele deutsche Anleger schätzen die fehlende Transparenz bei einer Geldanlage. Das klingt paradox? Ist es auch. Eine transparente Geldanlage hat eben den "Nachteil", dass Wertschwankungen offenbart werden. Volatilität wird sichtbar und ruft Verlustängste hervor. Da viele Anleger nach der Prämisse "ich will auf keinen Fall Geld verlieren" investieren, wird die Transparenz zur emotionalen Hürde.


 


Dagegen übt die intransparente Preisbildung eine bestimmte "Schutzfunktion" für risikoaverse Anleger aus. Wäre es nicht furchtbar, wenn Sie den Preis Ihrer Immobilie stets im Live-Ticker verfolgen könnten, orientiert am aktuell höchsten Bietergebot? Würde Sie der permanente Einblick in das Geschäftsgebaren einer Beteiligungsfirma wirklich dazu ermutigen, Ihr Geld langfristig und ohne Ausstiegsmöglichkeit zu binden? Andersherum: Wäre es nicht wunderbar, keinen Zugang zu Börsendaten zu haben und erst nach zehn oder 20 Jahren das Endergebnis Ihrer Aktienanlage zu erfahren?


 


Fazit


 


Viele Anleger stecken in einem Dilemma und nutzen die Transparenz einer Geldanlage nicht zu ihren Gunsten. Achten Sie stets darauf, wer Ihr Geld in den Händen hält und wie damit gewirtschaftet wird. Wer der Volatilität mutig entgegentritt, spart sich einige böse Überraschungen.


 


von Thomas Grüner


28.Juni 2018 © Grüner Fisher


 


Über den Autor


Thomas Grüner ist Gründer und Chief Investment Officer von der Vermögensverwaltung Grüner Fisher Investments. Sein Partner Ken Fisher ist seit über 30 Jahren „Forbes“-Kolumnist und warnte im März 2000 rechtzeitig vor dem Platzen der New-Economy-Blase. Ken Fisher zählt zu den 400 reichsten US-Amerikanern und belegt auf der aktuellen „Forbes“-Rangliste Platz 211. Fisher Investments verwaltet momentan mehr als 65 Milliarden US-Dollar.


 


Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.



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