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Kolumnist: Ralf Flierl

Größe frisst Hirn?!




21.03.19 16:03
Ralf Flierl



Über Sinn und Unsinn von Fusionen im Bankensektor 
„Nationaler Champion“



Schon über die letzten Monate flackerten immer wieder Gerüchte über eine mögliche Fusion zwischen Deutscher Bank und Commerzbank auf. Diese waren offenbar gestreut, denn am vergangenen Sonntag platzte die Bombe und die Deutsche Bank kündigte in einer Adhoc-Meldung an, „strategische Optionen“ zu prüfen und bestätigte gleichzeitig Gespräche mit der Commerzbank. Begeisterung klingt anders. Natürlich lag die Vermutung nahe, dass hier die Politik mit ihrem Gerede von „nationalen Champions“ die Finger im Spiel haben könnte, was jedoch prompt dementiert wurde. So versicherte Jörg Kukies, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, dass man nie irgendwelche Fusionen befürwortet habe, sondern lediglich stets einen „starken Bankensektor“ wollte. Es seien „private Banken“, so Bundesfinanzminister Olaf Scholz, freilich mit einem ordentlichen Staatsanteil von 15% auf Seiten der Commerzbank, darf man ergänzen. Kaum vorstellbar, dass sich die Commerzbank ohne Rückendeckung ihres Großaktionärs Bundesrepublik Deutschland auf solche Gespräche einlässt. Ganz so neutral wie geradezu verdächtig einhellig behauptet, wird die Politik in der Sache also wohl nicht gewesen sein. Warum man sich dort nun dennoch so ostentativ auf den neutralen Zuschauerplatz bewegt, dürfte auch klar sein: Die einzige „industrielle Logik“ hinter der Fusion der beiden Geldhäuser liegt in der Kostenreduktion durch einen massiven Stellenabbau – zumindest theoretisch. Wenn es aber um den Abbau von Arbeitsplätzen geht, und seien diese auch noch so obsolet geworden, wollen Politiker naturgemäß nicht in der ersten Reihe stehen. Schließlich ist deren Paraderolle doch die des wackeren Kämpfers gegen den besonders auf Parteitagen stets aufs Neue wiederbelebten „Raubtierkapitalismus“.




Prinzip Hoffnung



Ohnehin wird dieser Arbeitsplatzabbau, gesprochen wird von bis zu 50.000 Stellen in der fusionierten Großbank, kaum so vollzogen werden können, wie er jetzt flugs hochgerechnet wurde. Diejenigen Mitarbeiter, die schon jetzt weit weniger bringen als sie kosten, wird man auch im Rahmen einer Fusion nicht ohne saftige Abfindung loswerden. Wäre das Geld dafür vorhanden, massenhaft teure Altverträge abzulösen, könnte das jede Bank auch schon jetzt in Eigenregie erledigen. Zudem spricht die Erfahrung aus früheren Großfusionen einfach gegen nennenswerte Synergieeffekte. Erinnert sei nur an die Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank, die bis heute nicht ganz verdaut ist, und die Commerzbank erst so richtig in Schwierigkeiten brachte. Denn der Teufel steckt bekanntlich im Detail, wenn inkompatible Unternehmenskulturen und EDV-Welten zusammengeführt werden sollen. Da wird in der Regel nicht die beste Lösung für die Zukunft gefunden, sondern jener berüchtigte und kostenintensive faule Kompromiss, bei dem jede Seite versucht, gesichtswahrend so viel an Unternehmenskultur, Hausmacht und auch Arbeitsplätzen wie möglich in die künftige gemeinsame Welt hinüberzuretten.


Hauptprobleme ungelöst



An den eigentlichen Problemen deutscher Großbanken ändert eine mögliche Fusion genau gar nichts. Und dass beide Häuser schon bislang keine Erfolgsgeschichten waren, lässt sich mühelos an deren Aktienkursen ablesen, die kennen seit Jahren nur eine Richtung – nach unten. Denn im Stammgeschäft wird angesichts der anhaltenden EZB-Nullzinspolitik auch weiterhin risikoadjustiert kein Geld verdient. Das klassische Bankgeschäft bleibt innerhalb des so gesetzten Rahmens auch nach einer Fusion tot. Zudem werden die Bankdienstleistungen im stark fragmentierten deutschen Bankenmarkt margenschwach bleiben. Denn auch den größten Geschäftsbanken stehen hier mit Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken weiter Bankengruppen gegenüber, deren oberstes Unternehmensziel nicht alleine der Profit ist. In anderen banknahen und lukrativen Geschäftsfeldern – Stichwort: Fintech – haben sich dagegen längst agile neue Unternehmen ihre Positionen erkämpft. Die trägen Bankensaurier brachten nicht genügend Innovationsfreude und unternehmerische Denke mit, um dort zu Impulsgebern zu werden. Es reichte allenfalls für ein Schattendasein als „Adabei“ (bayrisch für einen, der eben nur „auch dabei“ ist). Wenn es um Innovation geht, sind schiere Größe und eine Unternehmenskultur des bloßen Verwaltens also sicher keine Vorteile. Das gilt besonders, wenn diese Größe erst künstlich durch eine Fusion hergestellt werden soll, was im Wesentlichen bedeutet, dass beide Geldhäuser erst einmal mit sich selbst beschäftigt sein werden – vielleicht auf Jahre hinaus. Weder die Konkurrenz noch der technische Fortschritt werden aber so lange innehalten, bis das neue gemeinsame Haus in Ordnung gebracht wurde. Und ganz offenbar hat auch die Politik, die Fäden ziehend hinter der Fusion stehen dürfte (s.o.), ihre Lektion aus der Finanzkrise der Jahre 2008ff nicht gelernt. Denn es war doch gerade das „Too big too fail“-Mantra, das sie angesichts des wirtschaftlichen Scheiterns einiger forscher Hasardeure so erpressbar machte. Nun sieht man wieder einmal mehr als nur wohlwollend dabei zu, wie ein neuer Gigant mit erheblichem Erpressungspotenzial entsteht. Da stellt sich doch die Frage: Wozu soll das eigentlich gut sein?!




Effizientes Versagen



Es gibt für gewöhnlich zwei Begründungen, wenn es zu einem Flugzeugabsturz gekommen ist: Menschliches oder technisches Versagen. Im Fall des Dramas bei Boeing dürfte es eine dritte Kategorie geben: „Effizientes Versagen“. Denn es dürften weder die Piloten noch das Material gewesen sein, dass zweimal dafür sorgte, dass Flugzeuge des Typs Boeing 737 Max 8 nahezu senkrecht in den Abgrund stürzten. Vielmehr dürfte es das hemmungslose Geschäftsgebaren des Herstellers gewesen sein. Statt ein grundlegend neues Modell für die Kurz- und Mittelstrecke auf den Markt zu bringen haben die Manager auf die x-te Überarbeitung eines Flugzeugtyps gesetzt, der in seinen Grundzügen auf die 60er Jahre zurückgeht. Durch neue Triebwerke und einen leicht veränderten Rumpf ergab sich jedoch ein neuer Schwerpunkt, der zu einem veränderten Flugverhalten führte. Doch auch darauf hatte das Management von Boeing erneut eine Antwort, die weniger durch Ingenieurs-Know-how als durch Renditedruck begründet war. Denn Boeings Konstrukteure setzten auf eine Softwarelösung, um den Konstruktionsfehler auszubügeln. Nimmt der Anstellwinkel einen besorgniserregenden Wert an, übernimmt eine Software namens MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System) die automatische Steuerung.


Kontrolle ohne Kontrolleure



Doch auch dabei ergibt sich wieder ein Problem: Denn statt wie in der Luftfahrt üblich setzt dieses System angeblich nicht auf redundante Sensoren. Ein einzelner Sensor gibt offenbar den Aussachlag, ob den Piloten das Heft aus der Hand genommen wird. Ohne großen Erfolg, wie die frappierenden Parallelen zwischen den beiden Abstürzen in Äthiopien und dem Crash vor wenigen Monaten in Indonesien zeigen. Doch auch nach dem Crash laufen hier viele Dinge anders als erwartet: Statt den Flugschreiber von US-Experten und Ingenieuren aus dem Hause Boeing untersuchen zu lassen, schickten die Äthiopier den Flugschreiber zur Auswertung nach Paris – ein eindeutiges Misstrauensvotum gegen den Hersteller. Weltweit begannen schließlich die Luftfahrtbehörden der 737 Max 8 die Erlaubnis zu entziehen, lediglich die US-Behörde FAA hielt Boeing die Stange. Erst als Präsident Trump mit einem speziellen Dekret auch für den US-Luftraum die Erlaubnis entzog, blieben die fraglichen Flieger auch dort auf dem Boden. Bereits in der Vergangenheit soll es eine unglaubliche Nähe zwischen den Aufsehern und dem Hersteller gegeben haben. Bedingt durch die enorme Komplexität moderner Flugzeuge habe die Behörde nur noch grobe Vorgaben erteilt. Die Details durften teilweise angeblich sogar Boeing-Mitarbeiter im Auftrag der FAA zertifizieren. Abnahmen von technischen Details gab es vermutlich kaum, stattdessen wurde Boeing geholfen, seine Modelle schnell auf den Markt zu bringen.


Wird auch die Aktie „gegroundet“?



Boeing hatte viele Jahre in einer Jagd nach Effizienz und immer höheren Renditen schlicht vergessen, technologisch zeitgemäße Produkte zu bauen. Das man dabei offensichtlich sogar Sicherheitsbedenken zur Seite wischte, wird nun teure Folgen haben. Neben dem „Grounding“ der mehreren hundert bis heute ausgelieferten Modelle wird Boeing natürlich die teuren Kosten der Software- oder gar Hardware-Nachrüstung tragen müssen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs: Im vierten Quartal 2018 mache der 737 Max-Typ bereits fast die Hälfte aller Auslieferungen aus. 2019 sollte das Modell der mit Abstand größte Umsatzbringer sein. Mit einem Kursverlust von lediglich 16% vom All-Time-High und einer nach wie vor luftigen Bewertung (2019er KGV von 19) scheint die Börse noch nicht mal ein mehrmonatiges „Grounding“ einzupreisen. Der Konkurrent Airbus steht mit seinem A320neo übrigens bestens da, um dem Konkurrenten lukrative Aufträge abzunehmen. Optimistisch stimmen dürfte Anleger, dass Boeing 2013 mit der 787 ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Damals war ein Batteriesystem in Brand geraten, die komplette Flotte musste fast vier Monate am Boden bleiben. Angesichts zweier heftiger Crashs ist die Lage nun jedoch gefährlicher. Auf Unterstützung der Politik scheint Boeing bislang nicht hoffen zu können. Dies dürfte sich allerdings spätestens dann ändern, wenn Arbeitsplätze und die Wettbewerbsfähigkeit der US-Luftfahrtbranche in Gefahr sind.


 
Zu den Märkten



Trotz der etwas missverständlichen Formulierung zwischen SIW 11/2019 und Musterdepot 11/2019 haben wir bereits in der Vorwoche erneut Absicherungen auf den DAX erworben. Mehr dazu im Musterdepot 12/2019. Was gestern zunächst noch etwas voreilig ausgesehen haben mag, hat sich dann mit dem heutigen Kursrückgang als gar nicht so falsch erwiesen. Mehrfach haben wir auf die sehr starke Widerstandszone im Bereich von 11.800 bis 12.000 Punkten und den inzwischen übergekauften Zustand beim DAX hingewiesen. Zudem wurde gestern auch noch die obere Begrenzung einer aufwärts gerichteten und damit negativ zu interpretierenden Keilformation getestet (vgl. Abb., rote Linien). Vor dem Hintergrund einer zunehmend eingetrübten Konjunkturerwartung ist dies fast eine Steilvorlage für eine erneute Abwärtskorrektur. In dem Maße, wie das Momentum aus dem Markt schwindet, könnte es in den nächsten Wochen und Monaten daher sogar zu einer gesteigerten Verkaufsbereitschaft der Marktteilnehmer kommen. Vorsicht bleibt hier also weiter angesagt.


Let’s App!



Kennen Sie eigentlich unsere Smart-Investor-Apps? Nein, dann sollten Sie sie unbedingt kennenlernen. Denn als Abonnent haben Sie den Smart Investor damit stets griffbereit auf ihrem Smartphone (iOS, Android), Tablet oder Kindle. Die entsprechenden Apps finden Sie kostenlos in den jeweiligen App-Stores. Als Abonnent des Smart Investor Magazins, können Sie dort nach Eingabe Ihrer Zugangsdaten alle Ausgaben ab Smart Investor 1/2015 direkt mobil lesen. Zugangsdaten vergessen? Dann wenden Sie sich gerne an unsere Frau Wolpert. Sollten Sie kein Abonnent sein, den Smart Investor aber dennoch auf Ihren elektronischen Endgeräten lesen wollen, dann können Sie die Ausgaben innerhalb der Smart-Investor-App auch jederzeit einzeln erwerben. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre mit ihrem mobilen Smart Investor.


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Im Bereich „Highlights/Musterdepot“ auf unserer Homepage berichten wir über einen erfolgten und einen noch offenen Kauf. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.


Die Zukunft des Goldes



Wie in unseren letzten Publikationen herausgearbeitet rechnen wir für die kommenden Jahre mit einem neuen großen Aufwärtstrend bei den Edelmetallen. Am 24. März 2019 (Sonntag) veranstaltet passend dazu unser langjähriger belgischer Kooperationspartner Brecht Arnaert eine exklusive Konferenz mit dem Titel „The Future of Gold“ in Breda (Niederlande). Der frühere Vize-Präsident von Morgan Stanley, Diederik Schmull, wird dort ebenso sprechen wie der unseren Lesern seit Jahren bekannte Gold-Fachmann Dimitri Speck („Geheime Goldpolitik“). Es ist uns übrigens gelungen für unsere Abonnenten die Konferenzgebühren von 499 EUR auf 245 EUR zu drücken – eine Ersparnis von über 50% oder 254 EUR. Mehr Informationen zu diesem Event finden Sie unter nachfolgendem Link:

arnaerteconomics.com/thefutureofgold


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Mit dem Reigen der Börsentage und Anlegermessen geht es munter weiter. Am 23. März ist es in Frankfurt soweit. Zu dieser Veranstaltung finden Sie hier nähere Informationen. Am 30. März kommt dann der Börsentag München, quasi ein Heimspiel direkt vor unserer Haustür. Nähere Informationen zu diesem Börsentag finden Sie hier.


Smart Investor 3/2019

Titelstory:
Postsozialismus – Zwischen Asche und Auferstehung

Dividenden:

Linke Tasche, rechte Tasche, oder sinnvolle Strategie? 

China:
Die Strategie des Drachens

Antrieb der Zukunft:
Wasserstoff als Alternative zu gängigen Lithium-Akkus?
Fazit

Ob hinter dem möglichen Zusammenschluss von Deutsche Bank und Commerzbank wirtschaftliche Logik steckt, darf bezweifelt werden. Bei Boeing scheint dagegen die Kehrseite allzu wirtschaftlicher Überlegungen sichtbar zu werden.

Christoph Karl, Ralph Malisch



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