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Fußball-WM 2018: Segen für Russlands Wirtschaft?




11.06.18 14:31
Candriam

Brüssel (www.aktiencheck.de) - Bis zum Eröffnungsspiel sind es nur noch ein paar Tage, und Russland scheint bestens auf die Fußball-WM 2018 vorbereitet zu sein, so die Experten der Candriam Investors Group.

Welche wirtschaftlichen Vorteile die WM Russland bringen werde, sei hingegen nicht leicht zu beurteilen. Ein Blick auf frühere Weltmeisterschaften könne helfen.

Viele Länder wollten die Fußball-WM ausrichten, eines der größten Sportereignisse der Welt. Die Politik glaube, dass die Investitionen sowohl lang- als auch kurzfristig der Wirtschaft sowie dem Image des Gastgeberlandes nützen und dessen Markenwert steigern würden, was gut für den Tourismus und die Unternehmen sei. Dennoch sei der langfristige Nutzen internationaler Sportveranstaltungen für das Gastgeberland kaum messbar. Die kurzfristigen Auswirkungen würden sich aber genauer bestimmen lassen. Sie würden sich zusammensetzen aus finanziellen Impulsen wie Ausgaben für Hotels und Einkäufe, direkte Steuern auf Tickets, Teilnahmegebühren und Prämien sowie aus zusätzlichen Arbeitsplätzen in den Monaten vor und während der WM.

Zum ersten Mal in Russland

Die bevorstehende Weltmeisterschaft werde eine der teuersten in der Geschichte des Turniers. Nach einer genauen Analyse schätze Candriam die Kosten auf fast 13 Milliarden US-Dollar, die zu 70 Prozent vom Staat getragen würden. Von diesen 13 Milliarden Dollar würden vier auf die Sportinfrastruktur (Stadien) und fast sieben Milliarden auf die Verkehrsinfrastruktur entfallen. Dazu würden die Modernisierung wichtiger Flughäfen und der Ausbau und die Reparatur von Autobahnen gehören.

Kurzfristig gesehen dürften sich die Investitionen und die Weltmeisterschaft insbesondere im zweiten und dritten Quartal dieses Jahres positiv auf die russische Wirtschaft auswirken. Sie werde vom vorübergehenden Beschäftigungszuwachs und dem zusätzlichen Konsum der 3,5 Millionen Menschen profitieren, die Tickets für die WM gekauft haben. Bei früheren Weltmeisterschaften hätten die Besucher bis zu doppelt so viel Geld für Unterkunft, Essen und Getränke ausgegeben wie andere Touristen. Unternehmen, die bei der WM 2014 in Brasilien Verkaufslizenzen für Stadien erhalten hätten, hätten dort laut FIFA über 800.000 Portionen Essen, über drei Millionen Becher Bier, 2 Millionen Becher alkoholfreie Getränke und fast 750.000 Snacks verkauft.

Der geschätzte wirtschaftliche Gewinn Russlands liege bei etwa 0,2 bis 0,3 Prozent zusätzlichem BIP-Wachstum im Jahr 2018. Das scheine früheren Weltmeisterschaften zu entsprechen. Die kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteile von Brasilien seien auf 0,2 bis 0,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts geschätzt worden. Offizielle Zahlen stünden noch aus. Nach Angaben der Wirtschaftsprüfer von KPMG habe Südafrika 2010 dank der Weltmeisterschaft 0,5 Prozentpunkte mehr Wachstum verzeichnet.

Die langfristigen Vorteile

Die Schätzung der möglichen langfristigen Vorteile sei schwieriger. Mit Blick auf den Tourismus in den Jahren nach der WM und die späteren Auswirkungen der staatlichen Investitionen sei Russland aber recht optimistisch. Ein Bericht über die erwarteten finanziellen Auswirkungen der WM auf die Wirtschaft geht von einem BIP-Anstieg von fast 31 Milliarden US-Dollar (beziehungsweise zwei Prozent) in den zehn Jahren von 2013 bis 2023 aus. Ob diese Prognosen realistisch seien, sei schwer zu sagen. Zweifellos werde die Weltmeisterschaft Russland aber zu einer besseren und moderneren Sportinfrastruktur und besseren öffentlichen Verkehrsmitteln verhelfen. Und dank Reputationsgewinnen dürften nach der WM auch mehr Touristen ins Land kommen.

Russland: fragwürdige Wirtschaftsstruktur

Die WM 2018 verhelfe der russischen Wirtschaft, die ansonsten vornehmlich auf traditionellen Sektoren wie Treibstoff und Bergbau basiere, zu mehr Vielfalt. Schade für die Russen sei nur, dass Wirtschaft mehr sei als kurzfristiger Nutzen durch Sportereignisse. Nach wie vor sei diese in Russland stark von den Öl- und Gaspreisen abhängig, die bis 2016 gefallen seien. Hinzu kämen die internationalen Wirtschaftssanktionen, vor allem der USA und der EU, nach der Annexion der Krim 2014. Sie hätten dem Wirtschaftswachstum geschadet. Von 2014 bis 2017 sei der Anteil von Öl und Gas an den russischen Exporten von 65 auf 55 Prozent gefallen.

Das reale BIP-Wachstum im Jahr 2017 werde auf nur zwei Prozent geschätzt und dürfte in den nächsten zwei Jahren knapp darunter liegen. Höhere Ölpreise seien zweifellos gut für die Wirtschaft, aber weitere US- oder EU-Sanktionen, politische Risiken und die Abhängigkeit von Rohstoffexporten seien zu wichtig, um ignoriert zu werden. All dies rechtfertige Vorsicht bei russischen Wertpapieren. (11.06.2018/ac/a/m)






 
 
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