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Eine neue Ära für Tech-Aktien - Fünf Lehren aus der Causa Netflix




18.05.22 14:05
Merck Finck

München (www.aktiencheck.de) - Die Berichtssaison ist vorbei und was bleibt ist vor allem eines: Die ehemaligen Börsenstars aus dem Tech-Sektor sind endgültig auf dem harten Boden der Realität angekommen, so Robin Beugels, Leiter Investment Management Merck Finck a Quintet Private Bank und Pinaki Das, Head of Thematic Research at Qunitet Private Bank.

Besonders der Fall Netflix (ISIN: US64110L1061, WKN 552484, Ticker-Symbol: NFC, NASDAQ-Symbol: NFLX) stehe prototypisch dafür, wie "big tech" die Gunst der Anleger verspielt habe. Nach einem schwachen ersten Quartal habe der Streaming-Riese an nur einem Tag über ein Drittel seines Börsenwerts verloren. Seit Jahresbeginn seien sogar mehr als 60 Prozent des Börsenwerts dahingeschmolzen. Was könnten Anleger daraus lernen?

Die Geschichte von Netflix sei zwar an sich schon faszinierend, aber sie halte auch Lehren für die Märkte im Allgemeinen und für Technologieaktien im Besonderen bereit. Hier seien fünf wichtige Erkenntnisse:

1. Der Anstieg der Lebenshaltungskosten werde unterschätzt. Die in den letzten Monaten gestiegenen Kosten, die schon vor dem Anstieg der Energiepreise im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt zu beobachten gewesen seien, würden bedeuten, dass die Verbraucher weniger verfügbares Einkommen hätten. Gleichzeitig halte die Lohninflation nicht mit den steigenden Kosten Schritt, auch wenn die Entwicklung am Arbeitsmarkt insgesamt ordentlich erscheine. Die Verbraucher müssten also irgendwo sparen und würden weiterhin Kompromisse eingehen müssen: Urlaub und Gourmetkaffee oder Gadgets und Abonnements?

2. Der pandemiebedingte Schub habe sich abgeschwächt. Corona habe zu einem massiven Anstieg der Digitalisierung geführt, wovon viele Technologiewerte direkt profitiert hätten. Sobald die Impfkampagnen gegriffen hätten, hätten jedoch einige Coronagewinner ihren Glanz zu verlieren begonnen.

Kombiniere man dies mit der Krise der Lebenshaltungskosten, erhalte man einen besonders gefährlichen Cocktail für einige der Firmen.

3. Profitabilität zähle. Der Technologiesektor, insbesondere die Disruptoren, hätten in den letzten Jahren davon profitiert, dass die Börsen begonnen hätten, die Muster des Private Equity-Bereichs zu übernehmen: Sie hätten viel für Unternehmen gezahlt, die ihre Umsätze schnell steigern könnten, selbst wenn sie unprofitabel seien oder in naher Zukunft keine Gewinne erwirtschaften würden. Wenn sich das Wachstum, wie jetzt, jedoch abschwäche, werde die Bewertung zu einem Problem, insbesondere wenn die Zentralbanken den Abzinsungssatz ändern würden, der für die Bewertung ebenfalls entscheidend sei. Folglich seien Geschäftsmodelle und Profitabilität in dieser neuen Ära von größerer Bedeutung.

4. Große Investitionen seien nicht genug. Netflix habe im Jahr 2021 rund 17 Milliarden US-Dollar für Inhalte ausgegeben, habe aber im ersten Quartal 2022 dennoch 200.000 Abonnenten verloren. Der zu erwartende Umsatz des Unternehmens scheine bei etwa 32 Mrd. USD zu liegen (unter der Annahme, dass es kein Wachstum gegenüber dem zweiten Quartal 2021 gebe), so dass weniger Spielraum bestehe, um die Ausgaben für Inhalte zu erhöhen, um letztlich die Vision der Unternehmensleitung von 50 Mrd. USD ohne Nutzerwachstum zu erreichen.

Lebensmittellieferdienste seien ein weiteres Beispiel dafür, dass Unternehmen viel Geld hätten ausgeben müssen, um Marktanteile zu gewinnen oder ihren Markt zu vergrößern. Auch hier werde das Umfeld schwieriger. Just Eat Takeaway (ISIN: NL0012015705, WKN: A2ASAC, Ticker-Symbol: T5W, Ticker-Symbol Börse Amsterdam: TKWY), der europäische Marktführer für Essenslieferungen, plane die Veräußerung von Grubhub nur ein Jahr nach der Übernahme des US-amerikanischen Essenslieferdienstes. Auch andere Akquisitionen, die in der Blütezeit des letzten Jahres getätigt worden seien, würden sich als Fehlinvestitionen erweisen. Teladoc Health Inc. (ISIN: US87918A1051, WKN: A14VPK, Ticker-Symbol: 4LL, NYSE-Symbol: TDOC), das Unternehmen für Telemedizin und virtuelle Gesundheitsfürsorge, habe 6,6 Mrd. USD auf seine jüngsten Übernahmen abschreiben müssen, z. B. die 18,5 Mrd. USD teure Übernahme von Livongo, einem anderen Unternehmen für virtuelle Gesundheitsfürsorge.

5. Wir stünden am Beginn einer neuen Ära für Technologiewerte. In den letzten 10 Jahren seien Technologieunternehmen über Konjunkturzyklen hinweg erfolgreich gewesen, weil sie von säkularen Trends wie der Digitalisierung hätten profitieren können. Einige Marktsegmente seien aber nun gesättigt, während auch in vielen anderen Segmenten der Wettbewerb zunehme. In dieser neuen Ära müssten selbst die mächtigsten Technologieunternehmen flexibler sein, sich schnell anpassen und Disziplin in ihrem Vorgehen zeigen. Positiv sei, dass viele Mega-Tech-Unternehmen immer noch über solide Barreserven und gute Geschäftsmodelle verfügen und weiterhin in Innovationen investieren würden.

Die Märkte seien nun dabei, sich mit dieser neuen Landschaft nach Corona zu arrangieren, die durch knappere Verbraucher- und Unternehmensbudgets und höhere Kapitalkosten gekennzeichnet sei. Das Jahr 2022 werde für Tech- und Nicht-Tech-Firmen gleichermaßen das Jahr des großen Reset sein.

Und wieder mal werde sich die Spreu vom Weizen trennen, denn nachhaltiges Wachstum fuße gerade in den schwierigeren Zeiten primär auf qualitativ soliden Bilanzen, auskömmlichen Margen und hohen Cash Flows. Auf diese Aspekte sollten Anleger achten und nicht ausschließlich auf die teils teuer erkauften, utopischen Wachstumsraten. Dann hätten auch Technologiewerte weiterhin einen mehr als berechtigten Stellenwert im Portfolio und würden auch in Zukunft attraktive Ergebnisbeiträge liefern. (18.05.2022/ac/a/m)







 
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