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Kolumnist: Sven Weisenhaus

Droht nach dem Super Bowl ein Crash?




04.02.20 09:44
Sven Weisenhaus

Sehr verehrte Leserinnen und Leser,


in der Vorwoche hatte ich darauf hingewiesen, dass der Rally der vergangenen Monate eine volatile Phase folgen könnte. Die Coronavirus-Pandemie hat uns in den vergangenen Tagen bereits einen Vorgeschmack darauf gegeben. Aber es könnte noch schlimmer kommen – zumindest, wenn es nach dem Super-Bowl-Indikator geht.


Warum der Super-Bowl-Indikator Schrecken verheißt


Der Grund ist, dass beim vorgestrigen Super Bowl in den USA das „falsche“ Team gewonnen hat – wobei „richtig“ und „falsch“ hier natürlich ausschließlich aus Sicht der Börsianer zu verstehen sind. Der Hintergrund dieser Unterscheidung, ebenso wie der des Super-Bowl-Indikators sind so einfach wie erstaunlich.


Die National Football League (NFL) besteht aus zwei sogenannten Conferences, zwei etwa gleichwertigen Spielklassen, die zunächst getrennt ihre Meisterschaften austragen. Die Gewinner der jeweiligen Klasse – der National Football Conference (NFC) und der American Football Conference (AFC) – bestimmen dann im sogenannten Super Bowl den „Meister aller Klassen“ der NFL. Dabei findet der Super Bowl inzwischen stets Ende Januar/Anfang Februar statt.


Vermutlich aufgrund dieses frühen Termins im Jahresverlauf ist irgendwer in den 1970er Jahren auf die Idee gekommen zu prüfen, ob das Ergebnis des Super Bowl eine (Vor-)Aussage zum Börsenverlauf des entsprechenden Jahres machen könnte. Und siehe da: Derjenige kam zu der Erkenntnis, dass immer dann, wenn ein NFC-Team gewinnt, das Börsenjahr tendenziell positiv verläuft, bei einem Sieg eines AFC-Teams eher negativ.


Eine verblüffende Präzision


Und tatsächlich funktionierte dieser Indikator – je nach „Berechnungsmethode“ – bis 1997 mit geradezu verblüffender Perfektion: In 28 von damals 31 Jahren gab er richtige Signale – eine Trefferquote von 90 %! – und erreichte dabei einen Profit-Faktor von sagenhaften 37,3! Da dürfte sich selbst manch gestandener Trader verwundert die Augen reiben.


(Als Hinweis für Nicht-Trader: Der Profit-Faktor ist das Verhältnis der Summen von Gewinnen und Verlusten in einem Zeitraum, gerechnet in Euro, Dollar usw. Im Trading sollte ein Wert von 2 nicht nachhaltig oder für einen längeren Zeitraum unterschritten werden; ein Wert von 3 und höher ist anzustreben, um mit der entsprechenden Tradingmethode dauerhaft Erfolg zu haben.)


Eine ähnliche, wenn auch kürzere Erfolgsserie hatte der Super-Bowl-Indikator von 2005 bis 2015, als er in 10 von 11 Jahren richtiglag. Allerdings mussten Anleger zwischendurch stark bleiben, wenn sie dem Indikator vertrauten: So gab es das Fehlsignal dieser jüngsten Serie ausgerechnet 2008, als die Märkte wegen der Finanzkrise einbrachen. Auch die starken Rally-Jahre 1998 und 1999 waren eine Pleite – und die ersten beiden Jahre einer nervigen vierjährigen Negativserie. Auch seit 2016 lag der Super-Bowl-Indikator daneben, wodurch Anleger drei sehr starke Jahre im laufenden Bullenmarkt verpasst hätten.


Glauben oder nicht glauben?


Insofern muss man also das vorgestrige Ergebnis nicht überbewerten: Der Gewinn des AFC-Teams verheißt zwar ein schlechtes Aktienjahr 2020, aber nach vier Fehlsignalen in Folge kann man nun glauben, was man will: Wird diese Negativserie fortgesetzt (und kommt es damit zur längsten Verlustserie der Geschichte des Indikators) oder dreht der Wind wieder und der Indikator gibt doch das richtige Signal?


Im ersten Fall ginge der Bullenmarkt weiter, im zweiten läge er zumindest eine Pause ein. Die diversen Gefahren für Aktienmärkte, auf die in der Börse-Intern mehrfach hingewiesen wurden, sprechen ja eigentlich für Letzteres…


Womit wir beim entscheidenden Punkt dieses Indikators wären: Warum soll man ihm überhaupt glauben? In der Vergangenheit gab es einige (pseudo-ökonomische) Erklärungsversuche dafür: So versuchte man z.B. nachzuweisen, dass es mehr Fans von NFC-Teams gäbe (weil diese Organisation zuerst bestand, also die „ursprünglichere“ ist, während die AFC erst später gegründet wurde), diese daher eine höhere Kaufkraft haben und vor lauter Freude über den Sieg ihres Teams für den Rest des Jahres die US-Wirtschaft „nach oben konsumieren“, was auch die Aktienmärkte treibt.


Ich will auf diese und andere Argumente gar nicht weiter eingehen. Sie klingen alle irgendwie an den Haaren herbeigezogen und sind es wohl auch. Jedenfalls fällt mir keine plausible fundamentale Begründung für den Super-Bowl-Indikator ein.


Statistische Zusammenhänge und ihre Tücken


Man könnte ihn daher einfach als das betrachten, was er mit ziemlicher Sicherheit auch ist – eine Skurrilität – und einfach vergessen. Und einige Leser fragen sich bestimmt schon, warum ich über solchen Unsinn überhaupt schreibe. Der Grund ist einfach: Der Super-Bowl-Indikator eignet sich hervorragend, um die Fallstricke statistischer Vergleiche zu beleuchten.


Mit Hilfe der Statistik kann man prinzipiell Zusammenhänge herausarbeiten – wie eben beim Super-Bowl-Indikator. Die eigentliche Arbeit beginnt aber erst damit, diese Zusammenhänge sinnvoll zu interpretieren. Dabei muss man nach dem 3K-Schema drei Dinge prüfen und unterscheiden: Beruht dieser Zusammenhang auf einer Kausalität (also einer Ursache-Wirkungs-Beziehung, die nach dem Schema „Wenn.. Dann…“ funktioniert), besteht eine Korrelation (also ein sachlich begründbarer Zusammenhang, der sich aber nicht eindeutig als Kausalkette oder in einer Formel beschreiben lässt) oder liegt einfach nur eine Koinzidenz vor – also ein Zufall, der (meist nur vorübergehend) einen Zusammenhang vortäuscht.


Ein Beispiel für ein Kausalität ist das physikalische Gesetz der schiefen Ebene. Statistisch beobachtet man, dass in Abhängigkeit von der Neigung einer Ebene ein Objekt mehr oder weniger gut auf ihr herunterrutscht. Weitere Einflüsse auf dieses Verhalten sind z.B. die Beschaffenheit der Ebene und des Objekts (Reibung). Das Ergebnis kann man in einer Formel zusammenfassen und damit einen eindeutigen Wenn-Dann-Zusammenhang herstellen.


3 Fälle müssen sorgsam unterschieden werden


Ein Beispiel für eine Korrelation ist das Verhalten von Wirtschaft und Aktienmarkt. Aktienkurse folgen aus naheliegenden Gründen den unternehmerischen und wirtschaftlichen Zyklen, (leider) ohne dass sich dies in einer Formel oder Kausalkette abbilden lässt. Und ein Zufall wäre es, wenn sich irgendwo ein statistischer Zusammenhang zwischen der Anzahl der Störche und der Geburtenrate in einem Gebiet finden ließe…


Die klare Unterscheidung dieser drei Varianten ist mitunter schwierig – und führt daher häufig zu abwegigen Schlussfolgerungen oder Pseudo-Erkenntnissen. Das ist auch dadurch bedingt, dass wir Menschen dazu neigen, alles erklären zu wollen. Wo wir ein Muster erkennen, da muss es auch eine Erklärung geben. So entstanden Götterglaube, Astrologie und die Überzeugung, dass sich die Sonne um die Erde dreht.


Wenn Sie jetzt milde lächeln und denken, dass wir solche „barbarischen“ Aberglauben längst hinter uns gelassen haben, dann muss ich Sie enttäuschen: Die Erklärungsversuche zum Super-Bowl-Indikator zeigen das Gegenteil. Und es ist noch nicht allzu lange her, dass die Statistik über den Anteil von Frauen in Führungspositionen als Beweis galt, dass Frauen für Führungspositionen ungeeignet sind – schließlich gibt es ja so wenige davon…


Es kommt auf die richtigen Fragen an!


Es kommt also bei der Interpretation von Statistiken darauf an, die richtigen Fragen zu stellen. Beim Super-Bowl-Indikator z.B. lautet die Frage nicht, was der Sieg des NFC- oder AFC-Teams anzeigt, sondern ob es vielleicht irgendwelche Besonderheiten in der Verteilung der Siege beider Teams gibt, welche die scheinbare Kausalität erklären können.


Zunächst einmal gibt es leichte Abweichungen in der Statistik je nach dem, welchen Index man für den Indikator verwendet. Die obige Statistik bezieht sich auf den Dow Jones Index; mit dem S&P 500 ist sie nur geringfügig schlechter. Und der Indikator gilt auch dann als erfolgreich, wenn der jeweilige Index nur minimal steigt oder fällt – Hauptsache, die Richtung stimmt. Damit ist die Frage Crash oder Rally mit dem Indikator ohnehin nicht zu entscheiden.


Dann muss man berücksichtigen, dass die Aktienmärkte bzw. beide genannten Indizes in der Mehrzahl der vergangenen 53 Jahren, in denen der Super Bowl ausgetragen wurde, gestiegen sind. Konkret waren es beim Dow Jones (den ich im Folgenden als Referenzindex beibehalte) 37 Jahre (ca. 69 %) mit positiver Performance (vom 1.1. bis 31.12.). Wenn man – was sinnvoll erscheint – nur den Zeitraum nach dem Super Bowl bis Jahresende betrachtet (sonst kann man den Indikator weder traden noch bewerten), sind es sogar 40 von 53 Jahren (ca. 75 %).


Der Mythos „Super-Bowl-Indikator“ wird entzaubert


Die beeindruckende Performance des Super-Bowl-Indikators geht also offenbar auch darauf zurück, dass die NFC-Teams in der überwältigenden Zahl der Fälle gewannen – was für eine systematische Überlegenheit der NFC spräche, z.B. aufgrund der finanziellen Ausstattung. Wenn aber in einem so großen, emotionalen und kommerziell bedeutsamen Endspiel (der Markenwert des Super Bowl wird auf fast 700 Mio. Dollar geschätzt, die Verbraucherausgaben für dieses eine Ereignis des Jahres betragen fast 0,1 % des US-BIPs) die Überlegenheit einer Seite über mehr als 50 Jahre (!) tatsächlich so groß wäre, würde dessen Faszination wohl längst verflogen sein.


Und tatsächlich stellt man bei genauerer Recherche fest, dass es bei den oben genannten, extrem positiven Zahlen des Super-Bowl-Indikators – vorsichtig gesagt – methodische Einseitigkeiten gibt. So wurden dabei mehrere Siege von drei AFC-Teams als NFC-Siege gezählt, weil diese Teams ursprünglich in der NFC (bzw. NFL) waren, bevor die beiden US-Football-Ligen fusionierten. Das ist etwas so, als würde man ein Unternehmen, das von einem Aktienindex in einen anderen eingestuft wird, weiterhin seinem alten Index zurechnen, weil es „ursprünglich“ dort war. Ein (falscher) Sieg eines NFC-Teams wurde dagegen gar nicht gezählt, weil die Mannschaft 1976 (!) als „außerplanmäßiges“ Team gegründet wurde und nach einem Jahr AFC-Zugehörigkeit in die NFC-wechselte. Das wirkt doch beides etwas willkürlich.


Die Analyse der unbearbeiteten Liste der Super-Bowl-Champions ergab dagegen, dass die Siege beider Seiten in Wirklichkeit genau gleichverteilt sind (per 2020 27:27!). Damit schrumpft der „geniale“ Super Bowl-Indikator auf Normalmaß zusammen: Seine Trefferquote beträgt nur noch 60 % bezogen auf das Gesamtjahr; wenn man nur den Zeitraum nach dem Spiel berücksichtigt, sind es sogar nur noch 58 %.


Ein Trading-„System“ zum Vergessen


Das sind typische Werte, die auch „normale“ Tradingsysteme häufig aufweisen. Deren Profitabilität steht und fällt dann mit der Höhe der Gewinne bei einem Treffer und der Begrenzung der Verluste, wenn es falsch läuft. Das Kriterium dafür ist, wie gesagt, der Profit-Faktor, der beim Super-Bowl-Indikator nun auf nur 1,4 zusammenschnurrt. (Zur Erinnerung: Alles unter 2 ist Schrott.)


Allerdings bleibt auch dann eine außergewöhnlich hohe Trefferquote des Super-Bowl-Indikators von 1967 bis 1997 (74 % Trefferquote bei Profit-Faktor zwischen 4 und 5). Das muss man aber wohl dem Zufall zuschreiben. Den Super-Bowl-Indikator können Sie also vergessen. Falls es dennoch in diesem Jahr einen Crash geben sollte, dann zumindest nicht wegen des Ergebnisses des Super Bowls.


Das Dumme an solchen Fehlinformationen ist nur: Sie klingen so reizvoll und ungewöhnlich, dass sie schnell verbreitet werden. Die Mühe, die Fakten zu checken, macht sich kaum jemand. Und schon wurde wieder ein Mythos in die Welt gesetzt, der bei passender Gelegenheit gedankenlos weitererzählt wird.


In China gab es schon einen spürbaren Rückfall


Eine bessere Richtschnur als der Super-Bowl-Indikator bietet der US-Präsidentschaftszyklus. Dieser ist auch fundamental begründet, z.B. weil die Politiker in Wahljahren tendenziell Wahlgeschenke verteilen bzw. die Wirtschaft und damit die Aktienmärkte stimulieren. Letztere sind bekanntlich für die US-Bürger als Altersvorsorge besonders wichtig.


Für das aktuelle Wahljahr sieht dieser Zyklus zunächst eine sehr volatile Seitwärtsbewegung vor, die bis Ende Juli anhalten kann (siehe folgender Chart). Die zweite Jahreshälfte wird dagegen in der Regel von der Wahlrally geprägt. Dann setzen die Anleger auf den vermeintlichen Wahlgewinner.


Dow Jones im Wahljahr


Die volatile Phase könnte mit der Coronavirus-Pandemie ausgebrochen sein. Für die Wahlrally können Sie sich dagegen in den kommenden Monaten noch rechtzeitig positionieren. Es kann sich also lohnen, den richtigen Zyklus-Indikator im Blick zu behalten. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei!


Mit besten Grüßen


Ihr Torsten Ewert


(Quelle: www.stockstreet.de)



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