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Deutschland: Die Konjunktur verliert an Kraft




05.12.18 15:21
Postbank Research

Bonn (www.aktiencheck.de) - Die deutsche Wirtschaft präsentierte sich im 1. Halbjahr 2018 mit Quartalswachstumsraten von 0,4% im 1. Quartal bzw. 0,5% im 2. Quartal noch sehr solide, so die Analysten von Postbank Research.

Die Konjunktur habe damit den dunkleren Wolken getrotzt, die sich insbesondere infolge der internationalen Handelskonflikte oder auch des zunehmenden Risikos eines No-Deal-Brexits am Horizont zusammengebraut hätten. Im 3. Quartal sei dann aber ein Rückschlag gefolgt. Das BIP sei gegenüber der Vorperiode um 0,2% geschrumpft. Besonders schmerzhaft sei dabei ein außergewöhnlich starker, negativer Impuls vom Außenhandel gewesen, der die Wachstumsrate gleich um einen vollen Prozentpunkt nach unten gedrückt habe, weil deutlich schrumpfenden Exporten kräftig steigende Importe gegenübergestanden hätten.

Dies sei aber nur teilweise der Moderierung der globalen Nachfrage oder der Verunsicherung durch die internationalen Handelskonflikte zuzuschreiben gewesen. Einen wesentlichen Einfluss habe vielmehr ein hausgemachtes Problem gehabt. Die deutsche Autoindustrie habe Schwierigkeiten mit einem neuen Testverfahren zur Abgasmessung gehabt. Hieraus habe sich ein Zertifizierungsstau ergeben, der den Export augenscheinlich beeinträchtigt habe. Davon betroffen gewesen sei überdies der private Verbrauch, zumal sich die Bundesbürger aufgrund der Dieselproblematik mit Autokäufen zuletzt ohnehin zurückgehalten hätten. Der ungewöhnlich heiße Sommer habe ein Übriges getan, da er die Lust gedämpft habe, sich neue Bekleidung zuzulegen. In der Summe hätten diese Entwicklungen dann auch einen kräftigen, überwiegend wohl unfreiwilligen Lageraufbau zur Folge gehabt.

Die Entwicklungen im 3. Quartal würden die Frage aufwerfen, ob es sich um den Beginn einer ausgeprägten konjunkturellen Schwächephase handle oder ob es nachfolgend zu einem kräftigen, positiven Rückprall komme. Letzteres wäre nichts Ungewöhnliches, sofern sich die Ursachen der temporär dämpfenden Faktoren verflüchtigen würden und es gleichzeitig zur Befriedigung eines aufgestauten Bedarfs käme. Die Analysten von Postbank Research rechnen allerdings weder mit dem einen noch mit dem anderen. Gegen eine ausgeprägte Schwächephase würden die Stimmungsindikatoren sprechen. Diese hätten zwar in den letzten Monaten nachgegeben, befänden sich aber weiterhin auf Niveaus, die für eine Fortsetzung des Wachstums sprechen würden, wenn auch mit gebremstem Schaum.

Auf der anderen Seite dürfte sich die Nachfrage, insbesondere nach Autos, zwar wieder beleben. Der zuletzt erhebliche Lageraufbau spreche aber dagegen, dass sich dies kurzfristig in einer deutlich steigenden Produktion niederschlagen werde. Dezente Nachholeffekte bei insgesamt nachlassenden konjunkturellen Auftriebskräften sprechen nach Einschätzung der Analysten von Postbank Research für ein moderates Wachstum um die Jahreswende 2018/2019 herum.

Insgesamt habe 2018 die zu Jahresbeginn gehegten, hohen Erwartungen nicht erfüllen können. Aufgrund des schlechten 3. Quartals würden die Analysten ihre BIP-Wachstumsprognose nochmals auf jetzt 1,6% reduzieren. Dabei habe der Außenhandel die Rate wohl um 0,3 Prozentpunkte gedrückt, weil sich die Exportdynamik infolge einer nachlassenden externen Nachfrage in Kombination mit den jüngsten Lieferproblemen deutlich abgeschwächt habe. Der private Verbrauch habe voraussichtlich nur um 1,1% zugelegt. Dies sei das schwächste Wachstum seit dem Jahr 2013, obwohl sich der Arbeitsmarkt ausgesprochen positiv entwickelt habe. Die Zahl der Erwerbstätigen sei das dritte Jahr in Folge um rund 0,6 Mio. auf im Jahresdurchschnitt schätzungsweise 44,8 Mio. gestiegen, während die Arbeitslosenquote von 5,7% auf 5,2% gesunken sei. Hieraus habe bei zugleich spürbaren Lohn- und Gehaltssteigerungen eine deutliche Zunahme der verfügbaren Einkommen resultiert. Es hätte somit durchaus Potenzial für eine stärkere Ausweitung der privaten Konsumausgaben bestanden.

Jedoch hätten es die Bundesbürger vorgezogen, deren Zuwachs im Jahresverlauf sukzessive zurückzuschrauben und stattdessen mehr auf die hohe Kante zu legen. Die Sparquote sei 2018 sehr deutlich um schätzungsweise 0,6 Prozentpunkte auf 10,4% gestiegen, ihr höchstes Niveau seit dem Jahr 2008. Überzeugen können habe 2018 die Investitionstätigkeit. Bei den Ausrüstungen veranschlagen die Analysten von Postbank Research den Zuwachs auf kräftige 4,5%, bei den Bauinvestitionen auf 3,2%. Ein starker Impuls sei dabei von den Wohnungsbauinvestitionen ausgegangen. Deren Wachstum würden die Analysten auf 4,1% schätzen. Unter Einberechnung der Sonstigen Anlagen hätten die Bruttoanlageinvestitionen 2018 um 3,1% zugelegt, eine Größenordnung, die eigentlich zu einem sehr soliden Aufschwung passe.

Die Aussichten für das kommende Jahr seien ungewöhnlich unsicher, obwohl die Grundverfassung der deutschen Wirtschaft unverändert gut sei. Es drohe kein Gegenwind von der Finanzpolitik, die eher sogar etwas expansiver werde. Eine nachhaltige Straffung der Geldpolitik lasse auch noch auf sich warten. Der Euro habe gegenüber den wichtigsten Währungen zuletzt nachgegeben, so dass die Exporttätigkeit von dieser Seite nicht belastet werden sollte. Last but not least sollten sich Lohnsteigerungen, die sich in der Größenordnung des nominalen BIP-Wachstums bewegen würden, weder angebots- noch nachfrageseitig als Wachstumsbremse erweisen.

Risiken würden hingegen von der internationalen Seite drohen. Eine Eskalation der Handelskonflikte, ein harter Brexit, eine Verschärfung des Haushaltsstreits zwischen Italien und der EU, eine Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen für Schwellenländer, etc. könnten die deutsche Exportwirtschaft hart treffen und ggf. auch rasch auf die Investitionstätigkeit hierzulande durchschlagen. Die Analysten von Postbank Research halten allerdings an der Erwartung fest, dass sich diese Risiken nicht in größerem Umfang materialisieren. Gleichwohl dürfte der Außenhandel das Wachstum auch 2019 belasten. Die Verunsicherung, die von der Vielzahl der Risiken ausgehe, dämpfe den Welthandel und sei vor allem negativ für die Investitionstätigkeit auf globaler Ebene. Der Export hochwertiger Maschinen und Anlagen sei aber gerade die größte Stärke der deutschen Wirtschaft, die sie in diesem Umfeld nicht voll umfänglich werde ausspielen können. Die Analysten von Postbank Research rechnen daher mit einem erneut nur mäßigen Wachstum der Exporte um 2,6% und einem negativen Beitrag des Außenhandels in Höhe von 0,2 Prozentpunkten zum BIP-Wachstum.

Die eingeschränkten Exportaussichten dürften tendenziell auch die Ausrüstungsinvestitionen belasten, so dass deren Wachstum wohl zurückgehen werde. Hinsichtlich der Bauinvestitionen wiederum würden die Analysten angesichts des nach wie vor bestehenden Mangels an Wohnungen sowie der komfortablen finanziellen Lage der öffentlichen Hand immer noch erhebliches Aufwärtspotenzial sehen. Dieses werde aber 2019 wohl nicht ausgeschöpft, da die Bauwirtschaft zunehmend mit Kapazitätsengpässen zu kämpfen habe. Auch hier würden die Analysten deshalb von einer Dämpfung des Zuwachses ausgehen. In der Summe erwarten sie aber eine nochmalige Steigerung der Bruttoanlageinvestitionen um 2,4%, die damit ein wichtiger Wachstumsträger bleiben würden.

Die Investitionstätigkeit sei zudem wichtig für den Arbeitsmarkt. Diesen sehen die Analysten von Postbank Research aber schon alleine aufgrund des hohen Bestandes an unbesetzten Stellen weiterhin im Aufwärtstrend. Der Stellenzuwachs dürfte jedoch durch einen sich verstärkenden Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften gebremst werden. Die Analysten würden deshalb für 2019 nur noch mit einem Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen um 320 Tsd. rechnen. Die Arbeitslosenquote sollte moderat von 5,2% auf 5,0% sinken. Bei vergleichbaren Lohn- und Gehaltszuwächsen wie 2018 ergäbe sich hieraus ein schwächerer Impuls für die Einkommensentwicklung. Dem stünden aber in der Summe sinkende Beiträge der Arbeitnehmer zu den Sozialversicherungen sowie einige Entlastungen für Familien entgegen.

Auch würden die Renten kräftig steigen. Die verfügbaren Einkommen könnten deshalb um gut 3,5% und damit noch etwas stärker als im zu Ende gehenden Jahr zulegen. Bei einer im Vorjahresvergleich konstanten Inflationsrate von 2,0% ergäbe sich hieraus bei unveränderter Sparneigung Spielraum für eine Ausweitung des privaten Verbrauchs um etwa 1,5%. Die Analysten von Postbank Research vermuten aber, dass die Bundesbürger die wirtschaftlichen Risiken mit einer nochmals steigenden Sparquote quittieren, was für Deutschland nicht ungewöhnlich wäre. Den Zuwachs des privaten Verbrauchs würden sie deshalb auf lediglich 1,2% veranschlagen. Der Staatsverbrauch wiederum dürfte nach sehr mäßigen 0,9% in 2018 im kommenden Jahr wieder etwas lebhafter um 1,4% gesteigert werden.

Unter dem Strich rechnen die Analysten von Postbank Research für 2019 mit einem Rückgang des BIP-Wachstums von 1,6% auf 1,3%. Die negative Abweichung zu diesem Jahr sei aber nicht auf die Annahme einer geringeren Dynamik im Jahresverlauf zurückzuführen, sondern resultiere ausschließlich daraus, dass die deutsche Wirtschaft mit einem hohen Wachstumsüberhang ins Jahr 2018 gegangen sei, während sie 2019 nicht von einer vergleichbaren Steilvorlage werde profitieren können. Die wesentlichen Risiken für diesen Ausblick lägen stärker auf der Unterseite. Letztlich werde es von der internationalen Politik abhängen, ob 2019 wirtschaftlich ein noch zufriedenstellendes oder am Ende doch ein nur sehr mäßiges Jahr werden werde. (Perspektiven 2019) (05.12.2018/ac/a/m)






 
 
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