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Brexit oder Exit vom Brexit?




06.12.18 10:20
ETHENEA

Munsbach (www.aktiencheck.de) - Am 23.06.2018 votierten die Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union, so Guido Barthels, Senior Portfolio Manager von ETHENEA Independent Investors S.A.

Am 25.11.2018 hätten die langwierigen Austrittsverhandlungen endlich ein Ende gefunden - so zumindest die Hoffnung der EU und der britischen Regierung. Nun sei das britische Parlament an der Reihe. Brexit oder Exit vom Brexit? Außerdem diskutiere Guido Barthels, welche Hinweise es am Markt für eine wirtschaftliche Schwäche gebe.

Wer "A" sage, müsse auch "B" sagen! Oder vielleicht doch nicht? Gebe es einen Exit vom Brexit? Zurzeit berate der Europäische Gerichtshof, ob die Anwendung von Artikel 50 überhaupt wieder rückgängig zu machen sei, und falls ja, wie? Nachdem vonseiten der Europäischen Union der Austritt zu Ende verhandelt und auf dem letzten EU-Gipfel von den verbleibenden 27 Staaten gebilligt worden sei, habe Theresa May ein Problem. Der Deal müsse noch durch das britische Parlament genehmigt werden und es sehe zunehmend danach aus, dass der Regierung May dies nicht gelingen werde. Zu laut sei die Kritik an den Vereinbarungen, da sie Großbritannien über lange Zeit an die EU binden würden - ohne Mitspracherecht. Selbst der britische Finanzminister habe die Meinung geäußert, dass Großbritannien besser dran wäre, wenn es in der EU verbleiben würde. Ob das allerdings überhaupt noch gehe, müsse der EuGH klären. Für den Fall der Ablehnung des Deals durch das Parlament und eines negativen Urteils des EuGHs, würde der so genannte harte Brexit eintreten mit katastrophalen Folgen nicht nur für die Insel, sondern für die gesamte EU.

Ob es allerdings so schlimm werde, wie eine gerade veröffentlichte Studie der Englischen Zentralbank, der Bank of England (BoE), prognostiziert, bleibe abzuwarten. In dem Extremszenario eines harten, ungeordneten Brexits erwarte die BoE, dass die britische Wirtschaftsleistung im ersten Jahr bereits um 8% einbrechen würde. Des Weiteren gehe sie von um 30% fallenden Hauspreisen aus, Geschäftsimmobilien würden fast 50% im Wert fallen, das Britische Pfund würde 25% an Wert verlieren. Und das Ganze bei deutlich steigenden Konsumentenpreisen mit 6,5% Inflation. Man könne nur hoffen, dass es nicht tatsächlich so oder ähnlich komme. Falls der EuGH positiv urteile, werde hoffentlich doch ein zweites Referendum abgehalten und der 29. März 2019 einfach nur ein ganz normaler Tag werden. Dann hieße es "Außer Spesen nichts gewesen!", und die letzten zwei Jahre wären nur wie ein schlechter Traum an uns vorbeigegangen, so die Experten von ETHENEA.

Der Kapitalmarkt allerdings scheine diese Möglichkeit des Exits vom Brexit nicht ernsthaft zu berücksichtigen. Die Prämie für die Kreditausfallversicherung sei zwar am Steigen, aber immer noch auf tiefem Niveau bei 35 Bp, was einer Ausfallwahrscheinlichkeit von gerade mal 3% entspreche. Zum Vergleich liege die Prämie für Italien bei 250 Bp, was eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 20% bedeute. Mehr Sorgen scheine der Markt eher im Bereich der längerfristigen Inflation zu entwickeln. Der Renditeunterschied zwischen der aktuellen 30- und 10-jährigen britischen Staatsanleihe sei deutlich angestiegen, nachdem Theresa May mit der Vereinbarung nach Westminster zurückgekehrt sei. Scheinbar glaube kaum jemand, dass die Vereinbarung die Zustimmung des Parlaments finden werde. Das Britische Pfund hingegen sei weiterhin stabil. Bei den generellen Immobilienpreisen ist zwar eine Abkühlung zu verzeichnen, aber lediglich im Raum London scheinen die Hauspreise tatsächlich stärker rückläufig zu sein, so die Experten von ETHENEA. Allerdings habe der Londoner Häusermarkt nach Jahren des zweitstelligen Wertzuwachses vielleicht auch mal eine Abkühlung verdient, ohne dass man in Panik verfallen sollte.

Es bleibe auf jeden Fall spannend in den nächsten Tagen und Wochen. Man könne den Briten nur genügend Einsicht und einen kühlen Kopf wünschen, wenn sie nochmals entscheiden dürften. Guido Barthels wären die Briten in jedem Fall willkommen.

Ein weiteres Thema, welches wir quasi als Appendix zu unserem letzten Marktkommentar Fin de Siècle nachreichen, ist das Rohöl, so die Experten von ETHENEA. Auch wenn Donald Trump den fallenden Ölpreis per Tweet als gute Unterstützung der Wirtschaft kommentiert habe und sich selbst auch noch ursächlich dafür sehe, seien fallende Ölpreise oft ein Zeichen von wirtschaftlicher Schwäche. Hinsichtlich der Entwicklung der Preise der Rohölsorte WTI sowie eines Industriemetall-Index erkenne man, dass, obwohl der jüngste Preisverfall (-35%) beim Öl besonders prägnant sei, auch die Industriemetalle mit 22% Wertverlust deutlich rückläufig seien. Das deutet dann wirklich eher auf eine Nachfrageschwäche hin und würde die These unseres letzten Marktkommentars, dass wir am Beginn einer Schwächephase der Weltwirtschaft stehen, untermauern, so die Experten von ETHENEA. Auch die US-Energiebehörde prognostiziere für 2019 einen Nachfragerückgang beim Rohöl. Vielleicht sollte die Behörde einmal den eigenen Präsidenten über diesen Umstand informieren.

Die Aussage des US-Notenbank-Chefs Powell, dass der US-Leitzins schon sehr nahe an der so genannten neutralen Zone sei, lese sich dann vor diesem Hintergrund auch anders. Die Inflationserwartungen würden sinken und damit möglicherweise auch die Notwendigkeit für die Notenbank, den einen oder anderen Zinsschritt zu unternehmen. Auf dieser Seite des Atlantiks bleibe zu hoffen, dass die Europäische Zentralbank erkenne, dass sich eventuell das Fenster für mögliche Zinserhöhungen in der Eurozone bald schließen könnte. Der Kapitalmarkt hingegen erwarte keine Zinserhöhungen vor Ende 2019. Die Experten von ETHENEA würden befürchten, dass der Markt möglicherweise Recht habe.

In diesem Umfeld könnten Rentenpapiere wieder positive Erträge abwerfen. Die Renditen der 10-jährigen US-Staatsanleihen erscheinen bei über 3% wieder attraktiv, so die Experten von ETHENEA. Man müsse den Markt sehr engmaschig beobachten, um zu erkennen, ob sich der volkswirtschaftliche Trend der Abschwächung fortsetze und eventuell auch verstärkt oder sich eben nur als Wachstumsdelle herausstelle. Falls es beim Brexit zu einer ungeordneten Veranstaltung komme - und das lasse sich beim besten Willen mit solchen Akteuren nicht ausschließen - dann werde auch das Wachstum in der Eurozone in Mitleidenschaft gezogen. Jetzt heiße es "Daumen drücken!". (Ausgabe 12 vom Dezember 2018) (06.12.2018/ac/a/m)







 
 
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