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Brexit Spezial: Mehr Einsatz bitte




20.02.19 10:30
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.aktiencheck.de) - Die Finanzmärkte reagieren bis dato sehr gelassen auf die verfahrene Brexit-Situation und den Brexit-Poker, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Das Britische Pfund handle weiterhin mit einem guten Abstand zu den 5-Jahrestiefstwerten. Bei britischen Staatsanleihen sei keinerlei Einpreisung einer systemischen Risikokomponente (im Volatilitätsvergleich zu deutschen Staatsanleihen) erkennbar. Die Renditedifferenz lasse sich durch spezifische Faktoren (v.a. Fundamentaldaten, eine andere Geldpolitik, eine höhere Inflation) erklären.

Im britischen Parlament zeichne sich derzeit noch keine Mehrheit für eine klare Brexit-Entscheidung ab, egal in welche Richtung. Daher mache eine zweite Kampfabstimmung nach dem mit überwältigender Mehrheit gescheiterten Votum Mitte Januar keinen Sinn. Prinzipiell werde der Entwurf der EU-Austrittsregelungen eindeutig abgelehnt und zugleich möchten die meisten Parlamentarier doch einen "harten Brexit" vermeiden. Damit scheine im "Brexit-Poker" derzeit alles möglich. Theresa May möchte die gemäß EU-Vertretern nicht verhandelbaren Austrittsdokumente verhandeln, EU-Vertreter würden tendenziell hart bleiben und doch auch Kompromisslösungen skizzieren, um einen "harten Brexit" zu vermeiden.

Angesichts der komplexen Gesamtsituation habe sich das Risiko erhöht, dass alle beteiligten Akteure in einen "harten Brexit" hereinrutschen würden. Insofern haben wir in unserem Wahrscheinlichkeitskalkül das Risiko für einen "harten Unfall-Brexit" mittlerweile bei 30% angesetzt, so die Analysten der RBI. Dies bedeute indes auch, dass die Analysten zu 70% immer noch mit einem sinnvoll gemanagten Brexit rechnen würden. Hier sähen sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 60% (von 70%) eine wie auch immer geartete Verhandlungsverlängerung als am wahrscheinlichsten an (Gesamtwahrscheinlichkeit von 42%). Hier sei an eine eher einfach umsetzbare Verhandlungsverlängerung bis zum 30. Juni zu denken (das neue EU-Parlament werde sich Anfang Juli konstituieren), wodurch das Risiko eines "harten Brexits" nur kurz aufgeschoben würde.

Allerdings sei auch eine umfassendere Verhandlungsverlängerung bis Jahresende oder sogar bis 2020 oder 2021 denkbar (mit Übergangsregelungen für die dann im Mai gewählten EU-Parlamentarier aus UK). Der Artikel 50 des EU-Vertrages selber sehe auf jeden Fall keine zeitliche Befristung für eine Verhandlungsverlängerung vor. Wobei eine Einigung zur Verhandlungsverlängerung und deren Dauer (Monate oder Jahre) sicher auch mit der zugrunde liegenden Motivation für diesen Schritt in UK zusammenhängen werde (innenpolitische Neuorientierung?, Neuwahlen? oder nur eine Verlängerung des "Pokerns" um Zugeständnisse?).

Einen Brexit nach dem aktuellen Vertragswerk oder bei gegebenenfalls leichten Modifizierungen sähen die Analysten der RBI mit einer Gesamtwahrscheinlichkeit von 28% (bzw. 40% von 70%). Etwa könnte die "Backstop"-Lösung ex-ante zeitlich befristet (z.B. fünf bis zehn Jahre) und/oder noch leicht modifiziert werden, wenn dafür hinreichende Kompensation in der politischen Absichtserklärung geboten werde. Allerdings könne die EU hier auch nicht zu weit entgegenkommen. Denn die Komplexität der Brexit-Verhandlungen habe gezeigt, dass auch das Aushandeln eines umfassenden Freihandelsabkommens sicher nicht einfach werde und wohl kaum zeitnah vollzogen werden könne. Angesichts der aktuell verfahrenen Gesamtsituation würden die Analysten eher mit einer Einigung auf einen Aufschub rechnen, gegebenenfalls in letzter Sekunde. Zumal in Bezug auf den "Brexit-Poker" noch einige entscheidende Daten vor uns liegen, so die Analysten der RBI:

- 26./27. Februar: Theresa May wolle Parlament über den "Verhandlungsfortschritt" informieren, gegebenenfalls auch Parlamentsinitiativen möglich

- 13. März: Britische Parlamentarier möchten diese Debatte nutzen, um Regierung zu zwingen, über "harten" Brexit oder Verhandlungsverlängerung zu entscheiden

- 21./22. März: Regulärer EU-Gipfel, auch "Make-or-Break-Gipfel" genannt

- 23./24. März: Am Wochenende nach EU-Gipfel seien intensivierte Einigungsbestrebungen möglich

- 29. März (Freitag): Regulärer EU-Austrittstermin für UK (23 Uhr GMT, 24 Uhr MEZ)

- 30./31. März (Wochenende): Sonderkrisengipfel?

Die Analysten der RBI sähen immer noch eine hohe Rationalität für beide Seiten einen "harten Brexit" zu vermeiden. Sie würden denken, solch ein Szenario würde gerade für UK erhebliche wirtschaftliche und vor allem politische Reputationsschäden bergen (inklusive wohl weiterer Ratingherabstufungen). Dies gelte nach Erachten der Analysten der RBI weniger für die EU, die angesichts ihres einheitlichen Auftritts im "Brexit-Poker" sogar eher an politischer Reputation gewonnen habe. Jedoch sollte angesichts der zunehmenden Konjunktursorgen in Europa der Appetit auf ein "hartes Brexit-Szenario" weiter abgenommen haben. Immerhin könnte die europäische Konjunktur, im Lichte ihrer aktuellen Verfassung, bei einem "harten Brexit" in eine kurze Rezession abrutschen.

Allerdings sähen die Analysten einen "harten Brexit" auch nicht (mehr) als komplettes Disaster-Szenario an. Einerseits sei eine hohe Bereitschaft zu erkennen, in so einem Szenario begrenzte Übergangsregelungen (etwa für drei bis neun Monate) zu schaffen, die helfen sollten, zu radikale Brüche in den Handels- und Wirtschafsbeziehungen innerhalb kürzester Zeit zu vermeiden.

Andererseits erachten wir gerade den Finanzsektor als relativ gut vorbereitet bzw. sehen wir hier auch eine hohe Bereitschaft von kompetenten Behörden mit Übergangsfristen zu arbeiten, so die Analysten der RBI. Insofern würden die Analysten nicht mehr ausschließen, dass es angesichts des Pokerns bis zum Schluss am 29. März um 23 Uhr mittlere Greenwich-Zeit (GMT) und 24 Uhr mitteleuropäischer Zeit (MEZ) zu einem an sich ungewollten "harten Brexit" komme. Dann müssten gegebenenfalls auf einem Not-Sondergipfel am Wochenende danach die Scherben zusammengekehrt werden (eben durch umfangreiche Übergangslösungen oder eine Übergangsmitgliedschaft in der EEA, die so genannte "Norwegen, dann Kanada-Strategie"). Damit ließe sich der "harte Brexit" zumindest in einen "weichen harten Brexit" umwandeln. (Ausgabe vom 19.02.2019) (20.02.2019/ac/a/m)







 
 
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