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Brexit: Alea iacta est?




16.10.20 09:20
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.aktiencheck.de) - "Alea iacta est" - Wörtlich übersetzt, heißt es "der Würfel ist geworfen worden", so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Landläufig werde diese lateinische Redewendung freier unter Missachtung des Numerus mit "Die Würfel sind gefallen" verwendet, wenn zum Ausdruck gebracht werden solle, dass eine Entscheidung unabwendbar getroffen worden sei. Der Ausspruch gehe wohl auf Julius Caesar zurück, bevor er den Rubikon überschritten habe. Der Konflikt mit Rom sei damit heraufbeschworen worden. Einzig der genaue Ausgang habe noch im Unklaren gelegen.

Dass Großbritannien die EU verlassen werde, stehe ebenso fest. Nur unter welchen Umständen man nach der Scheidung noch miteinander umgehen wolle, bleibe nach wie vor ungelöst. Den Wurf des Würfels symbolisiere dabei im Prinzip schon die Einreichung des Artikels 50 (EU-Vertrag) durch Theresa May zum 29. März 2019. Tatsächlich sei der Austritt dann erst zum 31. Januar 2020 offiziell ratifiziert worden.

Mithin würden die Würfel immer noch rollen. Ähnlich wie in einem Flipper komme es immer wieder zu Anstößen mit Richtungsänderungen. Gerade laufe die Kugel schnurstracks auf den nächsten "Bumper" zu, welcher von Premier Boris Johnson höchstpersönlich in Form seiner Frist zum 15. Oktober ins Spiel gesetzt worden sei. Allerdings habe dieses Ultimatum bereits einiges an Schrecken verloren, wenn man den Andeutungen beider Seiten glauben dürfe. Ursprünglich sollte zu diesem Zeitpunkt der komplette "Deal" stehen oder eben gar keiner. Jetzt sehe es aber so aus, dass die Gespräche weitergehen, solange das Vereinigte Königreich überhaupt noch daran glaube. Auf EU-Seite scheine sich Michel Barnier’s Wunsch, bis Ende des Monats einen Vertrag abzuschließen, in die Bereitschaft gewandelt zu haben, bis zur letzten Minute zu verhandeln.

Im Hintergrund komme nämlich ein wenig Bewegung in die starre Haltung hinein. So könne sich Britanniens Chefunterhändler David Frost in der Frage der Subventionskontrolle Regelungen vorstellen, die in vielem denen des EU-Vertrags ähneln würden. Ein starker Mechanismus zur Streitbeilegung bei Staatshilfen könne beiden Seiten zugutekommen, wie er betont habe. Auf der anderen Seite versuche EU-Chefunterhändler Michel Barnier wohl den Mitgliedstaaten eine gemäßigte Haltung in Fischereifragen abzuringen. Hier liege der Vorschlag einer dreijährigen Übergangszeit bei den Fangquoten auf dem Tisch. Dass die Fischerei solch ein bedeutender Streitpunkt geblieben sei, müsse angesichts der äußerst geringen gesamtwirtschaftlichen Bedeutung verwundern. Der Anteil liege in Großbritannien unter 0,1% vom Bruttosozialprodukt. Dies zeige einmal mehr, wie hochemotional es in der ganzen Brexit-Saga hergehe.

Der Markt gehe allem Anschein nach davon aus, dass es mit dem EU-Gipfel am Ende der Woche nicht zu einem abrupten Ende der Verhandlungen kommen werde. Seit Ende September habe das Britische Pfund jedenfalls einiges an Boden gut machen können, auch wenn die Äußerung des Irischen Außenministers Simon Coveney, er sehe in dieser Woche keinen Durchbruch, leichte Bremsspuren hinterlasse.

Eine andere, nicht weniger drängende Frage sei, ob sich Großbritannien die Abkopplung von der EU überhaupt leisten könne. Habe Festland-Europa schon mit starkem Gegenwind aus der Pandemie zu kämpfen, blase den Briten draußen auf dem Atlantik ein regelrechter Sturm entgegen. Von allen großen Industriestaaten habe das Vereinigte Königreich im zweiten Quartal mit knapp 20% den größten Wirtschaftseinbruch erlebt. Auch die Erholung im Zuge der Lockerungsmaßnahmen falle bis dato hinter den Erwartungen zurück.

Auf dieser schwächlichen Basis liege man jetzt bei den Corona-Patienten, die ins Krankenhaus eingewiesen werden müssten, schon wieder an Spitze des Feldes. Johnson’s Regierung habe gerade ein Ampelsystem aus neuen Restriktionen gestrickt, dass vor allem den Norden Englands lahm zulegen drohe. Die Arbeitslosigkeit ziehe zwar momentan nur moderat an, doch tiefer in den Herbst hinein drohe eine Beschleunigung. Die Regelung zum Kurzarbeitergeld (Furlough Scheme) laufe Ende Oktober aus und werde nur unzureichend verlängert werden.

Überhaupt müsse Finanzminister Rishi Sunak schon genau abwägen, was angesichts des riesigen Haushaltsdefizits noch möglich sei. Da räche sich die Vernachlässigung des Schuldenabbaus in den guten Jahren unter Blair und Brown, als man zeitweise Wachstumszahlen von 3% geschrieben habe, bitterlich. Getrieben von diesem düsteren Umfeld, verstärke die Bank von England ihre Überlegungen, ob nicht doch negative Zinsen eingeführt werden müssten. Zuletzt seien die britischen Banken ganz konkret gefragt worden, ob und wie sie damit umgehen könnten.

UK Premier Boris Johnson fechte das alles bis jetzt nicht spürbar an, weiter bis ins Letzte zu pokern. Im vorab durchsickernden Entwurf zum Kommuniqué werde die EU auf ihrem Gipfeltreffen ihrerseits wohl versuchen, noch einmal den Druck zu erhöhen. Es sei die Rede davon, dass die Fortschritte bei den Verhandlungen nicht ausreichen würden, um zu einem Handelsvertrag zu kommen. Wenn die Gespräche von britischer Seite nicht noch einmal intensiviert würden, müssten stärkere Vorbereitungen auf eine Trennung ohne Vertrag getroffen werden. Spätestens am 31. Dezember 2020 würden die Würfel ausgetrudelt sein, bis es dann wirklich heiße: Alea iacta est. (Ausgabe vom 15.10.2020) (16.10.2020/ac/a/m)






 
 
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