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Biotechnologie: Erfolgsrezepte jenseits von Covid-19




16.10.20 12:20
AnlegerPlus

München (www.aktiencheck.de) - Für Emmanuelle Charpentier und Jennifer A. Doudna ist die Auszeichnung mit dem Chemie-Nobelpreis 2020 die Krönung ihrer bisherigen Karriere, so Stefan Riedel von "AnlegerPlus News".

Die beiden Wissenschaftlerinnen hätten die CRISPR-Cas9-Technologie mitentwickelt. Dabei werde ein zellulärer Mechanismus für die Reparatur von defekten Genteilen in Gang gesetzt. Bestimmte Nukleasen - das seien Enzyme, die Nukleinsäuren im menschlichen Erbgut abbauen würden - würden nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip die defekten Stellen der Gene erkennen und als "Genschere" die Reparatur durchführen. Dieses Verfahren könnte die Therapie von genetisch bedingten Erkrankungen revolutionieren. Nobelpreisträgerin Charpentier mische auch bei der Entwicklung von Medikamenten auf Basis der CRISPR-Cas9-Technologie mit. Sie sei Mitgründerin und wissenschaftliche Beraterin von CRISPR Therapeutics (ISIN CH0334081137/ WKN A2AT0Z), einem in der Schweiz ansässigen und an der NASDAQ gelisteten Biotechunternehmen.

Die Gesellschaft forsche an neuen Arzneimitteln auf CRISPR-Basis. Das am weitesten fortgeschrittene Produkt in der klinischen Pipeline durchlaufe gerade die ersten Wirksamkeitsstudien gegen Beta-Thalassämie und Sichelzellanämie, zwei seltene Bluterkrankungen, bei denen deformierte beziehungsweise zu wenige rote Blutkörperchen gebildet würden. Der Aktienkurs von CRISPR habe als Reaktion auf die Nobelpreisverleihung um 10% zugelegt. In den letzten zwei Jahren sei der Titel unter großen Kursschwankungen um 150% nach oben geschnellt.

Von den jüngsten Fortschritten in der Genmedizin würden vor allem zwei Krankheitsfelder profitieren: die seltenen monogenetischen Erkrankungen und die Onkologie. Wegen des hohen medizinischen Bedarfs für neue Arzneien seien Forschung und Entwicklung hier nicht von der Coronakrise beeinträchtigt. Dagegen komme es in anderen Krankheitsfeldern wegen des Fokus auf Impfstoffe und Therapien gegen Covid-19 zu Verzögerungen in den Zulassungsverfahren oder bei der Rekrutierung von Patienten für klinische Studien. Unter den 40 Medikamenten, die von der US-Behörde FDA in diesem Jahr bislang zugelassen worden seien (Stand 08.10.2020), seien 14 Krebstherapien und drei Arzneien zur Behandlung von seltenen erblich bedingten Erkrankungen.

Weil die Tumorbildung häufig genetische Ursachen habe, würden nach Schätzungen der Fachzeitschrift "Journal of Gene Medicine" rund zwei Drittel aller Gentherapien in der Krebsmedizin klinisch getestet. Bis dato seien Gentherapien eine Domäne der Biotechfirmen. Dafür gebe es eine Vielzahl von Gründen. Vor allem bei den monogenetischen Krankheiten sei nur ein limitierter Patientenkreis von mehreren Tausend Personen betroffen. Dementsprechend überschaubar seien Kosten und Zeitraum für die klinische Entwicklung, zumal das regulatorische Umfeld die Entwicklung und Vermarktung solcher Nischenprodukte fördere. Bei den seltenen genetischen Erkrankungen würden die Fortschritte ein weites Feld eröffnen: Weltweit würden mehr als 7.000 solcher Krankheiten existieren, von denen häufig nur einige wenige Tausend Patienten betroffen seien.

Vereinfacht ausgedrückt würden Gentherapien fehlerhafte Erbinformationen korrigieren, indem funktionelle Informationen in das betroffene Genom eingebaut würden. Bestimmte Viren würden dabei als "Gentaxi" verwendet, weil sie die Fähigkeit besitzen würden, in menschliche Zellen einzudringen. Dieser Eingriff veranlasse die betroffenen Gene, in Zukunft die korrekten Eiweißmoleküle zu produzieren. Nach einem ähnlichen Mechanismus funktioniere auch die mRNA-Technologie, die Moderna (ISIN US60770K1079/ WKN A2N9D9) aus den USA sowie BioNTech (ISIN US09075V1026/ WKN A2PSR2) und CureVac (ISIN NL0015436031/ WKN A2P71U) aus Deutschland für die Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffs verwenden würden.

Während sich Covid-19-Impfstoffe aufgrund des politischen und gesellschaftlichen Drucks nur limitiert kommerzialisieren lassen würden, lägen die Preise für neue Krebsmedikamente und Therapien gegen Erbkrankheiten im sechsstelligen Bereich oder sogar darüber. Die Firmen würden dabei auf komplexe und zeitaufwendige Herstellungsverfahren sowie den Umstand verweisen, dass die Behandlungskosten für bis dato nicht therapierbare Patienten deutlich höher lägen. Gleichwohl sei die Diskussion um neue Modelle für die Kostenerstattung entbrannt. Bei Enzymersatztherapien, die eine dauerhafte vollständige Heilung bewirken würden, sollten die Behandlungskosten künftig erst bei einem mehrjährigen dauerhaften Heilungserfolg ganz erstattet werden.

Aus Anlegersicht würden Medikamente in der Krebsmedizin und gegen Erbkrankheiten in den nächsten Jahren das größte Renditepotenzial versprechen. Entsprechend fokussierte Biotechaktien würden eine spekulative Depotbeimischung bleiben, denn der Kurshebel nach oben sei im Erfolgsfall ebenso groß wie das Rückschlagrisiko bei einem Scheitern. Das gelte vor allem für noch nicht profitable Firmen ohne marktreife Produkte. CRISPR Therapeutics habe im ersten Halbjahr 2020 einen Nettoverlust von 149,4 Mio. US-Dollar bei Umsätzen von gerade einmal 201.000 US-Dollar erzielt. Schaffe ein klinischer Kandidat die Marktzulassung, habe die Aktie aber das Potenzial, ihren Börsenwert zu vervielfachen.

Alnylam Pharma (ISIN US02043Q1076/ WKN A0CBCK) habe dagegen mit Onpattro, Patisiran und Givlaari die ersten Produkte gegen seltene Erbkrankheiten bereits auf dem Markt, die sogar in Eigenregie vermarktet würden. Analystenschätzungen würden erwarten, dass sich der Umsatz von 220 Mio. US-Dollar im Jahr 2019 innerhalb der nächsten zwei Jahre fast vervierfachen werde.

Wie die beiden Gesellschaften zuvor schreibe die gerade von Seattle Genetics umbenannte US-Gesellschaft Seagen (ISIN US81181C1045/ WKN A2QFAQ) ebenfalls noch Verluste. Die Biotechfirma habe drei Krebsmittel in der zulassungsrelevanten klinischen Endphase. Der Aktienkurs habe seit September um 30% zugelegt, getrieben von der Ankündigung einer umfassenden Forschungskooperation mit Merck & Co. Der Deal sehe vor, dass der als Verstärkung für Chemotherapie verwendete Anti-körper (ADC) Ladiratuzumab Vedotin gemeinsam weiterentwickelt werde - als Monotherapie oder in Kombination mit Keytruda, dem Milliardenprodukt von Merck, in metastasierendem Brustkrebs und anderen Tumoren.

BioNTech stehe wegen der erhofften Zulassung eines Covid-19-Impfstoffs aktuell im öffentlichen Blickfeld. Letztendlich wäre ein Durchbruch beim Impfstoff der Katalysator, um die Anwendung der mRNA-Technologie auch in anderen Indikationen zu beschleunigen. Die Entwicklungspipeline von BioNTech umfasse immerhin elf klinische Kandidaten in der Krebsmedizin.

Alexion Pharma (ISIN US0153511094/ WKN 899527) zähle wiederum zu den Biotechs, die schon Milliardenerlöse erzielen und schwarze Zahlen schreiben würden. Soliris, ein Heilmittel gegen zwei Bluterkrankungen, stehe für rund zwei Drittel des Konzernumsatzes. Die Enzymersatztherapien Strensiq und Kanum würden jedoch Marktanteile gewinnen. Auf einem Investorentag habe das nahezu schuldenfreie Unternehmen angekündigt, die Umsatz- und Gewinnprognosen für 2020 anzuheben. Bis 2025 wolle Alexion fünf neue Produkte auf den Markt bringen und den Umsatz auf 10 Mrd. US-Dollar verdoppeln.

Mit der Aktie der Biotechnologie-Beteiligungsgesellschaft BB Biotech (ISIN CH0038389992/ WKN A0NFN3) lasse sich das Anlagerisiko auf insgesamt 35 Beteiligungen streuen. Rund 37% des Portfolios würden Unternehmen abbilden, die Therapien gegen seltene Erkrankungen entwickeln würden, weitere 30% seien in Biotechs mit dem Schwerpunkt Krebstherapien investiert. Ein Pluspunkt gegenüber vielen Biotechfonds sei, dass BB Biotech eine Dividende ausschütte. (Ausgabe 10/2020) (16.10.2020/ac/a/m)






 
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