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Kolumnist: Klaus Stopp

Baader Bond Markets: "Egal wie’s ausgeht - die Briten verlieren"




04.02.18 10:16
Klaus Stopp


Klaus Stopp blickt umfassend auf die Woche im Rentenmarkt zurück. 2. Februar 2018. MÜNCHEN (Baader Bank). Peinlich, verdammt peinlich für die britische Regierung ist das, was da eine an die Öffentlichkeit gelangte Analyse über die Folgen des Brexits für die Wirtschaft enthüllt. Wie der regierungseigene Report zeigt, ist Großbritannien nämlich immer der Verlierer, egal wie der Deal mit der Europäischen Union aussehen wird. Nach allen drei der wahrscheinlichsten Szenarien wird das Wachstum der britischen Wirtschaft zurückgehen, nahezu alle Wirtschaftsbereiche werden leiden. Im schlimmsten Fall wird es über die kommenden 15 Jahre zu einem konjunkturellen Absturz um 8 Prozent kommen. Das Papier mit dem Namen "EU Exit Analysis - Cross Whitehall Briefing" war durch die Nachrichtenseite Buzzfeed unter Berufung auf einen Entwurf des Dokuments ans Licht gekommen. 

Selbst ein Verbleib im Europäischen Binnenmarkt als sanfteste Lösung würde nach der Regierungsanalyse lediglich den Schaden begrenzen und für ein Minus beim Wirtschaftswachstum von 2 Prozent sorgen. Nach offizieller Lesart aber leugnet die Regierung in London diese Effekte und behauptet immer noch, dass der Brexit dem Land erhebliche Chancen eröffne. Noch Ende 2017 hatte der Brexit-Minister David Davis vor dem Brexit-Ausschuss des Parlaments bestritten, dass eine solche Analyse überhaupt existiere. Prompt stellte nun der Labour-Abgeordnete und Vorsitzende des Brexit-Ausschusses, Hilary Benn, Davis Fähigkeiten als Brexit-Chefunterhändler infrage. Nicola Sturgeon, Regierungschefin von Schottland, das bei dem Brexit-Referendum für einen Verbleib in der EU gestimmt hatte, bezeichnete die Enthüllung als "Wendepunkt in den Brexit-Verhandlungen". 

Durch das Bekanntwerden der Regierungsanalyse hat sich der Druck auf Premierministerin Theresa May weiter erhöht, steht sie doch ohnehin im Spannungsfeld zwischen den Brexiteers und den europafreundlichen Kräften in ihrer Tory-Partei. Forderungen nach ihrem Rücktritt wies May jedoch zurück. Eine Veröffentlichung der Analyse lehnt die Regierung ab. Es handle sich schließlich nur um einen Entwurf und außerdem sei keines der durchgespielten Szenarien von der Regierung erwünscht. Diese Aussage ist ja noch nachvollziehbar. Aber es drängt sich der Eindruck auf, dass wenn' s einem nicht passt, solche Ergebnisse einfach unterdrückt werden! Man könnte es auch folgendermaßen formulieren: "Es kann nicht sein, was nicht sein darf." Das Bild, das die britische Regierung in Sachen Brexit abgibt, wird jedenfalls immer absurder. 

Vertrauensschub durch Macron

Der positive Effekt, der von der Wahl Emmanuel Macrons ausging, schlägt sich nun auch auf die Konjunktur nieder. So hat die französische Wirtschaft im Jahr 2017 einen deutlichen Schub erhalten und die höchste Wachstumsrate seit 2011 verbucht. In einer ersten Einschätzung meldete die nationale Statistikbehörde ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1,9 Prozent. Der Wachstumskurs der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone erweist sich damit als robust. Für das letzte Quartal 2017 wurde sogar ein Wachstum von 2,4 Prozent registriert. Mit dieser Beschleunigung geht für Frankreich ein halbes Jahrzehnt mit trägem Wachstum, das die Arbeitslosigkeit in der Nähe von 10 Prozent gehalten hat, zu Ende.


"Frankreichs Wirtschaft gewinnt an Stärke." 
 

Neben der steigenden globalen Nachfrage und der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) trug der Vertrauensvorschuss für Macron und seine Partei "En Marche" zu dieser positiven Entwicklung bei. Unternehmen und Investoren hatten die Maßnahmen des Präsidenten begrüßt, die er zum Abbau von Bürokratie und Steuern eingeleitet hat und auch die Gewerkschaften konnten überzeugt werden. Aber auch der private Konsum zeigt sich in Frankreich sehr robust. Unterm Strich deutet die Entwicklung an, dass es mit einem vielleicht radikalen, aber doch pragmatischen und durchdachten Änderungsansatz, wie ihn Macron vorantreibt, gelingen kann, verkrustete Strukturen aufzuweichen und für neuen Schwung zu sorgen.


"Macron, macht vor, wie man Verkrustungen aufbrechen kann" 
 

Man mag sich mit Blick auf die kommende Regierung in Deutschland eine ähnliche Frischzellenkur wünschen. Bisher verleitet der Verlauf der Koalitionsverhandlungen für eine Neuauflage der Großen Koalition in Berlin aber nicht gerade zu Optimismus. 

Auch die spanische Wirtschaft befindet sich auf Wachstumskurs. 2017 lag das Wirtschaftswachstum bei 3,1 Prozent. Allerdings schwächte sich die Dynamik im vierten Quartal des vergangenen Jahres auf 0,7 Prozent ab und für die kommenden Quartale wird ein noch langsameres Wachstum erwartet. Der Rückgang der wirtschaftlichen Leistung ist allerdings nicht die Folge der Katalonien-Krise, die sich bisher kaum auf die Gesamtwirtschaft auswirkte.


"Spaniens Dynamik schwächt sich ab" 
weiter   EZB hält sich eine Hintertür weit offen

In dieser Woche war es der niederländische Notenbankchef, der als Vertreter eines "Nordlandes" in der EU Kritik an EZB-Präsident Mario Draghi geübt hat. Die Geldschwemme der Zentralbank müsse "so schnell wie möglich" beendet werden, forderte Klaas Knot. Seit Januar hat die EZB ihre Anleihekäufe auf 30 Milliarden Euro pro Monat halbiert und reinvestiert zusätzlich durchschnittlich 10 Milliarden Euro infolge von Fälligkeiten. Ihr Ziel, die Inflation auf 2 Prozent zu heben, wurde aber immer noch nicht ganz erreicht. Und genau daran scheint es in den Augen der EZB zu haken. Denn umgehend nach Knots Statement folgte die Replik durch den EZB-Chefvolkswirt Peter Praet, der dem Ruf nach einem raschen Ende der Anleihekäufe eine Absage erteilt hat. Das Ende der expansiven Geldpolitik ist damit weiter offen. 

Die EZB wird nach Einschätzung von Praet das Programm erst stoppen, wenn sie noch stärker von einem Anziehen der Inflation überzeugt ist. Erst dann sei eine Normalisierung der Geldpolitik möglich. Daher brauche man weiterhin Geduld und Beharrlichkeit in der Steuerung der Geldpolitik, so Praet. Damit bereitet die EZB die Märkte auf die Möglichkeit vor, dass die Anleihekäufe auch noch über den avisierten September 2018 hinaus fortgesetzt werden könnten. Denn bisher wurde auch noch kein konkretes Enddatum genannt. Mit den Äußerungen von Praet hat die Notenbank die Hintertür, über die sie das expansive Programm fortsetzen kann, nochmals weit aufgestoßen.


"Niederländischer Zentralbankchef Knot fordert rasches Ende der Geldschwemme" 
 

Dazu passt auch Draghis Aussage, man habe noch nicht gewonnen - einen Satz, den er vergangene Woche auf der Sitzung des Rates der EZB geäußert hatte. Ob er damit den Kurs des Euro drücken wollte, ist nicht sicher. Fest steht, dass die Gemeinschaftswährung nochmals zugelegt hat. Aber dafür hat wohl auch die Aussage von US-Finanzminister Steven Mnuchin gesorgt, der in Davos sagte, dass ein schwacher Dollar gut für die USA sei. Das Wort der US-Amerikaner hat an den Devisenmärkten dann doch noch mehr Gewicht als das der Europäer.


"Draghi: Wir haben noch nicht gewonnen" 
  Goodbye Janet - Welcome Jerome

Ungeachtet der unzähligen, weltweiten Diskussionen über "Frauenpower" im Berufsleben wird ab heute die mächtigste Zentralbank der Welt, die US-amerikanische Notenbank (Fed), wieder von einem Mann geführt. Aber ändern wird sich dadurch - bis auf diese Personalie - eigentlich nichts. Jerome Powell, der am 5. Februar seinen Amtseid ablegen wird, war schon seit Jahren direkt in die Entscheidungen zur Geldpolitik eingebunden und hat die von Janet Yellen, die auch als "weiße Taube" bezeichnet wurde, vorgegebenen Beschlüsse stets mitgetragen. Somit stellt sich in diesen politisch unsicheren Zeiten lediglich die Frage nach der Anzahl der Zinserhöhungen, welche die Marktteilnehmer in diesem Jahr noch erwarten können. Denn bei der gestrigen Verlautbarung wurde deutlich, dass angesichts des wirtschaftlichen Aufschwungs bereits bei der nächsten Sitzung im März dies der Fall sein könnte. Auch das Streichen der Formulierung zur Entwicklung der Inflation wird als Indiz hierfür gewertet. 

Die bisherige Fed-Präsidentin war zwar keine begeisterte Anhängerin des neuen politischen Stils in den USA und musste von Zeit zu Zeit auch Kritik über sich ergehen lassen. Aber ungeachtet mancher Schmähungen durch D.T., den Unberechenbaren, stand sie für eine verlässliche Geldpolitik. Diese Tatsache allein war insbesondere in Zeiten politischer Wankelmütigkeit kein zu unterschätzendes Gut und wird es unter diesem US-Präsidenten auch in Zukunft bleiben müssen. Somit findet der Verantwortungswechsel auf einem konjunkturell fast perfekt aufbereiteten Untergrund statt. Jedoch bedeutet das nicht, dass sich Jerome Powell einfach nur zurücklehnen kann.


"Politisch fehlende Verlässlichkeit braucht Konstanz" 
 

Denn alleine schon die Rede Donald Trumps "Zur Lage der Nation" und die darin angedeuteten Projekte sowie die wieder anstehenden Verhandlungen zur Vermeidung des "Government Shutdown" am 8. Februar verlangen vom ersten Tag an volle Konzentration und die Bereitschaft, das bisher Erreichte zu verteidigen. Der Fed-Chef von Dallas, Robert S. Kaplan, sieht es hierbei als eine besondere Herausforderung für sich und seine Board-Kollegen an, die künftige Überhitzung des US-Arbeitsmarktes zu steuern - und zwar in Kombination mit einer Inflation unter der Zielmarke von 2 Prozent. Nach seinen Worten ist die Erfolgsbilanz der Fed für Perioden, in denen sie aufholen musste, nicht besonders gut. Diese Selbsterkenntnis sollte allerdings Anlass zur Zuversicht sein. Denn somit scheint man sich der Tatsache bewusst zu sein, nicht zu lange warten bzw. in einen Überaktionismus verfallen zu dürfen.


"Leider sind die Erfolge der Fed in solchen Situationen eher bescheiden" 
  2. Februar 2018, © Baader Bank AG

Über den Autor


Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds der Baader Bank.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von boerse-frankfurt.de. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.




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