Kolumnist: Redaktion boerse-frankfurt.de

Anleihen: Virusvariante infiziert Börsen




29.11.21 08:22
Redaktion boerse-frankfurt.de

Black Friday für den Aktienmarkt – und am Anleihenmarkt für alles, was als etwas riskanter gilt. Denn neue Corona-Ängste lassen Anleger in „sichere Häfen“ umschichten, etwa Bundesanleihen. Unbeliebt dagegen: Mittelstands- und Hybridanleihen.



26. November 2021. Frankfurt (Börse Frankfurt). Die in Südafrika aufgetauchte neue Corona-Virusvariante setzt die Märkte am heutigen Freitag in Angst und Schrecken. Sicheres ist wieder gesucht, Aktien verlieren deutlich. Auch der Ölpreis gibt kräftig nach, der Goldpreis steigt. Die EU hat bereits bekannt gegeben, dass Reisen aus Südafrika per Notbremse eingeschränkt werden sollen; die Weltgesundheitsorganisation WHO trifft heute zu einer Krisensitzung zusammen. „Corona hat zuletzt keine Rolle mehr gespielt, über Nacht ist das jetzt anders geworden“, berichtet Arthur Brunner von der ICF Bank. Verschärft werde die Lage noch durch den gestrigen Thanksgiving-Feiertag in den USA, den viele Amerikaner für ein langes Wochenende nutzen. „Die Käufer sitzen zuhause, ein hohes Angebot trifft auf wenig Nachfrage.“


Flucht in sichere Staatsanleihen


Bundesanleihen als sichere Häfen sind wieder gefragt: Der Euro-Bund-Future steigt heute morgen auf 171,91 Punkte. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fällt deutlich auf minus 0,32 Prozent, gestern waren es noch minus 0,25 Prozent. Auch die US-Treasury-Rendite gibt heute morgen stark nach: Zehnjährige Anleihen rentieren aktuell bei 1,54 Prozent, am Mittwoch waren es 1,68 Prozent.


Die Renditeaufschläge für südeuropäische Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen sind im Zuge der Risikoaversion gestiegen. „Der Spread italienischer Staatsanleihen ist von 120 auf 130 Basispunkte geklettert“, erklärt Brunner.


KMU-Anleihen abgestraft


„Die Reisebranche wird zerlegt“, berichtet Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank mit Blick auf die Aktien von Lufthansa und TUI. „Die Anleihenhalter sind allerdings besonnener.“ Lufthansa-Anleihen verzeichnen nur kleine Verluste. Deutlich nach unten geht es laut Daniel aber für die Anleihe der Agri Resources Group (DE000A287088), ein vor allem in Afrika tätiger internationaler Spezialist für den nachhaltigen Anbau und die Verarbeitung von Agrarprodukten. „Der Kurs fiel von 97,20 auf im Tief 73 Prozent“, berichtet der Händler. Aktuell sind es wieder 86 Prozent.


„Die Reisebranche wird zerlegt“


Wie Brunner feststellt, schlägt sich die Lage vor allem auf Mittelstandsanleihen nieder. „Da wird viel Vertrauen zerstört.“ Betroffen seien aber auch Hybridanleihen großer Unternehmen, wie etwa VW. „Einzelne Namen kann man nicht nennen, das betrifft alle.“


Nachgefragt war diese Woche Brunner zufolge die Anleihe von Aurelius Equity Opportunities (NO0010861487), der Münchener Beteiligungsgesellschaft. „Die hält sich auch heute noch gut.“ Verkäufe hat der Händler hingegen für die Anleihe des Wiener Baukonzerns Porr (XS2113662063) beobachtet.


Geldpolitische Straffung jetzt unwahrscheinlicher?


„Solange man über Ansteckungsraten und Impfschutz nichts weiß, bleibt die Unsicherheit hoch und abzuwarten, inwieweit der stabile Fundamentalausblick Schaden nimmt“, kommentiert Robert Halver von der Baader Bank. Allerdings mindere eine Konjunkturabschwächung auch die Notwendigkeit für zügige geldpolitische Einschränkungen. Zuvor hatte sich nämlich die Befürchtung durchgesetzt, dass die US-Notenbank ihre Geldpolitik schneller straffen könnte als bislang angenommen.


Halver

Halver


Die Entscheidung von US-Präsident Biden, Jerome Powells Vertrag als Notenbankchef zu verlängern, wurde unterdessen als Bekräftigung des Prinzips einer unabhängigen Notenbank gewertet. „Mit einer Nominierung der von linken Demokraten favorisierten Gegenkandidatin Lael Brainard für die Fed-Spitze hätte sich der US-Präsident angreifbarer gemacht“, bemerkte Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner. Die Republikaner hätten Biden vorwerfen können, die Inflation anzuheizen.


von: Anna-Maria Borse, 26. November 2021, © Deutsche Börse




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