Kolumnist: Redaktion boerse-frankfurt.de

Anleihen: Massive Rezessionssorgen drücken




24.06.22 16:02
Redaktion boerse-frankfurt.de

Anhaltende Konjunkturängste, eine drohende Erdgaskrise und eine mögliche neue EU-Schuldenkrise belasten. Anleger*innen  flüchten in sicherere Häfen.



24. Juni 2022 Frankfurt (Börse Frankfurt). An den Anleihemärkten wächst die Angst vor einer Rezession seit Wochenmitte massiv. Am Mittwoch hatte der Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, die Stärke der US-Wirtschaft zwar unterstrichen, eine Rezession für die größte Volkswirtschaft der Welt jedoch nicht ausgeschlossen.


„Dass vor allem die US-Fed womöglich bereit ist den globalen Konjunkturmotor abzuwürgen, um die Inflation in den Griff zu bekommen, nährt die Sorge vor einem wirtschaftlichen Abschwung", kommentiert Tim Oechsner von Steubing. Die Stimmung an den Anleihemärkten trübt sich nun weiter ein. „Die Volatilität bleibt hoch, Anleger flüchten in Qualität.“ So seien Bundesanleihen gesucht, während italienische Staatspapiere verkauft würden.


Zur Beruhigung der Lage habe die Ankündigung der EZB-Maßnahmen gegen Fragmentierung beigetragen ergänzte Oechsner. Das habe verhindert, dass Kurse italienischer Staatsanleihen weiter fallen und damit ihre Renditen. Um den Rendite-Zuwächsen der Peripherie-Staaten Europas entgegenzuwirken, will die EZB Geld aus dem Pandemie-Notprogramm PEPP einsetzen, um vorrangig italienische Staatsanleihen zu kaufen.


Gas-Sorgen schüren Angst


„Zusätzlich ist mit dem Ausrufen der zweiten Eskalationsstufe im Notfallplan Gas in Deutschland die Angst regelrecht an die Märkte zurückgekehrt“, beschreibt Arthur Brunner von der ICF Bank die Anleger*innen-Stimmung. Sichere Häfen seien gesucht. „In der Folge haben wir Kursanstiege im Bund-Future gesehen, die wir in der Höhe in so kurzer Zeit nur aus Krisenzeiten kennen.“ So sei der Kurs des Bund-Future innerhalb von drei Tagen von 143 auf knapp 149 Punkte gestiegen. Die zehnjährige Bundrendite sank indessen von 1,75 auf 1,37 Prozent. Das ist deutlich unter dem Achtjahreshoch der vergangenen Woche von 1,92 Prozent.


„Das sich mit einem möglichen Gas-Stopp Russlands immer weiter aufbauende Risiko einer Rezession könnte, so zumindest die Einschätzung des Marktes, die EZB dazu veranlassen, die noch vor kurzem eingeläutete Zinswende schneller als gedacht wieder abbrechen zu lassen“, schätzt David Kepper von der Commerzbank ein.


Arthur Brunner

Brunner


„Anleger sehen kein Licht am Horizont“, erklärt Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank. Selbst bereits überwunden geglaubte Probleme wie die Verschuldung Italiens und dessen Zahlungsfähigkeit stünden den Marktteilnehmer*innen wieder vor Augen.


ifo-Index gesunken – konjunkturelle Perspektiven trüber


Mit der Veröffentlichung eines rückläufigen ifo-Geschäftsklimas unterhalb der Konsens-Schätzungen sank der Bund Future vor dem Wochenende auf 148,50 Punkte. Der Index sank von 93,0 auf 92,3 Punkte, während die Schätzungen von 92,9 Punkten ausgegangen waren. Der Index der Geschäftserwartungen sank von 86,9 auf 85,8 Punkte, Konsens war 87,4. Die Lage-Beurteilung sank von 99,6 auf 99,3. Prognostiziert war ein Rückgang auf 99, Punkte.


„Die konjunkturellen Perspektiven der deutschen Wirtschaft trüben sich ein“, kommentiert Ulrich Wortberg von der Helaba. Unternehmen hätten mit hohen Rohstoffpreisen, Lieferengpässen, geopolitischer Verunsicherung und steigenden Zinsen zu kämpfen. Insofern zeichne sich eine Abkühlung der konjunkturellen Dynamik ab. „Dennoch sollten die von der EZB avisierten Zinserhöhungen nicht in Frage gestellt werden“, avisiert Wortberg. Bei den längerfristigen Zinserwartungen könne es aber eine Korrektur geben, die bereits nach den enttäuschenden Einkaufsmanagerindizes eingesetzt habe.


Der von S&P Global erhobene Einkaufsmanagerindex (Composite) für den Euroraum war von 54,8 Punkten im Mai auf 51,9 Punkte im Juni gefallen und hatte damit den niedrigsten Stand seit 16 Monaten erreicht. Steigende Lebenshaltungskosten, eine Verschlechterung der Finanzmarktbedingungen sowie Sorgen über Lieferengpässe infolge des Ukraine-Krieges hatten dazu beigetragen. „Besonders besorgniserregend ist, dass der Umfrage zufolge im Euroraum der Auftragseingang für Güter und Dienstleistungen im Juni stagniert“, kommentiert Oechsner.


Angesichts der Stimmung sei es keine Überraschung, dass vor allem in sicherere Staatspapiere investiert werde und die Umsätze mit Unternehmenstiteln, vor allem Mittelstandanleihen, niedrig seien, erklärt Brunner. Das bestätigt Oechsner: So würden Ukraine-Anleihen wie ein Papier mit Laufzeit September 2022 und einem Kupon von 7,75 Prozent (XS1303921214) nachgefragt. „Hier gibt es immer wieder Käufe, die Anleihe steigt nahezu stetig“, erklärt Oechsner.


Oechsner


Kaum Risikfreude für neue Anleihen


Bei Neuemission zeichne sich laut Brunner eine geringere Risikobereitschaft ab. So müsse selbst Volkswagen für zwei neue Anleihen mit Laufzeit 2025 und 2027 bereits 3,125 bzw. 3,75 Prozent Kupon bieten. „Die Kupons sind im Vergleich zu früheren Emissionen hoch“, urteilt Brunner.


Daniel berichtet von Verkäufen einer Lufthansa-Anleihe (XS1271836600) mit Laufzeit bis 2075 und einem Kupon von 4,382 Prozent. „Der Kupon ist ausgesetzt, der Handel erfolgt ohne Stückzinsberechnung.“ Auf Grund von Personalmangel hat die Lufthansa 2.200 weitere Flugstreichungen angekündigt. „Zur Hauptreisezeit nimmt sich das Unternehmen damit die Möglichkeit, Geld zu verdienen“, kommentiert Daniel. Käufe registriert er bei Schaeffler-Papieren (DE000A2YB7B5) mit Laufzeit 2027 und einem Kupon von 2,875 Prozent.


Indessen erregt der Immobilienkonzern Adler Group neue Aufmerksamkeit: Die Finanzaufsicht BaFin weitet ihre Bilanzprüfungen aus. Indessen hat die EZB den Verkauf einer Adler-Anleihe bestätigt. Sie erfülle nicht mehr die Zulassungskriterien des Sicherheitsrahmens des Euro-Systems und sei damit nicht mehr CSPP-fähig. „Es ist ein Novum, dass die EZB eine Anleihe mit Verlust verkauft, das hat es bisher noch nicht gegeben“, erklärt Brunner. Die Kurse der Adler-Anleihen (XS1713464441) (XS1713464524) (XS2248826294) geben nach.


von: Antje Erhard, 24. Juni 2022, © Deutsche Börse AG




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