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Amerika am Scheideweg




30.10.20 16:15
Lazard Asset Management

Delaware (www.aktiencheck.de) - Eine Reihe von Experten bei Lazard Asset Management teilen ihre Sichtweisen zu den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen, heißt es in einem aktuellen Kommentar von Lazard Asset Management.

Dabei würden sie auch auf die Auswirkungen auf die Kapitalanlage nach der Wahl in Bezug auf fiskalpolitische Anreize, Steuerpolitik, Handelsbeziehungen und viele andere Bereiche eingehen, die alle davon abhängen würden, wer am 3. November die Wahl gewinne.

Die Bedeutung des Wahlergebnisses

Ron Temple, Head of US Equities und Co-Head von Multi-Asset: "Die Einschätzung der kurzfristigen Reaktion auf jede Wahl ist sehr schwierig und letztlich nicht so wichtig. Was wirklich zählt, ist, wie die längerfristigen Aussichten für Unternehmen sind, Gewinne zu erzielen? Das wichtigste Szenario, das es zu berücksichtigen gilt, ist die Möglichkeit einer "blue wave", bei der die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus, dem Senat und dem Weißen Haus gewinnen.

Ich glaube, dass eine "blue wave" der Beginn einer großen strukturellen Verschiebung der Märkte sein könnte. Wenn die Demokraten Investitionen in Infrastruktur und Klimaziele in Höhe von 2 bis 3 Billionen US-Dollar frühzeitig Priorität einräumen würden, könnten wir einen fiskalischen Impuls erleben, der bespiellos für die Ära nach dem Zweiten Weltkrieg wäre. In diesem Szenario dürften die Wachstums- und Inflationserwartungen steigen und zu einer steileren US-Zinskurve führen. Wenn sich das Wachstum beschleunigt, wird sich die Erholung auf weitere Wirtschaftssektoren ausdehnen und den Anlegern eine größere Auswahl an Aktien bieten, die Erträge und Gewinne steigern können. Gleichzeitig implizieren höhere langfristige Zinsen höhere Diskontsätze auf künftige Cashflows, was die Bewertung von Unternehmen, deren Aktien von langfristig erwarteten Cashflows angetrieben werden, im Vergleich zu Unternehmen mit kurzfristigen Cashflows drücken könnte. Dies könnte zu einer größeren Rotation von Growth-Titeln, die in der Zukunft möglicherweise hohe Erträge erwirtschaften, in Aktien von Unternehmen führen, die bereits hohe Erträge erwirtschaften. Dieses Szenario ist jedoch keine beschlossene Sache."

Schwellenländer

Arif Joshi, Portfolio Manager/Analyst im Emerging Markets Debt-Team: "Ich bin der Meinung, dass die unmittelbare Reaktion auf einen Sieg von Donald Trump in der Tat positiv für die US-amerikanischen Aktienbewertungen ist, begünstigt von der Erwartung eines höheren Wachstums aufgrund der fortgesetzten Deregulierung, einer Fortsetzung der Steuersenkungen und zusätzlicher fiskalpolitischer Anreize. Bei einem Biden-Sieg ist es genau das Gegenteil. Ich dem Fall würde ich erwarten, dass die US-Aktien aufgrund von absehbar höheren Steuern, stärkerer Regulierung und geringeren Erträgen von Unternehmen nachgeben würden. Aber das ist nur die unmittelbare Reaktion. Sowohl unter Trump als auch unter Biden erwarten wir, dass das US-Wachstum im nächsten Jahr deutlich zunehmen wird, irgendwo zwischen 4 und 5 Prozent, angeführt von monetären und fiskalischen Stimuli. Folglich gehen wir ebenfalls davon aus, dass die US-Risikoaktiva in den nächsten 3 bis 6 Monaten entweder unter einer Biden- oder einer Trump-Administration steigen werden.

Bei Schwellenländerinvestments ist die Situation gespaltener. Man kann grundsätzlich sagen, dass eine Biden-Administration gut für die Emerging Markets wäre und eine Trump-Administration schlecht.

Es ist wichtig zu beachten, dass Biden nicht Bernie Sanders oder Alexandria Ocasio-Cortez ist. Dies ist nicht die extreme Linke gegen die extreme Rechte; dies ist der moderateste Demokrat gegen einen rechtsgerichteten Präsidenten. Die Märkte wissen, dass sowohl die Wettanbieterquoten als auch quantitative Modelle eine signifikante Wahrscheinlichkeit für einen Sieg Bidens sprechen, und dennoch fällt der S&P nicht. Die 10-Jahres-Prognose steigt nicht in die Höhe. Damit will der Markt sagen, dass er im Allgemeinen mit beiden Seiten zufrieden ist."

Unterschiede

Yvette Klevan, Portfoliomanagerin/Analystin im Global Fixed Income-Team: "Ich bin sehr gespannt auf das Potenzial einiger der vorgeschlagenen Infrastrukturinvestitionen, insbesondere auf einige der von den Demokraten geförderten grünen Infrastrukturprogramme. Da so viel Geld ausgegeben wird und die Zinssätze gleich Null sind, gab es nie einen besseren Zeitpunkt, um die Entwicklung kostengünstiger erneuerbarer Energiekapazitäten voranzutreiben und Umweltprobleme auf andere Weise anzugehen, z.B. durch energieeffizientere Gebäude. Mit all den Kündigungen und Entlassungen, die das Land erlebt hat, ist es eine riesige Chance, neue Beschäftigungszweige aufzubauen, eine neue einheimische Industrie zu formen, die sich auf erneuerbare Energien konzentriert, viele Menschen umzuschulen und Arbeitsplätze in die USA zurückzubringen."

John Senesac, Portfoliomanager/Analyst im US Fixed Income-Team: "Ich denke, es gibt zwei Schlüsselbereiche innerhalb der öffentlichen Finanzen, auf die man sich konzentrieren sollte: Infrastruktur und Gesundheitswesen. Wir hinken mehr als ein Jahrzehnt bei der Finanzierung der Infrastruktur hinterher, und das ist etwas, das auf die eine oder andere Weise angegangen werden muss. Ich glaube, dass die Infrastrukturausgaben in diesem Szenario von Umweltbelangen geleitet und daher von Nachhaltigkeit geprägt sein werden. Das Gesundheitswesen ist der zweite Bereich, der angegangen werden sollte und obwohl es schwierig ist, Vorhersagen zu treffen, könnte man argumentieren, dass eine demokratische Führung bestimmten Krankenhäusern an der Peripherie helfen könnte."

China

Nick Bratt, Portfolio Manager/Analyst im Global Thematic Equity-Team: "Meiner Meinung nach ist Chinas Stellung in der Welt die wichtigste existenzielle Frage, vor der die Entwicklungsländer in den nächsten 50 Jahren stehen. Zudem glaube ich, dass wir uns bereits in einem neuen Kalten Krieg befinden. Einer der wenigen Bereiche, in denen zwischen den beiden Parteien Übereinkunft herrscht, ist die Bedrohung, die China für die liberaldemokratische Welt darstellt, nicht nur für die USA, sondern auch für Japan, Indien, Australien und andere kapitalistische liberale Demokratien.

Ich habe den Eindruck, dass eine Biden-Regierung versuchen wird, friedliche Vereinbarungen auszuhandeln. Das bedeutet einerseits Verträge mit anderen Nationen zu schließen und andererseits zu erkennen, wo wir einen vernünftigen Modus operandi zur Lösung von Streitigkeiten ausarbeiten können. Wenn Trump wiedergewählt werden sollte, werden wir eine Fortsetzung seiner aggressiven Vorgehensweise haben."

Multilaterales Engagement

Ron Temple: "Unter Biden würden sich die USA wahrscheinlich wieder mit Verbündeten zusammenschließen, um sich stärker an multilateralen Institutionen wie der NATO, dem Pariser Klimaabkommen, der Weltgesundheitsorganisation und der Welthandelsorganisation zu beteiligen. Die Frage des multilateralen Engagements ist jedoch für Investoren nur schwer zu erfassen. Wenn es die Welthandelsorganisation morgen nicht mehr gäbe, könnte ich Ihnen dann sagen, wie hoch die Gewinne eines bestimmten Unternehmens sinken würden? Nein. Was ich Ihnen jedoch sagen kann, ist, dass das Spektrum der globalen multilateralen Institutionen sehr wichtig für die Schaffung eines globalen Handelsrahmens, für die Erhaltung des Friedens über Generationen hinweg und für die Bewältigung der globalen Herausforderungen im Gesundheits- und Klimabereich ist. Diese Institutionen haben einen stabileren, berechenbareren Hintergrund geschaffen, vor dem Unternehmen und Verbraucher wichtige wirtschaftliche Entscheidungen treffen können. Ohne Frage haben sie eine Rolle bei der Senkung der Kapitalkosten und Diskontsätze in den USA und im Ausland gespielt. Die Bedeutung dieser Institutionen zu bekräftigen und in einigen Fällen zu reformieren, könnte sich bei richtiger Handhabung positiv auf Wachstum und Investoren auswirken." (30.10.2020/ac/a/m)






 
 
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