Kolumnist: Klaus Singer

Aktien – Zinsen – Gold




12.06.17 06:48
Klaus Singer

Seit der Wahl Trumps zum US-Präsident setzen die Akteure an den
Finanzmärkte auf die Segnungen seiner Vorhaben, als da sind:
(Finanzielle) Deregulierung, kreditfinanzierte
Infrastrukturinvestitionen und massive Steuersenkungen (v.a. für
Unternehmen). Der S&P 500 ist seitdem um gut 14% angestiegen, der
technologielastige NDX um mehr als 20%.
Trumps Vorhaben sind bisher Vorhaben geblieben. Die Steuerreform war mal
für die Jahresmitte in Aussicht gestellt worden, jetzt wird es wohl erst
zum Jahresende damit etwas werden. Die Makrodaten haben sich inzwischen
auch nicht wesentlich verbessert. Hoffnungsschimmer kommen von einer
sich leicht belebenden Investitionstätigkeit.


Der Arbeitsmarkt verliert an Schwung, was angesichts der
Vollbeschäftigung kein Wunder ist. Gleichzeitig steigen die Löhne nur
mäßig, was u.a. der Tatsache geschuldet ist, dass Jobs v.a. in
Niedriglohnbereichen, etwa bei Dienstleistungen geschaffen wurden. Kein
Wunder, dass dabei die Inflationsentwicklung verhalten bleibt. Der von
der Fed besonders beachtete PCE-Preisindex (Kernrate) liegt im April bei
1,54% nach fast 1,8% zur Jahreswende.


Aktien sind mittlerweile durch den bullischen Erwartungslauf (sehr) hoch
bewertet. Die Marktbreite liefert aktuell nach wie vor kein breites,
solides Fundament, große Anleger konzentrieren sich auf liquide Werte
mit hoher Marktkapitalisierung. Favoriten sind dabei die großen
Technologie-Namen wie Google/Alphabet, Facebook, Apple, Microsoft,
Amazon usw.


Zur geringen Marktbreite und zum Rekord-Dauerlauf von Aktien von einem
Allzeithoch zum nächsten gesellt sich Sorglosigkeit („Complacency“), wie
sie sich im Tiefenrausch des VIX zeigt. Guggenheim Investments hat
hierzu die Volatilität im Aktienmarkt und den Verlauf der Spreads der
High-Yield-Unternehmensanleihen untersucht. Beide liegen jetzt so tief
wie seit 2005 nicht. Historisch war das immer ein Vorläufer für einen
signifikanten Pullback bei Aktien, heisst es. Die Empfehlung lautet,
kurzfristig Geld vom Tisch zu nehmen und Pulver trocken zu halten. Für
Panik hinsichtlich der längerfristigen Aussichten gebe es aber keinen
Grund (siehe Chart!).


In diesem Zusammenhang ist auch folgender Umstand interessant: ETFs, die
auf geringe Volatilität setzen, erfreuen sich seit einiger Zeit großen
Zuspruchs. Deren Anlagepolitik führt bei sinkendem VIX zu Aktienkäufen,
was den VIX wiederum nach unten treibt und Aktien steigen lässt. Die
Mechanik funktioniert auch umgekehrt… Solche Anlagevehikel verstärken
die Bewegung in beide Richtungen.


Neben niedriger Volatilität spielt noch ein Punkt eine wichtige Rolle
bei der großen Sorglosigkeit der Akteure. Nach Erhebungen der Bank of
America haben Fed, EZB, BoJ. BoE und SNB seit Jahresbeginn bis jetzt für
1,5 Bill. Dollar Assets gekauft – macht 300 Mrd. Dollar pro Monat. Ihre
Bilanzen haben sich damit auf den Rekordwert von 15,1 Bill. Dollar
verlängert (siehe Chart!).


Damit kann festgehalten werden: Aktienkurse haben sich sehr weit von der
wirtschaftlichen Realität entfernt – die Gefahr eines Rückschlags
wächst. Bei der Kursaktion in den USA am zurückliegenden Freitag ist
bemerkenswert, dass der NDX deutliche 2,4% verloren hat, während der Dow
Jones Industrial 0,4% zugelegt hat. Im NDX kamen v.a. die großen
Tech-Zitel unter Druck, während Finanzaktien und Energietitel kräftig
gewonnen haben. Beide Sektoren zählen zu den in diesem Jahr
zurückgebliebenen. Ist das Zeichen für eine „gesunde“ Rotation oder
kündigt sich damit eine Rückkehr der Volatilität an? Der VIX stieg
intraday über seine EMA50, schaffte aber (nochmals) einen Schlusskurs
darunter. Ich rechne eher mit der Rückkehr der Volatilität – siehe hier!


In diesem Zusammenhang ist die FOMC-Sitzung in der kommenden Woche von
Bedeutung. Ein weiterer Zinsschritt gilt als eingepreist, alles andere
wäre eine Überraschung. Experten gehen mittlerweile von zwei weiteren
Schritten in diesem Jahr aus. Die Fed hatte zudem im Frühjahr
angekündigt, ihre Bilanz graduell verkürzen zu wollen, indem sie ihre
Re-Investitionen ausdünnt. Genau hier dürften die Akteure Hinweise
erwarten, wann damit begonnen wird. Ein solcher Schritt dürfte v.a. den
kurzen bis mittleren Rendite-Bereich bis etwa fünf Jahre in die Höhe
treiben.


Die Zinsstruktur wird seit Dezember 2016 vor allem in ihrem kurzen Teil
flacher, oberhalb einer Laufzeit von zehn Jahren steigt sie von einem im
Dezember erreichten Tiefpunkt leicht an. Mit einer Bilanzverkürzung der
Fed dürfte die Zinsstruktur noch flacher werden – nicht die besten
Rahmenbedingungen für traditionelle Kreditgeschäfte von Banken. Und
damit auch nicht die beste Begleitmusik für eine starke Performance von
Bank-Aktien.


Der Goldpreis in Dollar hat sich seit Jahresbeginn mit rund +12% gut
entwickelt, besser als der S&P 500, der im selben Zeitraum auf lediglich
gut acht Prozent kommt. Der Goldpreis reagiert gewöhnlich positiv auf
Krisen aller Art, insbesondere solcher, die die Stabilität des
Papiergeldsystems tangieren. Üblicherweise besteht auch eine eher
inverse Beziehung zwischen dem Außenwert des Dollar (z.B. auch
Euro/Dollar) und dem Goldpreis. Drittens reagiert der Goldpreis
tendenziell mit Schwäche, wenn die Zinsen steigen. Und viertens gibt
zunehmende Inflation Auftrieb für den Goldpreis.


Da Zinsen gewöhnlich auch mit zunehmender Inflation steigen, kann man
die beiden letzten Bestimmungsgründe für den Goldpreis so
zusammenfassen: Steigende Realzinsen führen tendenziell zu Schwäche im
Goldpreis. Der folgende Chart gibt den Zusammenhang wider (siehe
Chart!). „DFII10“ ist die reale, Inflations-bereinigte Rendite
zehnjähriger US-TNotes. Der Chart in der Mitte zeigt, dass der Goldpreis
mit steigenden Realzinsen in der Regel unter Druck kommt. Der obere
Chart zeigt, dass der Goldpreis seit dem Jahreswechsel zwar noch
relative Schwäche gegenüber den Realzinsen aufweist, trotzdem hat er
sich gut entwickelt.


Sollte die Fed mit ihrer Bilanzverkürzung demnächst beginnen, hat das
zwar einen tendenziell zinstreibenden Effekt. Wenn jedoch gleichzeitig
die Inflation in die zweite Runde geht, wie das von zahlreichen
Beobachtern erwartet wird, dann dürfte der Realzins kaum weiter steigen
und somit einer weiteren Aufwärtsentwicklung bei Gold nicht im Wege stehen.


Wenn man die Rolle des Goldpreises als (Finanz-)Krisenindikator in den
Blick nimmt, müsste der Preis für das Edelmetall längst durch die Decke
gegangen sein. Die Verlängerung der Bilanzen der großen Notenbanken
bedeutet ja auch, dass dem Finanzsystem seit 2008 etwa 11 Bill. Dollar
zugeführt worden sind – Geld, das mal eben aus dem Nichts gezaubert
wurde. Geld, das auch dazu diente, die Zinsen bis zur Unkenntlichkeit zu
drücken. Und da der Zins in unserer Kredit-zentrierten Wirtschaft der
zentrale Preis ist, bedeutet das ebenfalls, dass die Preise ingesamt
manipuliert sind. So auch der Goldpreis – wobei hier noch dazu kommt,
dass ein massiv anziehender Goldpreis mangelndes Vertrauen in unser
FIAT-Geld zum Ausdruck brächte. Das aber können die Zentralbanken nun
überhaupt nicht brauchen – was liegt also näher, dass sie ihn, wenn
nötig, auch direkt manipulieren?


Damit sind dem Goldpreis praktisch alle „normalen“ Bestimmungsgründe
entzogen. Die Zinsen sind „platt“, die Inflation ist anemisch, und
alternative Anlageklassen, wie z.B. Aktien, gehen „durch die Decke“.


Langfristige Sicherheitsaspekte sprechen (nach wie vor) für eine
Goldanlage. Wenn aus der Europäischen Union (nach dem Willen des neuen
franösischen Staatspräsidenten – neben anderen) auch eine offene
Schuldenunion wird (was sie de facto durch die Rettungsmechanismen schon
ist), ist Sachkapital Trumpf. Dazu zählt Gold genauso wie Immobilien und
Aktien. Die historische Erfahrung lehrt: Die wirklich großen
Staatsschulden wurden noch nie beglichen, es endete jedes Mal im
Währungsdesaster. Die Zentralbanken werden wissen, warum sie seit der
Finanzkrise verstärkt Gold kaufen.


Auch wenn der Goldpreis mit starken Leinen am Auftrieb gehindert wird,
so wird das auf lange Sicht genausowenig Bestand haben wie umgekehrt
eine Preisblase, etwa bei Aktien. Irgendwann kehrt jede Übertreibung zur
Mitte zurück. Beim Goldpreis liegt diese Mitte deutlich über dem
aktuellen Stand.


Der Goldpreis hat im Dezember 2015 50% der Aufwärtsbewegung zwischen
Mitte 2001 und August 2011 korrigiert. Aktuell liegt der Preis beim
38-er Retracement und an der Oberseite eines seitwärts gerichteten
Dreiecks (siehe Chart!).


Damit die im Dezember gestartete Aufwärtsbewegung weiterhin Bestand hat,
sollte das aktuelle Kursniveau tunlichst nicht mehr wesentlich
unterschritten werden. Ziel einer für Gold bullischen Bewegung ist dann
die grüne Aufwärtslinie aus Mitte 2005 (aktuell 1460). Kommt es hingegen
zu einem klaren Rückfall unter den Pegel von rund 1270, besteht
Abwärtspotenzial bis 1075, dem 50er Retracement.


Sollte sich bei Aktien nun das Szenario einstellen, wonach allzuviel
Sorglosigkeit mit fallenden Kursen bestraft wird, so dürfte das den
Goldpreis ebenfalls eher stützen.


Der Goldpreis in Dollar hat sich seit Jahresanfang besser entwickelt als
der S&P 500. Angesichts übergroßer Sorglosigkeit bei Aktien und somit zu
erwartender Rückkehr der Volatilität könnte der Goldpreis Unterstützung
bekommen. Auch eine wahrscheinlich noch in diesem Jahr beginnende
Bilanzverkürzung der Fed dürfte sich eher positiv auf den Goldpreis
auswirken.


Erwähnte Charts, weiterführende Verweise und Quellenangaben können hier
eingesehen werden:
http://www.timepatternanalysis.de/Blog/2017/06/11/aktien-zinsen-gold/




powered by stock-world.de




 

Finanztrends Video zu Goldpreis


 
hier klicken zur Chartansicht

Aktuelle Kursinformationen mehr >
Kurs Vortag Veränderung Datum/Zeit
1.484,01 $ 1.484,44 $ -0,43 $ -0,03% 22.10./18:21
 
ISIN WKN Jahreshoch Jahrestief
XC0009655157 965515 1.557 $ 1.197 $
Handelsplatz Letzter Veränderung  Zeit
 
FXCM
1.484,00 $ -0,03%  18:19
  = Realtime
Aktien des Tages
  

Jetzt für den kostenfreien Newsletter "Aktien des Tages" anmelden und keinen Artikel unseres exklusiven Labels AC Research mehr verpassen.

Das Abonnement kann jederzeit wieder beendet werden.

Meistgelesene Artikel
Aktuelle Diskussionen
RSS Feeds




Bitte warten...