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Aktien: Geschäftsmodell vor Notenbank




19.10.22 18:10
Euroswitch

Frankfurt am Main (www.aktiencheck.de) - Zum Ende des dritten Quartals sind die Aktienmärkte der wichtigsten weltwirtschaftlichen Regionen USA, Europa und China in ihrer Heimatwährung mit durchschnittlich mehr als 20% im Minus - einige Börsen markieren drei Quartale in Folge eine negative Wertentwicklung, so die Experten der Vermögensmanagement EuroSwitch! GmbH.

Für Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement Euroswitch, lägen die Herausforderungen am Aktienmarkt in den vergangenen politischen Versäumnissen und Entscheidungen der Notenbanken begründet: "Die kostenfreie Versicherung der Notenbanken scheint offenbar gekündigt und es hat eine Marktbereinigung begonnen, die nicht ohne Nebenwirkungen und Folgeverwerfungen bleibt." Er sehe aber bereits erste Anzeichen für eine Normalisierung des Marktes.

Die Kombination aus ansteigender Inflation, ansteigenden Zinsen und ansteigenden Rezessionswahrscheinlichkeiten sei laut Böckelmann ein Giftcocktail für Aktienmärkte. Fast drei Jahrzehnte hätten diese auf sinkende Zinsen und deren positiven Nebenwirkungen geblickt: Mit den Zinsen sei der Diskontierungssatz zukünftiger Gewinne der Unternehmen gesunken, was den rechnerischen Barwert erhöht habe und gleichzeitig sei TINA (There Is No Alternative) aufgekommen.

"Aktien wurden angesichts der nicht mehr für ihre Risiken kompensierenden Zinsmärkte immer attraktiver", so der Finanzexperte. Auch die Notenbanken hätten eine Rolle gespielt: "Sie fungierten als Vollkaskoversicherer in Krisenzeiten. Jeder Krise - von der Finanzkrise 2008 über die Eurokrise 2011 bis hin zur Pandemie in 2020 - wurde mit einer monetären Geldschwemme begegnet. Sätze wie 'never fight the FED' oder 'die Flut hebt alle Boote' untermauerten ein scheinbar müheloses und weniger risikoreiches Investieren in Aktien, immer höhere Bewertungen ließen sich rechtfertigen", beschreibe der Portfoliomanager die Situation.

Laut Böckelmann würden die kontinuierlichen Zinsanhebungen, aber vor allem die sich trotz signifikanter Rezessionsgefahren nicht mehr um die Wünsche der Aktienmärkte kümmernden Notenbanken für die Anleger eine große Herausforderung darstellen. "Die Befürchtungen einiger Marktteilnehmer reichen von weiteren Kurseinbrüchen bis hin zur Rückabwicklung der während der Zinssenkungsperiode erzielten Gewinne. So berechtigt die eine oder andere Sorge um eine weltweite Rezession ist, so befremdlich mutet das Verständnis vieler Marktteilnehmer an, Aktienkurse könnten ohnehin nur bei einem wohlwollenden Zinsregime steigen, im anderen Fall seien Verluste unvermeidbar. Viele sehnen sich daher ein 'Pivot' der US-Notenbank herbei, also einen Wendepunkt in der Zinspolitik", so der Experte.

Die absoluten Zinsniveaus nach jüngsten Zinsanhebungen seien zwar immer noch absolut niedrig im historischen Vergleich, die jüngsten relativen Anstiege aber faktisch ohne Beispiel. "Aufgrund der mehrmonatigen Wirkungsverzögerung von Zinsanhebungen auf die reale Wirtschaft droht tatsächlich ein Überschießen der Notenbanken - nach zu späten Anhebungen könnte ein zu langer und zu heftiger Tritt aufs Bremspedal die Weltwirtschaft in die Knie zwingen. Und das in einer Zeit, die ohnehin von geopolitischen und post-pandemischen Problemen geprägt ist", befürchte Böckelmann. Aber jene Probleme hätten neben strukturellen Faktoren und vor allem politischen Versäumnissen die Inflation befördert, die es jetzt zu bekämpfen gelte.

"Das seit Ende des Bretton-Woods-Systems Anfang der 70er (Goldbindung) in der Welt vorherrschende FIAT-Finanzsystem basiert zunächst auf Vertrauen. Deshalb ist der stabilitätsorientierte Einsatz der Notenbanken so wichtig, die für das zukünftige Verhalten der Wirtschaftssubjekte so wichtigen Inflationserwartungen unter Kontrolle zu behalten", mahne Böckelmann. Jüngste Indikatoren würden aber nach dem Experten darauf hindeuten, dass man bereits auf einem guten Weg sei.

Von Marktseite werde gerne argumentiert, man dürfe bei den Zinsanhebungen die Finanzstabilität nicht aus den Augen verlieren. Dem Portfoliomanager zufolge würden hier aber oftmals die eigenen Interessen überwiegen: "Dank der gewohnten jederzeitigen Bereitstellung billigen Geldes profitierten einerseits zahllose Vermögenswerte, nicht nur fragwürdige Meme-Aktien oder Kryptowährungen. Andererseits wogen sich selbst ehrwürdige britische Pensionskassen zu lange in Sicherheit."

Die derzeitigen Marktsituation beurteile Böckelmann mit gemischten Gefühlen: "Schlussendlich ist diese aber auf dem Weg zu einer Normalisierung gesund, auch wenn aktuell Züge einer Übertreibung zu beobachten sind."

Was in den Kursen bereits eingepreist sei oder wie weit die Anpassungsprozesse in den kommenden Monaten reichen würden sei aktuell schwer abzuschätzen. "Die anstehende Berichtssaison der Unternehmen ist daher an Bedeutung kaum zu unterschätzen. Aber auch wenn Unternehmen nach Lieferengpässen und steigenden Energiekosten jetzt an Folgen von Inflation und Zinsen leiden, politische Prozesse weiter im Fluss und teilweise intransparent sind, so wird es auch Lichtblicke geben. Insofern ist angesichts der Verwerfungen auch die Zeit für Opportunitäten gekommen", betone der Portfoliomanager.

Die Historie der Aktienmärkte gebe dieser Sichtweise recht. Ob Phasen von Zinsanstiegen oder Zinssenkungen, langfristig seien Aktien gestiegen, zumindest die von Unternehmen mit erfolgreichen Geschäftsmodellen. "Auch aktuelle negative Entwicklungen wie Trends der De-Globalisierung werden zu neuen zyklusunabhängigen Anpassungsprozessen führen. Der beschleunigte strukturelle und technologische Wandel schafft unverändert zahlreiche Möglichkeiten für Unternehmen und für die in diese investierenden Anleger", resümiere der Finanzexperte.

"Vieles spricht daher bei der Aktienanlage für ein stark selektives Portfolio in global erfolgreiche Unternehmen. Wir sind und bleiben aktuell nahezu voll investiert", so abschließend Böckelmann. (Ausgabe vom 17.10.2022) (19.10.2022/ac/a/m)







 
 
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