Erweiterte Funktionen


Kolumnist: BankM

20 Jahre Deutscher Kapitalmarkt – Boom, Bust und eine neue Chance




19.12.17 15:01
BankM

Von Axel Rose Börsengänge sind zuletzt wieder in Mode gekommen. Um den zarten Aufschwung zum Aufbau einer nachhaltigen Aktienkultur zu nutzen, müssen alle Kapitalmarktakteure dazu beitragen echte positive Effekte für Anleger, Unternehmen und Volkswirtschaft zu erzeugen. Die ultimative Herausforderung wartet schon.

Grau und stürmisch, so zeigte sich der Herbst in Deutschland überwiegend. An einem Ort war das jedoch ganz anders. Das Frankfurter Börsenparkett erlebte mit 5 Neuemissionen in rund drei Wochen einen wahrhaft goldenen Oktober. Allein in der Kalenderwoche 44 debütierten mit Laserkommunikationsspezialist Mynaric, Kochbox-Versender Hellofresh und Industrierecycler Befasa drei Unternehmen an der Frankfurter Wertpapierbörse. Insgesamt gab es 2017 hierzulande bereits zwölf Initial Public Offerings (IPOs) mit einem Volumen von rund drei Milliarden Euro. Für das aktienmuffelige Deutschland ist das nicht schlecht. Insbesondere nach dem schwachen Vorjahr mit lediglich sechs Neuemissionen.


Überraschen kann der Boom angesichts des gleichbleibend positiven Börsenumfelds eigentlich nicht. Vielmehr hätten wir genau wie andere Kapitalmarktteilnehmer diese Entwicklung viel früher erwartet. Und doch ist die plötzliche Wende schwer zu erklären. Denn das Börsenklima war auch 2016 so schlecht nicht. Natürlich gab es Unsicherheit, doch die ist ja nicht geringer geworden. Die Brexit-Verhandlungen dauern an, Donald Trump ist nach wie vor unberechenbar und in Deutschland sind Ergebnis und Zeitpunkt der Regierungsbildung vollkommen offen. Auch andere Gegenargumente wie günstige Finanzierungsalternativen oder die insbesondere für Mittelständler fordernde Regulierung sind keineswegs vom Tisch.


Aufschwung weckt Angst vor neuen Exzessen

Warum also wagen Unternehmen wieder vermehrt den Schritt an die Börse? Vielleicht musste das Vertrauen in den Kapitalmarkt nach der Finanzkrise erst langsam neu wachsen, immer wieder vorgebrachte Argumente sich nach und nach in den Köpfen festsetzen. Vielleicht hat es aber auch etwas damit zu tun, dass die Deutsche Börse im März mit dem „Scale“ wieder ein Segment für Wachstumsfirmen und kleinere Unternehmen ins Leben gerufen hat. „Ich bin zuversichtlich, dass das neue Segment entscheidend dazu beitragen kann, dass wir wieder mehr Börsengänge von jungen innovativen Wachstumsunternehmen in Deutschland sehen", beschrieb der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel die Zielsetzung.


Noch ist es viel zu früh von einer Erfolgsgeschichte zu sprechen, aber 14 Jahre nach dem Ende des Neuen Marktes ist Scale ein wichtiger Schritt für den deutschen Kapitalmarkt. Aktuell spricht jedenfalls vieles dafür, dass sich der zarte Aufschwung 2018 fortsetzt. Die IPO-Pipeline ist gut gefüllt, gerade bei Mittelständlern stoßen wir vermehrt auf offene Ohren. Weil zudem Schwergewichte wie Siemens Healthineers, Knorr Bremse oder die Deutsche Asset Management mit den Hufen scharren, könnte 2018 das erfolgreichste Börsenjahr seit 2000 werden. Damals betrug das Emissionsvolumen 31,4 Milliarden Euro, der Neue Markt hatte seinen Höhepunkt erreicht. Was folgte ist bekannt und hat die Aktienkultur in Deutschland auf Jahre zurückgeworfen. Denn individuelle Erfahrungen sind nun einmal prägender als langjährige Durchschnittsrenditen.


Volkswirtschaftliche Bedeutung muss im Mittelpunkt stehen

Gab es 2001 knapp 13 Millionen Aktienbesitzer, waren es 2016 nur 9 Millionen. Diese Entwicklung schadet der gesamten Volkswirtschaft, denn der Kapitalmarkt hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Die vielleicht wichtigste Funktion ist es, Unternehmen Zugang zu finanziellen Mitteln für Wachstumsinvestitionen zu verschaffen. Insbesondere größere Innovationen sind auf Wagniskapital angewiesen. Ob der Beginn der Massenproduktion durch die Nutzung erster Maschinen, die von der Einführung der Elektrizität angetriebene industrielle Revolution oder der Siegeszug der Computer – all diese epochalen Neuerungen wären ohne Kapitalmärkte schwer vorstellbar gewesen. Aktiengesellschaften wie General Electric, Siemens, Ford, IBM, SAP oder Google stehen stellvertretend dafür. Diese Unternehmen haben nicht nur durch die Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze, sondern auch durch die Ermöglichung technischen Fortschritts zu gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtsgewinnen beigetragen. Doch mit der Digitalisierung hat die nächste zukunftsbestimmende Entwicklungsphase längst begonnen. Dass deutsche Unternehmen bei dieser Entwicklung noch nicht überall eine führende Rolle spielen, hat sicherlich auch mit der schwächeren Ausprägung des Kapitalmarkts im Vergleich zu anderen Standorten wie beispielsweise den USA zu tun.


Umso dringender ist es, die Rahmenbedingungen hierzulande zu verbessern. Zumal eine echte Aktienkultur auch aus ganz anderem, nicht minder aktuellem, Anlass wichtig für eine Volkswirtschaft ist. Bietet eine über alle Einkommensschichten verbreitete Aktienanlage doch die Chance, drohende Altersarmut und wachsende Ungleichgewichte in der Vermögensverteilung zu bekämpfen. Denn selbst mit geringen monatlichen Raten können über die Jahre beachtliche Vermögen aufgebaut werden. Doch weder sichtbare Kursanstiege noch Rekorddividenden und anhaltende Nullzinsen haben es bis dato geschafft das Anlageverhalten der Deutschen zu verändern. Was also tun? Eine bessere wirtschaftliche Wissensvermittlung an den Schulen, ein Ende des Riester-Unsinns sowie eine steuerliche Begünstigung langfristiger Kapitalanlagen sind die drängendsten Hausaufgaben. Dies würde auch dazu beitragen, dass Anleger nicht länger als geldgierige Zocker verschrien, sondern als risiko- und verantwortungsbewusste Wirtschaftsakteure wahrgenommen werden.


ICO-Boom als Nagelprobe

An diesem Bild haben die Exzesse des Neuen Marktes übrigens eine große Mitschuld. Fand dort unter dem Strich doch eine große Umverteilung von Privatvermögen in die Taschen von Unternehmensinsidern statt. Gerade deshalb ist die Kapitalmarkt-Community umso mehr gefordert, die damaligen Fehler nicht zu wiederholen, sondern die gesamtwirtschaftlichen Belange in den Vordergrund zu stellen. Mit seinen strengeren Zulassungsvoraussetzungen und Anforderungen an Research und Reporting, ist dieses Bemühen bei Scale deutlich sichtbar. Ob die Akteure ihre Lektion tatsächlich gelernt haben, wird sich aber noch viel stärker beim Thema Kryptowährung zeigen. Denn was die New Economy vor 20 Jahren war, sind heute Bitcoin & Co. Während wir uns in Deutschland über drei IPOs in einer Woche freuen, entstehen im Rahmen sogenannter Initial Coin Offerings (ICOs) täglich neue Kryptowährungen – über 1.000 gibt es bereits. Diesen Hype von Anfang an nachhaltig und mit regulatorischer Weitsicht zu gestalten ist eine große Aufgabe. Und eine große Chance.


(Der Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in der Ausgabe 12/2017 der GoingPublic)
powered by stock-world.de




 

 

Aktien des Tages
  

Jetzt für den kostenfreien Newsletter "Aktien des Tages" anmelden und keinen Artikel unseres exklusiven Labels AC Research mehr verpassen.

Das Abonnement kann jederzeit wieder beendet werden.

RSS Feeds




Bitte warten...