Globale Märkte - Schuldenkrise erfasst nun auch Realwirtschaft


30.12.11 11:58
Raiffeisen Bank International AG

Wien (aktiencheck.de AG) - "Seit Mai 2010 jagt ein Schuldengipfel den anderen, mit dem Ziel die immer mehr Eurozone-Staaten erfassende Schuldenkrise zu stoppen. Doch eine klare Lösung für das Problem fehlt nach wie vor - und das spiegelt sich eindeutig auf den globalen Märkten wider", so Peter Brezinschek, Chefanalyst der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

"Wenngleich der EU-Gipfel vom 8. und 9. Dezember erstmals richtige Ansätze für eine nachhaltige Lösung gebracht hat, so offenbarte er auch die ganze Problematik der EU: nämlich langsame Umsetzung sowie Uneinigkeit der Regierungschefs. Kein Wunder, dass die Rating-Agenturen aktiv werden und den Ausblick selbst von AAA-Staaten herabsetzen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass im ersten Halbjahr Rating-Herabstufungen in der Eurozone für Turbulenzen sorgen können."

Aus Brezinscheks Sicht werde das erste Quartal 2012 eine Nagelprobe für die Eurozone darstellen, bei der eine Beschleunigung des Krisenmanagements in Richtung Verfassungsänderung hin zu einer Fiskalunion eine wichtige Rolle spiele. Eine Schlüsselfunktion in der weiteren Entwicklung der Eurozone messe Brezinschek aber auch der politischen Entwicklung und dem Sanierungsprogramm in Italien bei.

Angesichts dieser Aussichten erwarte Helge Rechberger, Leiter der RBI-Aktienmarktanalyse, dass die Aktienmärkte und auch wesentliche Marktsegmente der Unternehmensanleihen in den ersten Monaten 2012 von fallenden Kursen geprägt sein würden.

Die Turbulenzen auf den Finanzmärkten sowie die politischen Querelen in vielen Ländern bzw. auf gesamteuropäischer Ebene hätten nunmehr die Realwirtschaft erreicht. Die deutliche Zurückhaltung der Unternehmen bei Neuinvestitionen und die sich eintrübenden Exportaussichten seien die wesentlichen Treiber für schwache Aussichten in den nächsten sechs Monaten. Brezinschek gehe davon aus, dass angesichts der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingung sowie der Ergebnisse der jüngsten Konjunkturumfragen mit einer spürbaren Rezession von Ende 2011 bis Jahresmitte 2012 zu rechnen sei.

Für die Eurozone würden die Analysten von Raiffeisen Research für das Jahr 2012 einen BIP-Rückgang von -1,0 Prozent erwarten, wobei sich in den Ländern mit robusten Arbeitsmarktdaten und relativ hohen Lohnsteigerungen der private Konsum als Stütze der Konjunktur erweisen dürfte. Während Brezinschek in der Eurozone überall schrumpfende BIP-Zahlen erwarte, dürfte den Volkswirtschaften in den USA (BIP-Wachstumsprognose 2012: 1,5 Prozent) und den Emerging Markets (BIP-Wachstumsprognose 2012: 5,7 Prozent) zwar eine Wirtschaftsabschwächung, aber keine Rezession bevorstehen.

Die Analysten von Raiffeisen Research würden davon ausgehen, dass die Inflationsrate mit 3 Prozent p.a. kürzlich das zyklische Hoch erreicht haben dürfte. Wesentliche Preistreiber seien die Bereiche Energie, Nahrungsmittel, Transport und Wohnen gewesen. Auf Basis der Ölpreisprognosen von knapp unter USD 100 pro Barrel im Jahr 2012 würden die Research-Experten für die kommenden Monate ein rasches Abebben des Preisauftriebs aus den Energiekosten erwarten.

"Auch die Lohnentwicklung sehen wir in den meisten Euroländern angesichts der prekären Situation am Arbeitsmarkt als keinen Kostentreiber", erkläre Brezinschek. Dagegen dürften Steuererhöhungen auf Jahressicht das Preisniveau nach oben heben. "In Summe sollten die Inflationsraten in den ersten Monaten des Jahres 2012 rasch Richtung 2 Prozent zurückfallen und für den Rest des Jahres um diesen Wert verharren", ergänze Brezinschek.

Die im Jahresverlauf abnehmenden Inflationsaussichten würden die Notenbanken ermutigen, weltweit ihre expansive Geldpolitik bis über 2012 hinaus fortzusetzen. "Wir gehen daher davon aus, dass die negativen Realzinsen in der Eurozone und den USA beibehalten werden", erkläre Brezinschek, der auch weitere Zinssenkungen der EZB - wenn sie auch unwahrscheinlich seien - nicht ausschließen könne. Die US-Notenbank (FED) hingegen befinde sich seiner Meinung nach aufgrund der guten Wirtschaftsdaten in Abwartestellung, dürfte aber angesichts der erwarteten Konjunkturabkühlung im ersten Halbjahr 2012 weitere Maßnahmen beschließen.

"Die bis zu drei Jahre offerierten Liquiditätshilfen könnten sich positiv auf den Kapitalmarkt auswirken und die kurzfristigen Staatsanleihenrenditen dämpfen", so Brezinschek. Trotzdem erwarte er wegen der mangelnden Umsetzung von Sanierungsmaßnahmen ein Anhalten extrem hoher Unterschiede bei den Anleiherenditen.

Für die Renditen deutscher Anleihen würden die Analysten von Raiffeisen Research für mittlere und lange Laufzeiten Abwärtspotenzial sehen, da die hohe Liquidität im Bankensystem vor allem in sicheren Veranlagungen geparkt werden dürfte. US-Staatsanleihen sollten 2012 hingegen, trotz eines sich abzeichnenden Verlusts des AAA-Ratings bei einer weiteren Rating-Agentur nach S&P, nach wie vor als "sicherer Hafen" gehandelt werden und könnten dementsprechend im ersten Quartal von einer neuerlichen Zuspitzung der Schuldenkrise und einer Rezession in der Eurozone profitieren. Sobald sich eine Stabilisierung in der Eurozone abzeichne, würden die Renditen von zehnjährigen Staatspapieren wieder deutlich über 2 Prozent klettern.

Die Analysten von Raiffeisen Research würden damit rechnen, dass die Liquiditätshilfen der Notenbank vorerst nicht verhindern könnten, dass die Aktienmärkte und auch wesentliche Marktsegmente der Unternehmensanleihen in den ersten Monaten 2012 von fallenden Kursen geprägt sein würden.

Hauptthema an den Aktienmärkten der Eurozone werde ihrer Meinung nach auch in den kommenden Monaten die Staatsverschuldungskrise sein. "Nach wie vor sind die diesbezüglichen Probleme nicht gelöst. Solange es hierzu weiterhin kein wirklich entschlossenes Handeln von Seiten der Politik gibt, scheint es mehr als fraglich, ob sich die Aktienmärkte nachhaltig erholen können", erkläre Rechberger. Hinzu komme außerdem, dass vor dem Hintergrund einer sich deutlich abschwächenden globalen Konjunktur zwangsläufig weitere negative Gewinnrevisionen bei den Unternehmen anstünden. "Aufgrund dieser Faktoren sehen wir in den kommenden Monaten nur wenig Spielraum für eine Stimmungsaufhellung an den Aktienmärkten der Eurozone, womit neuerliche Kursrückgänge realistisch erscheinen."

Bei US-Aktien sehe der Experte mehr dunkle Wolken als Lichtblicke und rate daher zum Verkauf: "Die Börsen haben sich zwar schon ein Stück weit auf ein schwierigeres Umfeld eingestellt, und die vorhandene Liquidität fließt auch in den Aktienmarkt - gerade für das erste Quartal 2012 erwarten wir aber noch einmal Kursrückgänge."

"Die Margen befinden sich in Schwindel erregenden Höhen und die Gewinnschätzungen für Unternehmen für die kommenden zwölf Monate sind immer noch nicht an das Konjunkturbild angepasst", so Rechberger. Er gehe davon aus, dass sich die Risikobereitschaft daher vorerst nicht erhöhen werde, zusätzlich dürften negative Meldungen von der Konjunkturfront und zur Bonität im Staatsanleihenbereich das Kursniveau dämpfen. Rechberger erwarte, dass bei Unternehmensanleihen insbesondere der High Yield-Bereich stärker in Mitleidenschaft gezogen werden dürfte als Anleihen von guter Qualität. "Sollte sich die Realisierung von Budgetsanierungen beschleunigen, dürfte sich das Stimmungsbild im Verlauf des Jahres 2012 wieder aufhellen und parallel zu den Konjunkturvorlaufindikatoren für steigende Kurse sorgen", erwarte Rechberger.

Da der Aktienmarkt wegen Sorgen um Konjunkturrückgänge von Vorsicht geprägt sei, hätten die Experten von Raiffeisen Research eine starke Positionierung im Anleihensegment vorgenommen. "Die Risikoaufschläge für Länder mit nicht höchster Bonität haben sich zuletzt deutlich reduziert. Durch die konjunkturelle Abkühlung und das erneute Aufflammen der Staatsschuldenproblematik in Europa könnten die Risikoaufschläge wieder rapide ansteigen", erkläre Brezinschek. "Qualitativ hochwertige Anleihen liefern zwar nur noch geringe Renditen, sollten sich aber bei einer neuerlichen Zuspitzung der europäischen Staatsschuldenkrise und weltweiten Notenbankmaßnahmen zur Konjunkturstützung als gutes Investment erweisen. Unser Portfolio setzt sich aus 40 Prozent Aktien, 5 Prozent Immobilien und 55 Prozent Anleihen mit einem ausgeprägten Geldmarktanteil zusammen." (30.12.2011/ac/a/m)






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