DJ MARKT-AUSBLICK/Zögern der Fed kein gutes Omen für Märkte




18.09.15 14:17
Dow Jones Newswires

DJ MARKT-AUSBLICK/Zögern der Fed kein gutes Omen für Märkte


Von Manuel Priego-Thimmel


FRANKFURT (Dow Jones)--Zu viel des Guten kann auch schädlich sein. Die Entscheidung der US-Notenbank, die Leitzinsen nach mehr als neun Jahren Nullzinspolitik nicht zu erhöhen, ist an den Finanzmärkten auf kein positives Echo gestoßen. Statt Erleichterung über die Aussicht, dass die Geldpolitik bis auf weiteres extrem akkomodierend bleiben wird, macht sich unter den Anlegern die Sorge breit, dass es um die Weltwirtschaft schlechter bestellt sein könnte als bislang gedacht. In diesem Umfeld ist das Aufwärtspotenzial an den Börsen beschränkt.


"No hike, no rally". Mit diesen Worten hat Bank of America Merrill Lynch die Fed-Entscheidung kommentiert. In gewisser Weise stellt diese Aussage einen Paradigmenwechsel für die Märkte dar. Denn jahrelang war es vor allem die lockere Geldpolitik der US-Notenbank, die die Aktienmärkte in einen Höhenrausch versetzte. Diese Formel scheint in dieser Form nicht mehr zu gelten. Denn unter den Anlegern ist die Freude über eine lockere Geldpolitik nun der Sorge über die globale Weltwirtschaft gewichen. Und um diese könnte es möglicherweise schlechter bestellt sein als bislang gedacht.


Ihr Stillhalten hat die Fed unter anderem mit den "globalen Entwicklungen" begründet, die die US-Wirtschaft bremsen könnten. Das lässt aufhorchen, insbesondere da die Entwicklungen außerhalb der USA für die Geldpolitik der Federal Reserve in der Regel keine Rolle spielen. Gemeint ist natürlich die Wachstumsabschwächung in China. Niemand weiß genau, wie schnell die chinesische Wirtschaft eigentlich wächst. Offiziell sind es 7 Prozent. Viele Ökonomen setzen aber einen sehr viel niedrigeren Wert an, der das Wachstum eher im Bereich von 4 bis 5 Prozent taxiert.


Wie dem auch sei. Die Anleger werden in Zukunft mit noch schärferen Argusaugen nach China blicken. Denn möglicherweise weiß die US-Notenbank ja mehr als ihnen selbst bekannt ist. Diese Sorge um die globale Wirtschaft dürfte bis auf weiteres das Kurspotenzial an den Börsen nach oben begrenzen. Hinzu kommt, dass die Unsicherheiten um das weitere geldpolitische Vorgehen der US-Notenbank nach der Entscheidung vom Donnerstag nicht verschwunden sind. Denn noch gilt: Bislang ist die Leitzinserhöhung nur aufgeschoben aber nicht aufgehoben.


Laut IG wird ein Zinsschritt im Oktober an den Future-Märkten nur mit 19 Prozent eingepreist, eine Anhebung im Dezember wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 45 Prozent erwartet. Gegen den Oktober spricht die Tatsache, dass die Fed in einem solchen Fall wohl eine Pressekonferenz einberufen müsste. Allein die Ankündigung könnte die Finanzmärkte aber in Aufregung versetzen. Die meisten Analysten schließen sich den Future-Märkten an und gehen davon aus, dass die US-Notenbank im Dezember den Leitzins anheben wird.


Gegen steigende Kurse an Europas Börsen spricht auch der als Folge der Fed-Entscheidung geschwächte Dollar. Der Euro ist auf 1,1440 nach 1,1330 Dollar vor der Zinsentscheidung gestiegen und könnte weiter aufwerten. Nicht nur hat die US-Notenbank von einer Zinserhöhung abgesehen, auch bewegen sich die Erwartungen der Währungshüter für den zukünftigen Leitzins nach unten. Für Ende 2016 liegen die Erwartungen nur noch bei 1,375 Prozent nach 1,875 im März oder 2,50 Prozent im Dezember, so die Commerzbank. Bei einem Sprung über die 1,15 Dollar könnte es für den Euro schnell auf 1,20 Dollar gehen.


Ein anziehender Euro würde gerade dem DAX ein gewichtiges Kaufargument entziehen. Insbesondere die starken deutschen Exportunternehmen haben von der schwächeren Gemeinschaftswährung profitiert. Zwar wird an den Märkten schon darüber spekuliert, dass die japanische Notenbank bzw die EZB ihre Wertpapierkaufprogramme ausweiten könnten, um dem Aufwärtsdruck der eigenen Währungen etwas entgegenzusetzen. Sicher ist das aber nicht, und ob solche Maßnahmen an den Märkten positiv aufgenommen würden, ist auch unklar. Denn langfristig sind kompetitive Währungsabwertungen ein Nullsummenspiel.


Somit droht Europas Börsen gleich aus dreifacher Richtung Gegenwind - Sorgen um die Weltwirtschaft, Unsicherheit um die weitere Geldpolitik in den USA und das Risiko eines anziehenden Euro. Bank of America-Merrill empfiehlt daher in etwaige Kursstärken hinein zu verkaufen. Etwas Gutes hat die Zurückhaltung der US-Notenbank doch. Ein echter Börsencrash zeichnet sich derzeit nicht ab, zumindest solange die Wirtschaft nicht in eine Rezession abrutscht. Auf einen Test der Jahrestiefs - beim DAX wären dies die 9.338 Punkte - müssen sich die Anleger aber einstellen.


Kontakt zum Autor: manuel.priego-thimmel@dowjones.com


DJG/mpt/ros


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September 18, 2015 08:17 ET (12:17 GMT)


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