DJ MARKT-AUSBLICK/Griechenland-Euphorie vielleicht übertrieben




10.07.15 13:39
Dow Jones Newswires

DJ MARKT-AUSBLICK/Griechenland-Euphorie vielleicht übertrieben


Von Michael Denzin


FRANKFURT (Dow Jones)--Politik allein bestimmt den Verlauf der Börsen in der kommenden Woche. Trifft Griechenlands in letzter Minute eingereichte Reformliste auf die Zustimmung der Geldgeber, dürfte weiteren Kursgewinnen Tür und Tor geöffnet sein. Eine Ablehnung oder sogar Fortsetzung des schier endlosen Dramas an Verhandlungen würde die Börsen naturgemäß drücken.


Blickt man auf die euphorischen Reaktionen der Märkte auf das Einreichen der Reformliste in der Nacht zum Freitag, wird klar, wie stark sich die Anleger nach einer Beruhigung an dieser Stressfront sehnen. Problematisch dabei ist, dass vielleicht schon zuviele Vorschusslorbeeren verteilt worden sind. So fiel die Put-Call-Ratio an den Terminbörsen auf den marktbreiten Euro-Stoxx-50-Index am Donnerstag auf 0,58 zurück, was einen exzessiven Optimismus anzeigt. Für eine Verkaufsoption wurden also fast doppelt so viele Kaufoptionen gehandelt. Das lässt nicht mehr viel Spielraum für negative Nachrichten.


Und Tücken und Fallen gibt es noch genug. Dabei handelt es sich nicht nur um die notwendige Zustimmung diverser nationaler Parlamente, sondern vor allem die gleich mitgereichten, neuen Forderungen aus Griechenland. Denn neben dem unvermeidlichen Schuldenschnitt, an den wohl nur Bundeskanzlerin Angela Merkel offiziell nicht glauben möchte, will das Land gleich ein neues Hilfspaket von über 53 Milliarden Euro. Das dürfte zu lebhaften Diskussionen in den Parlamenten führen. Schließlich müsste man nachvollziehbar erklären, warum man einem Schuldner neues Geld leihen möchte, der es beim letzten Mal nicht zurückgezahlt hat.


Verschärft wird die Situation durch neue Erkenntnisse des Internationalen Währungsfonds (IWF). Er hat am Donnerstag relativ unbemerkt vom Markt seine Prognose zum Finanzbedarf Griechenlands noch weiter nach oben geschraubt. Möglicherweise sei eine größere Schuldenentlastung und eine höhere Finanzierung nötig als der IWF vor weniger als einer Woche geschätzt hatte, sagte der Chefökonom des Fonds, Olivier Blanchard. Bereits vergangene Woche hatte der IWF aber einen höheren Bedarf von 60 Milliarden Euro genannt. "Sobald der Verdacht aufkommt, dass wir hier von Woche zu Woche das Hilfsprogramm aufstocken müssen, umso mehr Abgeordnete werden sich in den Parlamenten dagegen aussprechen und damit selbst den ersten Schritt in diese Richtung unmöglich machen", sagte ein Analyst.


Harte Gegenwehr ist besonders von den Mittel- und Osteuropäern zu erwarten. Zum einen waren sie von Finanz- und Wirtschaftskrisen genauso getroffen und haben sich durch harte Disziplin daraus wieder befreit. Zum anderen liegen Kennzahlen wie die Rentenniveaus in den Baltenstaaten und der Slowakei unter dem griechischen Niveau. Warum gerade sie dann für Griechenland mitzahlen sollen, wird schwer zu kommunizieren sein. Die Analysten der Societe Generale sehen daher vor allem im neuen Hilfspaket die größte Herausforderung, was auch vom Handel so geteilt wird.


Die Devisen-Analysten der Commerzbank betonen, dass die Vorlage der Reformliste ohnehin nur als Bedingung für eine Verlängerung des zweiten Hilfspakets bis zum Herbst dieses Jahres gedacht war. Die neuen Vorschläge aus Athen zielten dagegen auf ein drittes Hilfspaket ab. Auch Dirk Gojny von der National-Bank sieht hier das Problem: Ob dies nach den Aussagen zahlreicher Politiker aus den vergangenen Tagen noch annehmbar ist - schließlich wurden über das letzten Angebot deutlich hinausgehende Maßnahmen eingefordert - sei völlig offen: "In der Form ist ein 'oxi' der Eurogruppe immer noch sehr wahrscheinlich", sagt Gojny.


Ein weiterer Stolperstein wird in den selektiven Zahlungswünschen der Griechen gesehen. Das Land will nur die Schulden bei IWF und EZB zurückzahlen. In ein paar Jahren bliebe dann nur noch die EU als Gläubiger übrig. Vermutet wird dahinter die griechische Strategie, mit der politisch leichter manipulierbaren EU einen einfacheren Verhandlungspartner zu haben. Daher habe Kanzlerin Merkel immer den IWF mit im Boot haben wollen.


Zumindest sieht die Lage nun besser aus als nach dem "Nein" des Referendums. "Die Wahrscheinlichkeit, dass die Geldgeber auf den Vorschlag eingehen, ist deutlich gestiegen", sagt Chris Scicluna, Leiter des volkswirtschaftlichen Research bei Daiwa Capital. Tsipras habe signifikante Konzessionen angeboten und die meisten Maßnahmen, die die griechische Bevölkerung im Referendum am vergangenen Sonntag abgelehnt hätte, nun akzeptiert.


Eine Zustimmung der Geldgeber beim EU-Gipfel am Sonntag könnte auch weitere Liquiditätsnöte verhindern. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte danach ihre ELA-Nothilfen für die griechischen Banken ab kommender Woche wieder erhöhen. Gleichzeitig könnte die Eurozone zu einer Brückenfinanzierung bewegt werden, damit Griechenland seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber der EZB am 20. Juli nachkommen könne.


Sollte es denn so kommen, werden sich die Börsen schnell wieder anderen Themen zuwenden. Vor allem eine Fortsetzung der Erholung an Chinas Börsen könnte den Wohlfühlfaktor weiter steigern. Daten wie das chinesische BIP im zweiten Quartal und die Industrieproduktion dürften dazu beitragen.


Auch andere Konjunkturdaten werden wieder in den Blick rücken. So der deutsche ZEW-Index der Konjunkturerwartungen im Juli, Inflationsdaten aus der Eurozone und den USA, der Empire State Manufacturing Index und der Philadelphia-Fed-Index. Bei der beginnenden US-Berichtssaison stehen besonders die Banken im Fokus. Hier berichten unter anderem J.P. Morgan Chase, Bank of America, Goldman Sachs, Citigroup und Wells Fargo.


Kontakt zum Autor: maerkte.de@dowjones.com


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July 10, 2015 07:39 ET (11:39 GMT)


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