DJ MARKT-AUSBLICK/Der Grexit kann den Börsen fast egal sein




19.06.15 14:45
Dow Jones Newswires

DJ MARKT-AUSBLICK/Der Grexit kann den Börsen fast egal sein


Von Michael Denzin


FRANKFURT (Dow Jones)--Eine spannende Woche steht den europäischen Aktienmärkten bevor. Alle Augen sind auf eine mögliche Pleite Griechenlands gerichtet. Händler sprechen von einem klassischen "Event Risk", also einem singulären Ereignis jenseits von fundamentalen Unternehmens- oder Wirtschaftsdaten, das Bewegung in die Aktienkurse bringen könnte. Das Gros der Analysten und Händler geht aber mehr von einer medialen Belastung der Stimmung aus als von einer echten ökonomischen Relevanz.


"Wie stark beeinflusst ein Ausstieg Griechenlands aus dem Euro den Daimler-Absatz in China?", lautete die rhetorische Frage eines Händlers nach dessen Wirkung auf den Aktienmarkt. Der Treiber hinter den Aktienkursen der Unternehmen in DAX & Co ist ihr internationaler Erfolg oder Misserfolg, nicht allein der in Griechenland. Ein Schuldenschnitt würde wiederum nur die Staaten treffen, die vom europäischen Geist beseelte Garantieversprechen abgegeben haben - den Unternehmen kann es schlichtweg egal sein. Dieser Realitätssinn hat sich am Markt längst wieder durchgesetzt, was auch die Erholung der Aktienkurse Europas nach ihrer Bewertungskorrektur signalisiert.


Gleichzeitig wächst die Kritik an der enormen Verschwendung von Polit-Ressourcen an ein einziges Problem. "Wenn man sich ständig mit einem Land beschäftigt, das für 1 Prozent der Wirtschaftsleistung steht, dann ist es schwierig, die anderen 99 Prozent erfolgreich zu steuern", sagte der Vorstandsvorsitzende von Henkel, Kasper Rorsted, in einem Interview mit der Welt am Sonntag: "Wir beschäftigen uns seit 2008 mit einer Krise, die keine neue Vision von Europa zulässt." Ein Ende der Krise, selbst mit Schrecken, könnte daher sogar für Aufatmen in Europa sorgen, weil endlich wieder Luft für andere Themen wäre.


Selbst ein Gründungsvater des Euro, Ex-Finanzminister Theo Waigel, sieht dies so und verweist auf drängende Themen wie das Freihandelsabkommen TTIP und die Ukraine-Krise: "Dass Europa sich seit einem halben Jahr in erheblichem Maße mit Herrn Tsipras und Herrn Varoufakis beschäftigt, ist unzumutbar", sagte er im Focus. Den Euro sieht er bei einem Grexit nicht in Gefahr: "Wahrscheinlich würde der Euro danach sogar aufwerten." Viel wichtiger sei es, innerhalb der Euro-Gemeinschaft mit klaren Regeln zu arbeiten und sich an sie zu halten: "Vertrauen ist geradezu ein Produktionsfaktor für eine Währungsunion."


Damit stößt Waigel ins selbe Horn wie Anleger-Guru Warren Buffett. Der hatte bereits im April betont, dass eine Währungsunion nicht in Stein gemeißelt sei. Es sei "nicht gottgegeben, dass der Euro immer exakt die gleiche Zahl von Mitgliedern haben muss". Wichtiger sei, dass sich alle Mitglieder an die gleichen Regeln hielten. Investment-Profis interpretierten Buffetts Aussagen korrekt dahingehend, dass ein Grexit von der US-Investment-Gemeinde nicht als Verkaufsgrund für europäische Aktien gesehen würde.


Lediglich kurzfristig ist mit einer Belastung der Märkte aus Sentimentgründen und erhöhter Volatilität zu rechnen. Am Wochenende vor der - wie üblich "entscheidenden und letzten" - Sitzung von Europas Entscheidungsträgern am Montag gehen Händler vom Aufbau kräftiger Absicherungspositionen in DAX und Euro-Stoxx-50 aus. Dies dürfte die Aktienkurse zunächst belasten. Sobald diese in der kommenden Woche aufgelöst würden, wirkten die damit verbundenen Rückkäufe aber wieder stützend auf den Markt. Mit Spannung warten Marktteilnehmer vor allem darauf, ob am Montag die griechischen Banken noch einmal öffnen werden.


Ein "Bank-Run", also den Ansturm der überraschten Öffentlichkeit auf griechische Banken, erwartet im Handel kaum jemand. "Der ist schon längst gelaufen dank der ELA-Geschenke durch die EZB", sagte ein Händler. Die Notkredite von Europas Zentralbank seien im Land gut genutzt worden, um sich Kapitalpolster in Euro aufzubauen. Die Kredit-Analysten der Landesbank Baden-Württemberg weisen darauf hin, dass das Land schon länger mit den entsprechenden Vermeidungsstrategien arbeitet. "Griechenland bereitet sich auf den Grexit vor - das Ersparte wird ins Ausland überwiesen", so ihre Einschätzung. Neben der Zunahme der Bargeldhaltung habe sich schon ein klarer Trend zur Kapitalflucht aus Griechenland gebildet. In den vergangenen zwölf Monaten seien netto bereits rund 70 Millarden Euro aus dem Land an nicht-griechische Banken innerhalb des Euro-Systems überwiesen worden.


Bei einem Scheitern des EU-Sondergipfels am Montag dürfte der Markt vor allem auf die Rentenmärkte und Portugal blicken. Denn bei einem Grexit würde das Land eventuell als nächstschwächster Kandidat angesehen werden, mit einem entsprechenden Anstieg seiner Bond-Renditen. Marktteilnehmer zeigen sich jedoch auch hier entspannter als bei früheren Krisen: Die EZB habe angesichts von Stabilitätsfonds und dem laufenden Quantitative Easing alle Mittel, um schnell dagegenzuhalten. "Wir glauben, dass die EZB aggressiv intervenieren würde", heißt es dazu bei BofA-Merrill Lynch. Zudem habe Portugal, anders als Griechenland, kräftige Reformanstrengungen unternommen, so dass es höchstens zu einer kurzen Schreckreaktion kommen dürfte.


An den Rentenmärkten dürfte ein Grexit, verbunden mit einer faktischen Pleite der Griechen, für einen kurzfristigen Fall der zehnjährigen Bund-Renditen auf ein Allzeit-Tief sorgen, vermuten die LBBW-Analysten. Nach Verarbeitung des Schreckens sei aber ein Wiederanstieg auf 1,0 Prozent denkbar. Sollte die Staatspleite nicht mit dem Ausscheiden aus der Währungsunion verbunden sein, könnte die Rendite bis auf 1,4 Prozent weiterlaufen. Allerdings seien die mit dem Verbleib verbundenen Maßnahmen, wie Streckung der Restlaufzeit von Anleihen oder Senkung der Kupons, ähnlich zu werten wie eine Zahlungsunfähigkeit. Sollte es weder zum Grexit noch zur Staatspleite kommen, wäre das eigentliche Problem nur um die Dauer des dritten Hilfspaketes verschoben, also rund drei Jahre. Die Bund-Renditen dürften dann in Richtung 1,7 Prozent anziehen.


Per Saldo ist beim Blick durch die Analystengemeinde festzustellen, dass ein Grexit für Aktien, Renten und den Euro seinen Schrecken verloren hat. Ein stabiles Regelwerk, an das sich alle Euro-Mitglieder halten müssen, ist mittlerweile als wertvoller erkannt worden, als die Griechen um jeden Preis in der Währungsunion zu halten. "Unserer Meinung nach könnten exzessive Kompromisse die mittelfristige Stabilität teurer zu stehen kommen als ein Grexit", so die Strategen der Deutschen Bank.


Kontakt zum Autor: maerkte.de@dowjones.com


DJG/mod/cln


(END) Dow Jones Newswires


June 19, 2015 08:45 ET (12:45 GMT)


Copyright (c) 2015 Dow Jones & Company, Inc.







 
 
hier klicken zur Chartansicht

Aktuelle Kursinformationen mehr >
Kurs Vortag Veränderung Datum/Zeit
6.971,65 - 7.031,3 - -59,65 - -0,85% 20.07./17:45
 
ISIN WKN Jahreshoch Jahrestief
DE0008469016 846901 7.386 - 6.412 -
Werte im Artikel
1.231 plus
+0,71%
2.879 plus
+0,33%
2.877 plus
+0,20%
-    plus
0,00%
-    plus
0,00%
12.291 plus
0,00%
-    plus
0,00%
-    plus
0,00%
1,16 minus
-0,01%
130,66 minus
-0,21%
0,89 minus
-0,23%
12.285 minus
-0,32%
26.598 minus
-0,39%
26.573 minus
-0,59%
0,99 minus
-0,64%
1.190 minus
-0,82%
5.169 minus
-0,83%
6.972 minus
-0,85%
0,76 minus
-0,86%
111,45 minus
-0,87%
12.555 minus
-0,93%
12.561 minus
-0,98%
Handelsplatz Letzter Veränderung  Zeit
Xetra 6.971,65 - -0,85%  20.07.18
  = Realtime
Aktien des Tages
  

Jetzt für den kostenfreien Newsletter "Aktien des Tages" anmelden und keinen Artikel unseres exklusiven Labels AC Research mehr verpassen.

Das Abonnement kann jederzeit wieder beendet werden.

Meistgelesene Artikel
Aktuelle Diskussionen
RSS Feeds




Bitte warten...