Amazon.com verwirrende Quartalszahlen


06.02.12 17:32
Heibel-Ticker

Berlin (aktiencheck.de AG) - Die Experten von "Heibel-Ticker" raten bei der Amazon.com-Aktie (ISIN US0231351067 / WKN 906866) vorerst einmal abzuwarten.

Gründer und CEO Jeff Bezos sei bekannt für seine Kompromisslosigkeit. Immer wieder habe er den kostspieligen Wachstumsdrang über die kurzfristigen Gewinnambitionen seiner Aktionäre gestellt. Den Experten würden ohne weiteres fünf Quartalsberichte einfallen, mit denen er seit dem Börsengang Amazons im Jahr 1997 seine Aktionäre verprellt habe: Zuerst Wachstum, dann Gewinne!

Zunächst sei es die überlegene Software gewesen, die er für viel Geld habe stricken lassen. Dann seien es die teuren Logistikzentren gewesen, die er weltweit gebaut habe. Dann sei die teure aber geniale One-Klick-Abwicklung hinzugekommen, die er sich auch gleich habe patentieren lassen. Und schließlich habe er mit günstigen Konditionen viele Online-Händler als Kooperationspartner auf seine Plattform geholt. Verdient wird später, so sein Credo, zunächst müssen wir den Weltmarkt aufrollen, so die Experten von "Heibel-Ticker".

Und nun komme mit viel Marktgetrommel das Kindle Fire, wo Amazon.com für jedes verkaufte Gerät einen Obolus draufzahle. Erneut habe Bezos seine Anleger auf seine Expansionsstrategie eingestimmt, und wer ihm die vergangenen vier Mal vertraut habe, der sei schließlich mit einem üppigen Aktienkursgewinn belohnt worden. Ohne Aktiensplits würde die zu 17 USD ausgegebene Aktie heute bei 1.778,20 USD notieren, ein Plus von über 1.000%.

Wie sehe es diesmal aus? Amazon.com habe diese Woche entsprechend den Befürchtungen schlechte Zahlen präsentiert. Noch schlechter als von Analysten erwartet und damit wieder einmal im Akkord mit den früheren Expansionsphasen, wo Analysten es Jeff Bezos niemals abgenommen hätten, wie konsequent er in die Zukunft investiere und wie viel Geld er dafür in kürzester Zeit locker mache.

Doch diesmal überrasche eine andere Zahl weit mehr: Der Umsatz. Es hätte die Experten nach den früheren Erfahrungen nicht überrascht, wenn Bezos ihnen überragende Umsatzzahlen präsentiert und im zweiten Satz erwähnt hätte, dass aber keine Gewinne erwirtschaftet worden seien. Doch diesmal habe der Gewinn über den Erwartungen gelegen aber der Umsatz sei zurückgeblieben. Was sei passiert? Wisse Bezos nicht mehr, wie er in Wachstum investieren müsse?

Zahlen zum Kindle Fire seien nicht bekannt gegeben worden, Bezos habe lediglich von einem Wachstum von 88% gesprochen, habe aber nicht auf welcher Basis verraten. Das Kindle Fire solle im Amazon.com-Universum eine Kundenbeziehung aufbauen wie Apples iPad über iTunes zum App Store. Spiele, Programme und bei Amazon.com natürlich Bücher sollten auf das Kindle Fire geladen werden. Wenn es Amazon.com gelinge, das Kindle Fire im Markt oder in einer Nische zu etablieren, dann werde Amazon darüber seine Kundendatenbanken mit weiteren Verhaltensdaten aufforsten können, ein großer Wert für die gezielten Werbemaßnahmen des Unternehmens.

Doch es bestehe auch die Gefahr, dass das Kindle Fire wie die anderen Touchpads vom iPad überrollt werde. Immerhin habe Apple nun eine Kooperation mit einigen Schulen gestartet und wolle sämtliche Schulbücher auf dem iPad verfügbar machen. Sei Bezos zu langsam gewesen?

Sei Amazon.com überhaupt in der Lage, ein Touchpad mit Hard- und Software anzubieten, das den hohen Ansprüchen am Markt genüge? Oder sei Amazon.com letztlich doch nichts weiter als ein Einzelhändler, wenn auch stark technologieorientiere?

Man müsse zugeben, man lönne diese Frage nicht beantworten: Alles spreche dafür, dass das Kindle Fire nicht gegen das iPad bestehen können werde. Doch das Kindle Fire als einen Fehler abzustempeln, würde heißen, gegen Jeff Bezos zu wetten - und damit habe man bislang immer falsch gelegen.

So sei Amazon.com durch die jüngsten Zahlen in meinen Augen zu einer Aktie geworden, mit der man vorerst nicht spielen dürfe. Weder dürfe man die Aktie kaufen, noch leer-verkaufen. Der Kampf sei im Gange und es sei noch zu früh, einen Gewinner auszumachen. Warte man also auf das nächste Quartalsergebnis in drei Monaten.

Klar, die Experten könnten eine reißerische Empfehlung schreiben, in der sie die Qualitäten und den Weitblick des Jeff Bezos hervorheben würden. Sie könnten auch die Aktie zerreißen, indem sie den schwachen Umsatz als den Anfang vom Ende herausstellen würden. Manchmal sei es aber für einen Anleger das beste, sich einfach ehrlich einzugestehen, dass man sich in dieser Situation keine Meinung bilden könne. Und bei Amazon.com sei das derzeit der Fall.

Die Experten von "Heibel-Ticker" raten bei der Amazon.com-Aktie also vorerst einmal abzuwarten. (Ausgabe 5 vom 03.02.2012) (06.02.2012/ac/a/a)

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